Nach dem Anschlag

»Deutschland muss sicherer werden«

Herr Shpiro, Sie haben in der ARD-Talkshow von Sandra Maischberger gesagt, der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sei für Deutschland »das ›nine eleven‹«. Ist das nicht übertrieben?
Natürlich sind die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Katastrophe nicht mit den Anschlägen vom 11. September in den USA zu vergleichen. Aber ich ziehe einen Vergleich in Bezug auf die politischen und vor allem auf die gesellschaftlichen Reaktionen.

Sie glauben also, der Anschlag auf den Markt ist für Deutschland ebenso schwer zu verkraften wie die Terroranschläge vor mehr als 15 Jahren in den USA?
Ich glaube, dass das Ausmaß der gesellschaftlichen Reaktionen in den kommenden Tagen und Monaten vergleichbar sein wird. Aber vor allem sind jetzt schwerwiegende Entscheidungen aus der Politik zur Terrorbekämpfung notwendig. Es muss viel mehr Geld in die innere Sicherheit investiert werden, und es muss endlich eine Strategie entwickelt werden. Bis jetzt gab es in Deutschland weder ernsthafte politische noch gesellschaftliche Diskussionen darüber, wie man mit Terrorismus umgehen soll. Die Diskussion beschränkte sich auf den Schutz der Privatsphäre und die Menschenrechte, aber es ging nicht um die operative Seite der Terrorbekämpfung.

Steht Ihre Kritik auch in Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik?
Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gibt jetzt ein Terrorismusproblem, und damit muss man umgehen, aus der Erfahrung anderer Staaten lernen, die Zusammenarbeit intensivieren und vor allem auch die Entscheidungswege schlanker machen. Wozu braucht Deutschland 17 verschiedene Inlandsnachrichtendienste – nämlich 16 Landesämter für Verfassungsschutz und das Bundesamt für Verfassungsschutz? Die Koordinierung zwischen verschiedenen Ämtern, von denen einige sehr klein sind, ist kaum zu bewältigen, und der Informationsaustausch ist mühselig.

Fordern Sie eine zentrale Datei für Terrorverdächtige?
Im Gegenteil, ich fordere einen viel schnelleren Austausch von Information zwischen den Behörden.

Kann Deutschland bei der Terrorbekämpfung von Israel lernen?
Ich sehe zwei Möglichkeiten. Die erste betrifft die passive Sicherheit – auf öffentlichen Plätzen, in Shoppingcentern und auf großen Bahnhöfen und anderen »weichen Zielen« für Terroristen. Da kann Deutschland von Israel lernen, aber natürlich soll man nicht in Extreme verfallen. Israel ist ein extremes und vielleicht nicht das geeignetste Beispiel, weil die Bedrohungslage dort viel höher ist. Deutschland muss jetzt sicherer gemacht werden. Aber hier kann man auch von England wegen seiner Erfahrung mit dem IRA-Terror und von Frankreich wegen seiner Erfahrung in den vergangenen Jahren mit dem IS-Terror lernen. Diese Lehren müssen an die deutschen Verhältnisse angepasst werden.

Sie waren am Montagabend auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin am Breitscheidplatz, zehn Minuten, bevor der Terroranschlag passiert ist. Hätten Sie das als Israeli erwartet – ausgerechnet in Berlin beinahe Zeuge eines Anschlags zu werden?
Es hat einige Stunden, vielleicht auch einen Tag gedauert, bis ich das innerlich verarbeitet habe. Ich habe sehr gemischte Gefühle, und mir war auch sehr mulmig zumute. Als ich den Weihnachtsmarkt verlassen habe, bin ich in einen Bus gestiegen. Mir war es einfach zu kalt. Hinter mir auf dem Markt war ein israelisches Paar, sie haben Hebräisch gesprochen. Später habe ich gehört, dass ein Israeli bei dem Anschlag schwer verletzt wurde und seine Frau vermisst wird. Ich weiß nicht, ob das dieses Paar war oder nicht. Aber manchmal sind Leben und Tod nur eine Frage von Sekunden. Das zeigt, wie fragil unsere Gesellschaft ist –egal, ob in Israel oder anderswo.

US-Geheimdienste haben vor Anschlägen auf Weihnachtsmärkten gewarnt. War die Terrorattacke auf dem Breitscheidplatz also erwartbar?
Ich glaube, der Breitscheidplatz wurde aus zwei Gründen als Ziel ausgewählt. Erstens wegen der Menschenmassen, und weil er leicht zugänglich für schwere Fahrzeuge ist. Aber auch wegen seiner historischen Bedeutung. Die Gedächtniskirche ist die Verbindung zwischen dem alten und dem neuen Berlin. Diese Ruine, die absichtlich dort stehen gelassen wurde, soll ein Mahnort gegen Krieg und für Frieden sein. Die Terroristen wollten genau diesen Ort des Friedens zum Ort des Tötens machen.

Mit dem Terrorismusexperten und Professor für Politologie an der Bar-Ilan-Universität in Israel, der sich derzeit für ein Sabbatical in Deutschland aufhält, sprach Ayala Goldmann.

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  01.10.2026

Aufruf

Rapper Danger Dan: Man darf sich von Angst nicht lähmen lassen

Das ZDF untersagte im Sommer den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit mit ihrem Song »Keine Angst« in der Satire-Sendung »Die Anstalt«. Doch das Lied motivierte andere, aktiv zu werden gegen Neonazi-Umtriebe

von Barbara Just  01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Terrorismus

Sicherheitsbehörden verhindern Mordanschläge auf jüdische Ziele in Deutschland

Die Hintergründe

 01.10.2026

Washington D.C.

Keith Sonderling als US-Arbeitsminister bestätigt

In den Vereinigten Sraaten ist der in New York geborene Anwalt bereits der vierte Jude, der dieses Amt ausübt

 01.10.2026

Der RAF-Stützpunkt Fairford, im Hintergrund ein B1-Bomber

London

Vorfall bei US-Militärbasis: »Hinweise« auf Beteiligung eines Drittstaates

Nach dem Vorfall an einem US-Luftwaffenstützpunkt in Großbritannien kommen immer mehr Details ans Licht. Andy Burnham bestätigt nun eine mögliche Verbindung zu einem ausländischen Akteur.

 01.10.2026

Berlin

Linken-Politiker Ferat Koçak gibt Sitz im Innenausschuss ab

Der Wahlsieg der Linken lässt die Linken jubeln. Doch Fotos werfen Fragen zu Mitfeiernden auf. Der Neuköllner Bundestagsabgeordnete steht besonders in der Kritik und zieht nun Konsequenzen

 01.10.2026

Berlin

Linke, Grüne und SPD reden über Antisemitismus

Die drei potenziellen Koalitionspartner diskutieren nach der Wahl gemeinsam über Judenhass und organisierte Kriminalität. Warum das offiziell noch keine Sondierungen sind

 01.10.2026