Interview

»Das Land ist in Geiselhaft«

Jasmin Tabatabai Foto: Mathias Bothor

Interview

»Das Land ist in Geiselhaft«

Jasmin Tabatabai über Irans Präsident, Steinigungen und religiösen Fanatismus

von Philipp Peyman Engel  20.09.2010 18:29 Uhr

Frau Tabatabai, glauben Sie, dass die Proteste des Westens gegen die drohende Steinigung der vermeintlichen Ehebrecherin und Mörderin Sakineh Ashtiani das Regime in Teheran zum Einlenken bringen werden?
Nein, denn Präsident Ahmadinedschad und seine Clique von religiösen Fanatikern machen, was sie wollen. Sie haben spätestens bei den Protesten der Opposition im vergangenen Jahr ihr wahres Gesicht gezeigt. Was hätten sie heute noch zu verlieren? Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass ihre Politik barbarisch ist.

Warum sollte der Westen dennoch weiterhin gegen die mögliche Steinigung Ashtianis protestieren?
So hilflos und traurig es auch klingen mag: Weil es richtig ist. Denken Sie nur an Sajjad Ghaderzadeh, den Sohn von Ashtiani, der verzweifelt für die Aufhebung der Steinigung seiner Mutter kämpft. Jeder sollte gegen diesen grausamen Akt seine Stimme erheben. In mir steigt Hass auf, wenn ich bloß an die Strafe denke. Die Frauen werden bis zum Hals in die Erde eingegraben. Nach geltendem iranischen Gesetz wirft der Vater oder ein naher Verwandter den ersten Stein. Dann macht die Meute so lange weiter, bis die Verurteilte zu Brei geschlagen wurde. Es ist zum Verzweifeln. Angesichts dieser Lage läuft man Gefahr, irgendwann zu resignieren.

Gilt das auch für die Oppositionsbewegung? In der Vergangenheit gab es immer wieder Proteste, die blutig niedergeschlagen wurden.
Ahmadinedschad und die Basidsch-Miliz haben die Menschen mit Gewalt eingeschüchtert. Der Westen hat trotz seiner ausführlichen Berichterstattung nur einen kleinen Teil dessen gesehen, was die Iraner für ihren Widerstand in Kauf nehmen. Viele sind aus diesem Grund vorsichtiger geworden. Indes: Man kann ein Volk sehr lange, aber nicht ewig unterdrücken. Das zeigt die Geschichte immer wieder. Es gibt dieses Bild von der Glut unter der Asche, das in diesem Fall ganz zutreffend ist. Die Mehrheit der Iraner hasst Ahmadinedschad und das, was er sagt.

Gilt das auch für seine Drohungen gegenüber dem »Krebsgeschwür« Israel?
Das, was Ahmadinedschad betreibt, ist Politik. Er ist ein religiöser Fanatiker. Sie müssen wissen, dass Iraner Juden nicht hassen.

Mit Verlaub: Der Antisemitismus ist sogar bei Irans Oppositionellen durchaus keine Ausnahme.
Die Juden im Iran haben jahrhundertelang in Freiheit und Frieden gelebt. Es ist mir sehr wichtig, dass diese Botschaft weitergegeben wird. Die Iraner hassen die Juden nicht im Geringsten. Das Land ist von Ahmadinedschad und seiner Verbrecherbande in Geiselhaft genommen worden. Dieser Mann ist ein Wahnsinniger. Das, was er in Bezug auf Juden und Israel sagt, ist nicht das, was die Iraner denken. Die Zustimmung für ihn ist im Land weniger verbreitet, als man gemeinhin glaubt.

Mit der deutsch-iranischen Schauspielerin und Musikerin sprach Philipp Engel.

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