Interview

»Der Attentäter ist mir egal. Das ist eine Sache zwischen mir und Gott«

Rabbiner Jeremy Borovitz Foto: Jan Feldmann

Herr Rabbiner Borovitz, was ist Ihre früheste Erinnerung an Jom Kippur?
Es ist keine echte Erinnerung, sondern eine Geschichte, die mir meine Mutter immer erzählte. Als ich etwa anderthalb Jahre alt war, wurde mein Vater Rabbiner einer neuen Synagoge in New Jersey. Er hat an Jom Kippur vorgebetet, und gegen Ende dieses langen Tages wand ich mich aus den Armen meiner Mutter und rannte in seine Richtung, direkt auf die Bima, die Kanzel, zu: »Dada!« Er nahm mich in die Arme, betete unbeirrt weiter und hielt mich fest, bis der letzte Ton des Schofars ertönte. Danach wurde es zur Tradition in unserer Synagoge, dass die Kinder für die letzten Minuten von Jom Kippur alle mit auf die Bima durften.

Jom Kippur ist ein Tag, der selbst für viele Erwachsene schwer greifbar ist. Was bedeutete er in Ihrer Kindheit für Sie?
In unserer Familie war es normal, dass wir davor alle einander um Verzeihung baten. Es ist sehr tief in mir verankert, diese Zeit zu nutzen, um über sich selbst zu reflektieren: Was habe ich falsch gemacht, und wie kann ich mich verbessern?

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Die Rabbiner sprechen von Teschuwa, einem Prozess der Rückkehr zu Gott und seinen Geboten, den jeder Jude vor den Hohen Feiertagen durchlaufen soll. Sie haben sich später entschieden, selbst Rabbiner zu werden. Was haben Sie in Ihren Studien über dieses Konzept gelernt?
Dass selbst unter den Rabbinern sehr umstritten ist, was genau diese Umkehr eigentlich meint! So sagt der Rambam, eine erfolgreiche Teschuwa sei, wenn man in die exakt gleiche Situation kommt und diesmal anders, also besser handelt. Aber dann gibt es auch chassidische Rabbiner wie den Baal Schem Tov, die Teschuwa vielmehr als inneren Prozess verstehen, in dem jeder Einzelne quasi seine eigene Zerbrochenheit repariert. Ihnen geht es weniger um das Handeln, sondern um einen spirituellen Prozess.

Geht es bei Teschuwa eigentlich mehr um Reue gegenüber den Mitmenschen oder gegenüber Gott?
Wie könnten wir Gott um Vergebung bitten, wenn wir nicht vorher mit unseren Mitmenschen im Reinen sind? Es ist quasi ein Zwei-Phasen-Modell. Eigentlich sollst du dich vor Rosch Haschana bei deinen Liebsten entschuldigen. Wenn wir an Jom Kippur mit Kol Nidre beginnen, dann geht es nur noch um dich und Gott.

Funktioniert das Entschuldigen bei Gott anders als bei unseren Mitmenschen?
Gott muss uns vergeben. Er wird uns vergeben. Menschen tun das nicht immer.

Haben Sie je daran gezweifelt?
2017 hat unsere Familie kurz nach Jom Kippur einen großen persönlichen Verlust erlitten. Das habe ich einfach nicht verstanden: Habe ich nicht gut genug gebetet? Hat Gott mir nicht verziehen, dass er mir gleich so eine Strafe schickt? Das war schwer für mich.

Und dann kam Jom Kippur 2019. Sie waren beim Gebet in der Synagoge in Halle, als draußen die ersten Schüsse fielen.
Wir waren mitten in der Toralesung, ausgerechnet an der Stelle, wo es um den Bock geht, auf den die Israeliten ihre Sünden aufladen, um ihn dann in die Wüste zu schicken. Und genau in diesem Moment geht draußen das Schießen los, und eine Passantin wird von den Kugeln getroffen, die doch mir galten. Das konnte ich nicht akzeptieren. Warum musste sie sterben? Und warum sollte ich leben? Ein Jahr lang konnte ich nicht mit Gott sprechen. Ich betete die Wörter, aber empfand nichts.

Wie ging es Ihnen am nächsten Jom Kippur 2020?
Ich sollte das Mussaf-Gebet vortragen. In dem Text geht es irgendwann um den Hohepriester, der Blut auf den Altar sprenkelt. Plötzlich meinte ich, wieder Schüsse zu hören. Ich durchlebte eine posttraumatische Stressreaktion, aber ich musste mich irgendwie zusammenreißen. Dann wurde ich wütend, so wütend auf Gott. Nach dem Gebet zog ich mich zurück und weinte. Ich begann, meine Wut auf Gott zuzulassen – und so entstand ganz langsam wieder eine Beziehung zu ihm.

Können Sie wieder beten?
Manchmal. Dreimal täglich versuche ich es. Wie viel davon ist ein echtes Gespräch mit Gott? Ich bin immer noch nicht da, wo ich vor 2019 war. Ich kämpfe mich immer noch zurück.

Manche Menschen finden durch einen Schicksalsschlag zum Glauben. Bei Ihnen scheint es anders zu sein.
Ich kann in dem Attentat immer noch keinen Sinn erkennen – ich will nicht akzeptieren, dass jemand gestorben ist und ich stattdessen überlebt habe. Dabei denke ich nie an den Attentäter, ich empfinde keine Wut auf ihn oder ein Verlangen, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Er muss sich nicht entschuldigen, ich muss ihm nicht vergeben. Er ist mir egal. Das ist eine Sache zwischen mir und Gott.

