Antisemitismus

»Das Problem benennen«

Dariusz Stola Foto: Marta Kusmierz

Antisemitismus

»Das Problem benennen«

Dariusz Stola über Judenhass in Polen, das »Holocaust-Gesetz« und Eingriffe in die Kulturarbeit

von Gabriele Lesser  26.03.2018 18:04 Uhr

Herr Stola, Polen wird von einer neuen antisemitischen Welle heimgesucht. Können Sie das erklären?
Es gibt zwei konkrete Auslöser: den 50. Jahrestag der sogenannten Märzereignisse von 1968, also die antisemitische Hetzkampagne der Kommunistischen Partei Polens, in deren Folge über 13.000 Juden Polen verlassen mussten. Und das Gesetz zum Schutz des guten Rufs Polens, das jeden, der Polen eine Mitschuld am Holocaust zuweist, bedroht. Statt auf die Proteste aus Israel und den USA einzugehen, versteifte sich die Regierung auf die »Verteidigung der Ehre Polens«, was zu neuem Antisemitismus führte und dem Ruf Polens erst recht schadete.

Zwei regierungsnahe Journalisten drohen Ihnen mit einer Klage. Wie ist es dazu gekommen?
Wir stellen in unserer aktuellen Ausstellung zum März 1968 antisemitische Sätze von damals und heute gegenüber, sodass die Besucher Struktur und Inhalt antisemitischer Aussagen erkennen können. Da wir niemanden stigmatisieren möchten, nennen wir keine Namen. Die Zitate sind also anonym. Dennoch wollen mich nun zwei Journalisten wegen angeblichen Rufmords verklagen. Aber ich bin gerne bereit, ihnen vor Gericht ganz genau zu erklären, dass es antisemitisch ist, Juden als »Parasiten«, »Aussätzige« oder »gierige Blutsauger« zu bezeichnen oder ihnen vorzuwerfen, sie würden sich hinter »polnisch klingenden Namen« verstecken.

Auch Kulturminister Piotr Glinski wirft Ihnen eine Politisierung Ihrer Museumsarbeit vor.
Wahrscheinlich verwechselt er mich mit dem gerade erst von ihm selbst ernannten Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig, der nicht nur ein aktiver Politiker der Regierungspartei ist, sondern sogar in den anstehenden Kommunalwahlen für den Posten des Stadtpräsidenten von Danzig kandidieren will. Seit Gründung des POLIN im Jahre 2013 hat noch niemand mir oder dem Museum eine »Politisierung« vorgeworfen. Ob dieser Vorwurf mit der Antisemitismus-Ausstellung zu tun hat, kann ich nicht sagen, da der Minister nur angekündigt hat, »über« mich Gespräche führen zu wollen, nicht aber mit mir.

Passt die neue Ausstellung im POLIN nicht zur neuen Geschichtspolitik?
Es gibt bei uns keinen Mythos à la »Die Polen sind Helden und Opfer der Geschichte«. Wir versuchen zu differenzieren. Und ja, es stimmt, wir hatten einen hervorragenden Vortrag von Michal Bilewicz im Museum über die Hasssprache im Internet, an die sich insbesondere junge Leute so sehr gewöhnen, dass sie gar nicht merken, wie sie sich allmählich in Rassisten verwandeln. Auf den Vortrag hin gab viele heftige Reaktionen. Angeblich wurde hier wieder die »Ehre der polnischen Nation« in den Schmutz gezogen. Aber wir sind ja nur diejenigen, die das Problem beim Namen nennen. Es ist der Antisemitismus.

Mit dem Chef des Museums POLIN in Warschau sprach Gabriele Lesser.

Debatte

Berliner CDU bietet Sondierungen an: Grüne und SPD lehnen ab

Die Hintergründe

 03.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Nahost

Trump will Milliardenhilfen an Israel einstellen

Seit Jahren unterstützen die USA Israel mit Milliarden an Dollar Militärhilfe. Das soll sich nach Worten von US-Präsident Trump ändern. Die Idee soll dabei nicht von ihm gekommen sein

 03.11.2026

Sachsen

Chemnitz und Zwickau gedenken der Opfer des NSU

Der »Nationalsozialistische Untergrund« ermordete zehn Menschen aus rassistischen und rechtsextremistischen Motiven. Die Terrorzelle lebte in Chemnitz und Zwickau im Untergrund. 2011 flog sie auf

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Meinung

Junge Jüdinnen und Juden stehen vor einem Dilemma

Wir sind genauso von den steigenden Preisen, der Wehrplichtdebatte und der Klimakrise betroffen, wie die Demonstranten vom Wochenende. Aber wir können und werden uns nicht mit Leuten gemein machen, die den Hass auf uns und auf Israel schüren

von Tim Kurockin  03.11.2026

Serbien

Botschafts-Attentäter plante auch Anschlag auf Jüdisches Museum in München

Dario N. wurde Ende Oktober bei einem Angriff auf die israelische Botschaft in Belgrad erschossen. Nur drei Monate zuvor war er aus Deutschland abgeschoben worden

 03.11.2026

Iran

Mullah-Regime richtet zwei Demonstranten hin

Die Männer hatten Anfang des Jahres an den blutig niedergeschlagenen Protesten teilgenommen

 03.11.2026

Midterm-Wahlen

Wird US-Präsident Trump zur lahmen Ente?

Für Donald Trump wird es eine Schicksalswahl: Heute wählt Amerika einen neuen Kongress. Sollten die Demokraten gewinnen, könnte Trump nur noch per Dekret regieren

 03.11.2026