Schalom Aleikum

»Der Dialog muss weitergehen«

Dmitrij Belkin Foto: imago/tagesspiegel

Herr Belkin, nach dem islamistisch motivierten Anschlag in Wien mehren sich Stimmen, die dafür werben, weiter im Gespräch mit friedliebenden Muslimen zu bleiben. Wie kann ein Projekt wie »Schalom Aleikum« dabei helfen?
Indem wir bewusst weitermachen. Wir haben mit »Schalom Aleikum« ein klares Ziel: In einem begrenzten Zeitraum von etwa zweieinhalb Jahren auf einem begrenzten geografischen Gebiet – in Deutschland – wollen wir den jüdisch-muslimischen Dialog gesellschaftlich etablieren, nachhaltige Netzwerke bilden und den Antisemitismus bewusst abbauen. Wir verfügen bereits über zahlreiche Kontakte unter Muslimen, die uns optimistisch stimmen. Unsere muslimischen Partnerinnen und Partner können liberal, gemäßigt, aber auch konservativ und traditionell sein. Sie dürfen nur eines nicht sein: Extremisten oder ihre Anhänger. Und sie dürfen die Existenz des Staates Israel nicht infrage stellen.

Welche Erfahrungen wurden im Rahmen des Projekts – oder auch darüber hinaus – im jüdisch-muslimischen Dialog gemacht?
Ganz verschiedene. Entscheidend ist: Das nachhaltig wirkende gegenseitige Vertrauen wächst. Muslime kommen gern zu uns. Jüdische und muslimische Teilnehmer entdecken viele Gemeinsamkeiten. Die ähnlichen Diskriminierungserfahrungen sind ein wichtiges Thema. Wir haben bisher mit Startup-Unternehmern und Lehrern wie auch mit Vertretern der LGBTIQ-Community und Sportlern gearbeitet, demnächst auch mit jungen Erwachsenen. Muslime und Juden spielen in der heutigen deutschen Gesellschaft mit. Diese nur scheinbar offensichtliche Tatsache zeigen wir gern einer breiten Öffentlichkeit.

Wie kann man darüber hinaus Menschen erreichen, die auf beiden Seiten vielleicht nicht so aufgeschlossen für eine Verständigung sind? Gibt es da auch Initiativen?
Wir haben von Anfang an gesagt, mit bereits radikalisierten Muslimen reden wir nicht. Wir haben im Vorfeld des Projekts festgelegt: Wir wollen einen jüdisch-muslimischen Dialog jenseits der Funktionärsebene auf Augenhöhe führen. Das heißt, unsere Partner auf der muslimischen Seite sind keine Verbände, sondern einzelne Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft. Wir wissen, dass es bereits viele aufgeschlossene Menschen in muslimischen Communities gibt. Wir ermöglichen ihnen einen Kontakt zu den jüdischen Akteuren und Gemeinden und hoffen auf einen positiven Domino-Effekt des jüdisch-muslimischen Dialogs.

Inwiefern können sich Juden gemeinsam mit Muslimen gegen Islamismus und Radikalisierung einsetzen?
Wir stellen nüchtern fest: Mit einem Dialogprojekt können wir die Gesellschaft nicht revolutionieren. Wir können sie aber durchaus sensibilisieren. Zum Beispiel dafür, dass mit Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit zwei Phänomene da sind, die radikale Formen der Diskriminierung bedeuten. Diese Phänomene lassen sich vergleichen, aber nicht gleichsetzen. Bei allen Ähnlichkeiten sind sie doch historisch und gesellschaftlich zu unterschiedlich konnotiert. Wir wissen, dass der Antisemitismus ein Phänomen ist, das auch bei Muslimen in der Bundesrepublik nach wie vor verbreitet ist. Der Abbau beziehungsweise die Prävention von Antisemitismus ist ein langer und komplexer Prozess.

Sollte sich herausstellen, dass sich der Angriff in Wien gezielt gegen die Synagoge gerichtet haben sollte - was würde dies für die Zukunft des jüdisch-muslimischen Dialogs bedeuten?
Sowohl der Anschlag auf die Synagoge in Halle mit dem rechtsradikalen Motiv des Täters als auch jetzt der Terrorakt in Wien mit dem höchstwahrscheinlich islamistischen Motiv des Terroristen haben einmal mehr eines gezeigt: Ziel des Tötens sind tatsächlich »alle«. Auf pauschale Schuldzuweisungen sollten wir verzichten und gleichzeitig bedenken: Islamisten sind radikalisierte Muslime. Insofern hat dieser Terror auch mit dem Islam zu tun. Der Dialog muss weiter gehen – durchdacht, empathisch, aber auch ehrlich und kritisch.

Mit Dmitrij Belkin sprach Leticia Witte. 

Debatte

Warum werden Israels Fehler laut, der mörderische Judenhass seiner Feinde aber allzu oft nur sehr leise benannt?

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

von Stephan-Andreas Casdorff  26.05.2026

Teheran

Bericht: Internetsperre im Iran teilweise aufgehoben

Nach mehr als zwei Monaten ist das Internet im Iran laut einem Bericht teilweise wieder erreichbar. Ob die Aufhebung der Sperre dauerhaft bleibt, ist noch offen

 26.05.2026

Texas

»Ich bin gegen zionistische Juden«: Schwere Vorwürfe gegen Kandidatin der Demokraten

Maureen Galindo will ein »Gefängnis für amerikanische Zionisten« einrichten

 26.05.2026

Förderung

Bundesrechnungshof rügt Auswärtiges Amt wegen Geld für Islamic Relief

Islamic Relief Deutschland präsentiert sich als humanitäre Hilfsorganisation. Und erhielt Förderung des Auswärtigen Amtes. Der Bundesrechnungshof rügt das: Es gebe Verbindungen zur Muslimbruderschaft

von Christoph Arens  26.05.2026

Mexiko-Stadt

Mexiko nimmt iranische Nationalmannschaft während der WM auf

Präsidentin Claudia Sheinbaum sagt, die USA hätten angefragt, ob die Iraner in ihrem Land übernachten könnten. »Und wir haben gesagt: Ja, ohne Problem, wir haben damit überhaupt kein Problem.«

 26.05.2026

Teheran

Irans Präsident ordnet Freischaltung des Internets an

Während des Krieges wollte das Regime offenbar verhindern, dass Berichte, Bilder über das Ausmaß der Kriegsschäden sowie über die Stimmung im Land in sozialen Medien verbreitet werden

 26.05.2026

Bilbao/Wien

Festnahmen und Tumulte um Gaza-Flottillen-Aktivisten in Spanien und Österreich

Teils chaotische Szenen mit Rangeleien und dem Einsatz von Gewalt durch Sicherheitskräfte werden von den Flughäfen in Bibao und Wien gemeldet

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Nahost

USA greifen iranische Ziele an

Das US-Zentralkommando spricht von begrenzten Einsätzen, die »vorerst abgeschlossen« worden seien. Derweil warnt Außenminister Rubio das Teheraner Regime

 26.05.2026