Das klingt, als müssten Sie Gott vergeben.
Das stimmt. Ich muss sagen, mir fiel es nie schwer, Menschen zu verzeihen. Ich versuche, keinen Groll zu hegen. Und wenn ich mal wütend bin, arbeite ich daran, die Emotionen schnell zu verarbeiten. Doch aus irgendeinem Grund fällt es mir viel schwerer, die Wut auf Gott loszulassen.

Sie haben sicher viel höhere Ansprüche an ihn.
Oh ja, natürlich.

Sie sagten, Sie können keinen Sinn in dem Attentat erkennen. Eines der Grundprinzipien des Judentums lautet, dass nichts aus Zufall geschieht. Ist es das, womit Sie hadern?
Wir können Gottes Plan nicht vollständig verstehen. In den 50er-Jahren hat uns die Frage aufgewühlt, wie die Schoa geschehen konnte. Der Rabbiner der Satmar-Sekte behauptete, der Holocaust sei den Reformjuden zuzuschreiben. Daraufhin entgegnete ihm der Lubawitscher Rebbe: »Wie können Sie es wagen, so zu tun, als wüssten Sie, wie der Heiligste im Innersten funktioniert?«

Normalerweise ist Jom Kippur der Tag, an dem wir Gott um Vergebung bitten. Dafür gibt es festgelegte Gebete und Rituale. Wie denken Sie, kann es andersherum funktionieren: Gott zu vergeben?
Gute Frage … Vielleicht geht es darum, mir selbst zu vergeben. Ich hatte starke Schuldgefühle, die mich geplagt haben. Warum ist jemand anderes sozusagen »für mich« gestorben? Ich habe viel an mir gearbeitet, um das loszulassen.

Was hat Ihnen geholfen?
Es gibt diesen Brauch der Bratzlawer Chassidim: »Hitbodedut«. Sie gehen in den Wald, um laut mit Gott zu sprechen, persönlich, jeder mit seinen Worten. Ich tue dies schriftlich, und ich versuche, jedes Jahr vor Jom Kippur etwas zu schreiben. Nicht um es zu veröffentlichen, sondern um meine Wut gehen zu lassen. Wie in einer guten Ehe gibst du nicht auf, nur weil du wütend bist. Du arbeitest daran. Und wir arbeiten daran, ich und Gott.

Sie haben eben gesagt, Sie hatten nicht das Gefühl, dass Sie eine Aussprache mit dem Attentäter brauchten. Haben Sie denn das Gefühl, dass es eine Art Entschuldigung der Gesellschaft brauchte, in deren Kontext dieses Attentat passiert ist?
Ich habe nach dem Attentat mit vielen Menschen gesprochen und in viele leere Augen geblickt. Ich habe selten echte Anteilnahme gespürt. Übrigens auch in jüdischen Kreisen. Die Entschuldigung, die ich mir von der Gesellschaft gewünscht hätte – oder sagen wir die Teschuwa, die ich gern bei meinen Mitmenschen gesehen hätte, bestünde darin, dass sie ihre Empathie und ihr Mitgefühl zeigen.

Hat Teschuwa für Sie eine neue Bedeutung bekommen?
Früher war ich sehr darauf bedacht, dass andere mir vergeben. Jetzt konzentriere ich mich mehr darauf, dass ich anderen vergebe. Das hat für mich den gesamten Fokus verändert. Ich muss bestimmte Dinge einfach Gott überlassen. Und vielleicht hat das auch dazu geführt, dass ich jetzt viel nachsichtiger bin als früher. Ich weiß heute einfach, dass ich bis zu einem gewissen Grad vergeben muss, um in dieser Welt zu bestehen. Ich kann weder den Menschen noch Gott alles nachtragen. Und letztendlich muss ich vergeben, weil es nicht gut für mich ist, die Wut zu lange in mir zu halten. Vergebung ist für mich ein gesunder Prozess. Teschuwa ist meine Therapie. Und ich glaube tatsächlich, dass ich jetzt versuche, durch das Verzeihen ein besserer Mensch zu werden.

Wie hat sich Jom Kippur für Sie verändert?
Es gibt einen berühmten Essay von Chaim Soloveitchik aus den 90er-Jahren. Darin geht er unter anderem darauf ein, dass in den Synagogen in den USA an Jom Kippur nicht mehr geweint wurde. Als Kind hatte er noch die alten Männer aus dem Schtetl in der Synagoge schluchzen sehen.

Und können Sie weinen?
Jeden Jom Kippur. Ich muss mich nicht einmal anstrengen. In gewisser Weise erlebe ich jetzt Jom Kippur wirklich. Ich wünschte nur, dafür hätte nicht so etwas passieren müssen. Ich kann nicht sagen, dass ich dafür dankbar bin, aber ich glaube, ich werde Jom Kippur für den Rest meines Lebens sehr intensiv erleben, und das hat doch etwas sehr Kraftvolles.

Mit dem Direktor für jüdisches Leben und Lernen bei Hillel Deutschland sprach Mascha Malburg.

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