Ein paar Fans hat er immer noch. Im Mai verurteilte ein Gericht in Frankreich Jacques Boncompain zu einer Strafe von 5.000 Euro wegen »öffentlicher Leugnung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Der Schriftsteller und Vorsitzende der Vereinigung zur Verteidigung des Andenkens an Marschall Pétain (ADMP) hatte für ebendiesen Marschall einen Gottesdienst organisiert. Und am Rande der Veranstaltung unter anderem behauptet, Pétain habe im Zweiten Weltkrieg »mindestens 700.000 Juden« gerettet.
Schon der Gottesdienst selbst hatte im November 2025 für Schlagzeilen gesorgt. Laut Medienberichten sicherten etwa 50 Polizisten die Kirche Saint-Jean Baptiste in Verdun, vor deren Pforten Demonstranten skandierten: »Keine Faschos in Verdun, keine Messe für Pétain!« Was aber hat es mit diesem Mann auf sich, der offenbar auch 75 Jahre nach seinem Tod für einen Skandal gut ist?
Ein Held wird geboren
Am 24. April 1856 kommt Henri Philippe Pétain im Norden Frankreichs, in Cauchy-à-la-Tour, zur Welt. Der Bauernsohn macht Karriere beim Militär. Seine große Stunde schlägt im Ersten Weltkrieg. Bei den brutalen Kämpfen an der Westfront versucht Pétain, mit einer defensiven Strategie das Leben seiner Soldaten zu schonen. Die Schlacht von Verdun wird 1916 zur Geburtsstunde des Mythos Pétain, wie der Historiker und Buchautor Matthias Waechter erläutert.
Zum Kriegsende wird der »Held von Verdun« zum Marschall ernannt. Pétain avanciert zu einer Integrationsfigur vor allem für die »anciens combattants«, die Kriegsveteranen. 1939 geht er als Botschafter ins Nachbarland Spanien. Dort ist der faschistische Diktator Francisco Franco nach einem blutigen Bürgerkrieg an die Macht gekommen. Eine durchaus delikate Mission.
Die Bewährungsprobe kommt 1940
Doch die ganz große Bewährungsprobe für den Marschall steht noch aus. Er wird daran scheitern. Am 10. Mai 1940 greift Deutschland das Nachbarland Frankreich an. Schon am 14. Juni stehen Adolf Hitlers Soldaten in Paris. Nach diesem »gewaltigsten Sieg der deutschen Geschichte«, wie der deutsche Rundfunk tönt, gebe es keine Alliierten mehr. »Es bleibt nur noch ein Feind: England!«
Und Pétain? Übernimmt die Macht in Frankreich - beziehungsweise in dem Teil, den die Deutschen nicht besetzen. Hauptstadt wird der Kurort Vichy im Herzen Frankreichs. Anstelle der Republik baut der Marschall einen autoritären Führerstaat auf und verkündet seinen Landsleuten nach einem Treffen mit Adolf Hitler: »Eine Kollaboration zwischen unseren beiden Ländern ist ins Auge gefasst worden.«
Juden werden ausgegrenzt
Die Lichtgestalt von Verdun - sie zeigt nun ihre Schattenseite und verstrickt sich immer tiefer in das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten: die Vernichtung jüdischen Lebens. »Die erste Phase ist die Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben durch das Judenstatut«, sagt Historiker Waechter, der in Nizza das renommierte Hochschulinstitut CIFE leitet. »Da gab es keinerlei deutschen Druck, das war eine souveräne Entscheidung Vichys.«
Doch dabei bleibt es nicht. »Das zweite Element ist die Beteiligung des Vichy-Regimes an der nationalsozialistischen Rassenpolitik, insbesondere die Auslieferung von Juden und Jüdinnen an die Besatzer.« Zum Sinnbild für die Kollaboration zwischen dem Vichy-Regime und der SS wird eine Razzia im Sommer 1942 in dem von den Deutschen besetzten Paris.
Ein Tiefpunkt: die Rafle du Vel‘ d’Hiv
Fast 13.000 ausländische Juden werden von der französischen Polizei verhaftet und im Vélodrome d’Hiver (kurz: »Vel‘ d’Hiv«) zusammengepfercht, einer Sportstätte in der Nähe des Eiffelturms. Die meisten bringen die Deutschen ins Vernichtungslager Auschwitz, um sie dort zu ermorden. Pétain ist zu einer Marionette der Nazis herabgesunken.
Die katholische Kirche, die dem Staatschef anfangs durchaus positiv gegenüberstand, geht auf Distanz. Bischöfe protestieren gegen die Deportationen und appellieren an das Mitgefühl des Marschalls, wie Historiker Waechter sagt.
Viele Juden, insbesondere Kinder, hätten in der Folge in katholischen Einrichtungen Unterschlupf gefunden und Hilfe von Geistlichen erhalten. »Insofern kann die Einstellung der Kirche stellvertretend für den progressiven Sinneswandel der Franzosen stehen.« Die hatten dem greisen Staatsführer zunächst auch noch ein begeistertes »Maréchal, nous voilà!« (Hier sind wir, Marschall!) entgegengeschmettert.
Sigmaringen ist der Anfang vom Ende
Das letzte, bizarre Kapitel des Vichy-Regimes wird in Deutschland geschrieben, in Sigmaringen. Weil die Alliierten immer weiter vorrücken, verbringen die Nationalsozialisten im September 1944 Pétain und seine Clique sowie rund 2.000 weitere Franzosen in die baden-württembergische Stadt. Die Prominenz residiert im dortigen Hohenzollern-Schloss. Viel zu sagen hat die Scheinregierung nicht mehr. Deren Tätigkeit habe sich aufs »Dinieren, Diskutieren und Intrigieren« beschränkt, heißt es.
Am 23. Juli 1945 beginnt im Pariser Palais de Justice der Prozess gegen den inzwischen 89-jährigen Pétain. Wegen Hochverrats und Zusammenarbeit mit dem Feind verurteilen ihn die Richter zum Tode. Der Chef der provisorischen Regierung, Charles de Gaulle, begnadigt ihn. Am 23. Juli 1951 stirbt Pétain mit 95 Jahren in der Verbannung: auf der französischen Atlantik-Insel Île d’Yeu.