Griechenland

Der Not gehorchend

Monastiriotis-Synagoge in Thessaloniki, 17. März 2013: Gedenken an den 70. Jahrestag des Beginns der Deportationen Foto: dpa

Was die jüdischen Naziopfer in Griechenland jetzt erleben, ist das, was alle anderen Menschen dort auch erleben: Die Renten wurden halbiert», sagt Elvira Glück. Sie betreut für die Claims Conference Projekte in Europa. Besonders nach Griechenland reist sie häufig und hält Kontakt zu den dortigen Gemeinden.

Deren Lage ist prekär. Acht Gemeinden gibt es noch in Griechenland, die größte in Athen hat 3500 Mitglieder. Thessaloniki ist mit etwa 1300 Mitgliedern die zweitgrößte griechische Gemeinde, vor der Schoa lebten hier 45.000 Juden.

Ihre Einnahmen beziehen die Gemeinden fast nur aus Immobilienbesitz, doch der wird mittlerweile massiv besteuert – als Vorauszahlung aufs kommende Jahr. «Wenn man die Immobilie nur für wenige Monate vermieten kann, hat man ein Problem», sagt Elvira Glück.

armut Für die weit über 70 Jahre alten Gemeindemitglieder, die oft ihre Familien im Holocaust verloren haben, kommen weitere Probleme hinzu: Ihre Kinder, die 40-, 50-Jährigen, sind massiv von Arbeitslosigkeit betroffen. «Die können ihre Eltern nicht unterstützen», sagt Glück, «und die jungen Leute gehen weg: nach Israel, nach Amerika oder in andere westliche Länder.»

Ein bisschen helfen kann die Claims Conference schon: Es gibt noch 424 sogenannte Artikel-2-Empfänger. «Das sind ältere Menschen, die aus dem Artikel-2-Fonds der Claims Conference monatlich 320 Euro erhalten.» Dass die Claims Conference aushandeln konnte, dass diese Gelder seit 2012 auch den Menschen zukommen, die sich mindestens sechs Monate vor den Nazis versteckt hielten, ist ein Erfolg.

opferrolle
Mit der Diskussion über Reparationen hat die Claims Conference freilich nichts zu tun. Der CDU-Politiker Gunther Krichbaum, Vorsitzender des Europa-Ausschusses des Bundestags, sagte jüngst, griechische Reparationsforderungen seien nur ein Manöver, um «von der eigenen Unfähigkeit abzulenken und sich selbst in eine Opferrolle zu begeben».

Am Wochenende hingegen hatte sich Bundespräsident Joachim Gauck anders geäußert. «Es ist richtig, wenn ein geschichtsbewusstes Land wie unseres auslotet, welche Möglichkeiten von Wiedergutmachung es geben könnte», sagte Gauck der «Süddeutschen Zeitung». An der ablehnenden Haltung der Bundesregierung hat das nichts geändert, aber es ist Bewegung in die Diskussion gekommen.

eu-schuldenkrise
Die ist nicht nur kompliziert, weil sie – zumindest in Deutschland – vor dem Hintergrund der griechischen EU-Schuldenkrise gesehen wird, sondern auch, weil oft verschiedene Ebenen der «Wiedergutmachung» vermengt werden. «Es geht erstens um Reparationen für den griechischen Staat, zweitens um die Rückzahlung einer Zwangsanleihe und drittens um individuelle Forderungen griechischer Opferangehöriger», schreibt der Journalist Christian Rath in der «tageszeitung».

Was die staatlichen Reparationsforderungen angeht, wird meist auf das Londoner Schuldenabkommen von 1953 verwiesen. Da wurden die griechischen Ansprüche als berechtigt anerkannt, aber vertagt, bis es für Deutschland einen Friedensvertrag gibt. Die Bundesregierung hält aber den Zwei-plus-Vier-Vertrag, der die Wiedervereinigung regelt, nicht für einen Friedensvertrag.

«Die Forderungen sind mehr als berechtigt», sagte jedoch David Saltiel, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thessaloniki, im März dieser Zeitung. Das gelte auch für die Rückzahlung einer Zwangsanleihe, die sich Deutschland 1942 von der griechischen Notenbank hatte auszahlen lassen.

thessaloniki Saltiel bewegt noch eine andere Forderung, die sich nicht gegen die Regierung in Berlin, sondern gegen die Deutsche Bahn richtet: Zwischen März und August 1943 wurden allein aus Thessaloniki 48.000 Juden nach Auschwitz und Treblinka deportiert. Sie wurden überdies gezwungen, für ihre Fahrtkosten selbst aufzukommen. «Wenigstens die Fahrkarten sollte man uns erstatten», sagt Saltiel.

Gemeinsam mit der Initiative «Zug der Erinnerung» hat sich die Jüdische Gemeinde Thessaloniki nun an die Deutsche Bahn AG gewandt, sie möge den Betrag zurückzahlen. Berechnet wurde unter Berücksichtigung des Zinssatzes eine Summe von 89 Millionen Euro. «Kopien der Bahnfahrkarten stehen zur Verfügung», heißt es in dem Schreiben an die Bahn.

Krieg

Medien: Trump fordert von Israel Verzicht auf Gegenschläge

Der US-Präsident fordert zugleich den Iran auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und ein Abkommen abzuschließen

 07.06.2026

Krieg

Iran bricht die Waffenruhe und feuert Raketen auf Israel

Was bislang bekannt ist

 07.06.2026 Aktualisiert

Kommentar

Der alte Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Meinung

Libanon: Zwischen Anschein und Wirklichkeit

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, darf den Zedernstaat nicht als tragisches Opfer Israels lesen

von Jacques Abramowicz  07.06.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor islamistischer Einflussnahme auf deutsche Institutionen

Laut BfV-Chef Sinan Selen geht es nicht um kurzfristige Aktionen, sondern langfristig angelegte Strategien, die auf eine Veränderung politischer Entscheidungsprozesse abzielen

 07.06.2026

Justiz

Richterbund warnt vor Einfluss der AfD auf Justiz

Das Risiko gezielter politischer Eingriffe in die Richterauswahl und in die Strafverfolgung müsse minimiert werden

von Lukas Philippi  07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  07.06.2026

Teheran

Irans neuer Oberster Führer erklärt USA zum Verlierer des Krieges

Der Oberste Führer wirft den Gegnern seines Landes vor, nach dem militärischen Konflikt nun auf psychologische Mittel zu setzen

 05.06.2026