Netzforen

Die Antisemitismus-Seismografen

Das CeMAS-Team analysiert Zusammenhänge, Diskussionsprozesse und Radikalisierungen in den Diskussions- und Mitteilungsplattformen. Foto: imago/Westend61

Da stecken die CIA, der KGB, der Mossad, Bill Gates und »der Rothschild« – oder ganz offen: »der Jude« – dahinter: Verschwörungstheorien wabern durch die Digitalwelt in die Büros, Wohn- und Kinderzimmer, poppen in sozialen Medien auf und zwitschern, manchmal millionenfach geteilt und gelikt, durchs Netz zum User.

»Verschwörungsideologien verbreiten sich rasend schnell in den sozialen Medien und im Internet«, äußert sich die Sozialpsychologin Pia Lamberty besorgt über wachsenden Antisemitismus und Rassismus. »Der digitale Hass wird nach wie vor unterschätzt, und es existiert wenig Wissen über die Funktionsweise und Dynamik, die im Netz herrschen.«

expertenteam Lamberty will künftig mit einem Expertenteam aus Psychologen, Linguisten und Sozialwissenschaftlern die Mechanismen dieser virtuellen Hass- und Verschwörungswelt untersuchen und sich damit einer neuen »Herausforderung für die Gesellschaft« stellen. Insgesamt 2,8 Millionen Euro hat die Alfred Landecker Foundation für den Aufbau und die interdisziplinäre Arbeit des gemeinnützigen »Center für Monitoring, Analyse und Strategie« (CeMAS) zur Verfügung gestellt.

Dessen Aufgabe, erläutert Lamberty, wird es sein, durch systematisches Monitoring zentraler digitaler Plattformen Zivilgesellschaft, Medien und Politik »Handlungsempfehlungen gegen Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus an die Hand zu geben«.

»Viele Debatten bewegen sich unterhalb des Schirms strafrechtlicher Bedeutung.«

Pia Lamberty

Im Gegensatz zu Initiativen, die antisemitische und rassistische Straftaten, Übergriffe und Beleidigungen im Netz registrieren und öffentlich machen, verfolgt und analysiert das CeMAS-Team Zusammenhänge, Diskussionsprozesse und Radikalisierungen in den Diskussions- und Mitteilungsplattformen. »Viele Debatten bewegen sich unterhalb des Schirms strafrechtlicher Bedeutung«, gibt Lamberty zu bedenken. »Wir wollen wissen: Wann kippt diese Sprache des Hasses in verbale Gewalt und Aufforderung dazu um?«

SZENE Nach der Erfahrung der Doktorandin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz lässt sich in den Foren sehr genau ablesen, wann aus Reden und Gewaltfantasien konkrete Überlegungen zur gewaltsamen Umsetzung werden. »Wir müssen die Szene verstehen, um in einer demokratischen Gesellschaft Handlungsmechanismen entwickeln zu können – zur Prävention und Bekämpfung von Hass und Hetze, die in Gewalt umschlägt.«

Beispiele gibt es einige, bei denen die Debatten in Foren wie dem Messengerdienst Telegram die späteren Taten vorweggenommen haben, erklärt die Psychologin: der gewaltsame Angriff von Trump-Anhängern auf den US-Kongress im Januar dieses Jahres in Washington nach einer Rede des damals noch amtierenden, aber bereits abgewählten US-Präsidenten etwa oder die Erstürmung der Stufen zum Reichstag im August vergangenen Jahres; oder Aktionen bei Anti-Corona-Demonstrationen wie in Kassel und Dresden, die in Gewalt umgeschlagen sind. »Das waren Aktionen mit Ansage, deren Basis in den Netzforen vorbereitet wurden«, sagt Pia Lamberty.

Es komme nicht nur darauf an, Daten zu sammeln, sondern auch darauf, die Phänomene dahinter zu verstehen.

Aber es komme nicht nur darauf an, Daten zu sammeln. »Es kommt darauf an, die Phänomene dahinter zu verstehen«, betont Lamberty. An der digitalen Präsenz des inzwischen polizeilich gesuchten Kochs Attila Hildmann, einem der Wortführer von Hass und Hetze, lasse sich sehr genau erkennen, wie Antisemitismus sich hinter Begriffen wie »Rothschild« und anderen kryptischen Klischees verstecke und umschlage, indem konkret von »der Jude« gesprochen werde. »Diese Entwicklung lässt sich anhand unserer Daten genau verfolgen.« Mit der Analyse von sozialen Medien und Internetforen will CeMAS aufzeigen, was eine »Online-Mobilisierung in der sogenannten Offline-Welt macht, denn digitale und analoge Gewalt sind zwei Seiten derselben Medaille«.

VERSCHIEBUNGEN Vielleicht lässt sich die Arbeit der Wissenschaftler am besten mit der Arbeit von Erdbebenforschern vergleichen, die die tektonischen Verschiebungen der unterschiedlichen Erdplatten genauestens registrieren und durch Hochrechnungen und Erfahrungswerte Risiken für vulnerable Kontinente und Landstriche herausfinden, damit Spezialisten Gefahren für Land und Leute frühzeitig kennen und handeln können – als Seismografen für gesellschaftliche Verwerfungen.

Denn: »Es braucht nicht nur eine Datenquelle, um ein Phänomen zu verstehen, sondern ein Frühwarnsystem mit analytischem Instrumentarium an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft«, sagt die Sozial- und Rechtspsychologin Pia Lamberty.

Leipzig

Dobrindt: Deutsche Drohnenabwehr mit Unterstützung Israels

Nach dem Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne am Leipziger Flughafen kündigte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verstärkte Anstrengungen gegen hybride Bedrohungen an. Helfen sollen dabei auch die Ukraine und Israel

 06.08.2026

Magdeburg/Halle

Schulze: Hallervorden-Auftritt steht für Meinungsfreiheit

Der Komiker verbreitet Verschwörungstheorien über Israel und relativiert Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine

 06.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  06.08.2026

Detroit (Michigan)

Israel-Kritiker El-Sayed gewinnt demokratische Vorwahl für Senat

Der Politiker wird im November gegen den republikanischen Kandidaten antreten. Trump nennt El-Sayed einen »kommunistischen Verlierer, der Juden und Israel hasst«

 06.08.2026

Meinung

»Blaue Moschee« als Gedenkstätte für die Opfer des Islamismus?

Nach der Schließung des eng mit dem iranischen Regime verflochtenen »Islamischen Zentrums Hamburg« wird über die künftige Nutzung des Ortes diskutiert

von Ulrike Becker  06.08.2026

Sachsen-Anhalt

Schoa-Relativierung als Programm

Im Falle eines Sieges der AfD bei der Landtagswahl droht in dem Bundesland eine geschichtspolitische Wende

von Stefan Laurin  06.08.2026

Vorurteile

Können wir mal reden?

Warum persönliche Begegnungen und Gespräche heute wichtiger sind denn je – insbesondere beim Thema Israel

von Sabine Brandes  06.08.2026

Washington D.C.

Vance widerspricht Bericht über Streit mit Netanjahu: »Angenehmes, aber direktes Gespräch«

Der US-Vizepräsident sagt, er betrachte Israel weiterhin als wichtigen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Unterschiedliche Positionen gegenüber der israelischen Regierung seien kein außergewöhnlicher Vorgang

 06.08.2026

»Letzte Verteidigungswelle«

Haftstrafen gegen junge Neonazis

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« vor Gericht. Weil sie so jung sind, ohne Öffentlichkeit. Nun sind die Urteile gefallen.

 05.08.2026