Einspruch

Das Kreuz mit der »Judensau«

Andreas Nachama Foto: Chris Hartung

Einspruch

Das Kreuz mit der »Judensau«

Andreas Nachama wundert sich, dass der Bundesgerichtshof für den Verbleib der Schmähplastik urteilt

von Andreas Nachama  16.06.2022 07:01 Uhr

Schmähplastiken an oder in Kirchen sind seit Jahrhunderten Teil der christlichen Verkündigung. Die Reformation führte zu einem gewaltigen Bildersturm in protestantischen Kirchen, calvinistische Kirchen verzichten sogar oft auf das Kreuz.

Wenn dann aber doch Skulpturen bis in die Gegenwart an ihrem Platz belassen und nicht ins Museum geschafft wurden, dann oft antijüdische Schmähplastiken. Das ist bei dem jahrhundertealten Antijudaismus und Antisemitismus besonders in der Folge Luthers nicht weiter verwunderlich.

gerichtsverfahren Doch es ist merkwürdig, dass mit Tatzen und Klauen weiterhin an dem Verbleib dieser Dokumente als eine für alle sichtbare Form der Verkündigung mit aufwendigen Gerichtsverfahren festgehalten wird – der christlich-jüdische Dialog hat noch erhebliche Leerstellen. Jetzt hat der Bundesgerichtshof ein Urteil für den (kommentierten) Verbleib der Schmähplastik in Wittenberg verkündet.

Das Argument, die noch immer vor Ort ungenügend kommentierte Schmähplastik könnte der Aufklärung über Judenfeindschaft dienen, würde in einem musealen Kontext sicherlich besser vermittelt werden können.

Schmähplastiken an oder in Kirchen sind seit Jahrhunderten Teil der christlichen Verkündigung.

Ich will meinen protestantischen Brüdern ein Zitat aus dem »Deutschen Pfarrerblatt« zukommen lassen: »Die erst in späterer Zeit angefügte Inschrift der Skulptur Rabbini Schem HaMphoras ist eindeutig von Luthers Interpretation dieser Stadtkirchen-Sau in (seiner antijüdischen Schmähschrift) Schem Hamephorasch inspiriert. Wenn ich diese Verhöhnung des Gottesnamens sehe, ist mir unverständlich, wie heute in der Wittenberger Stadtkirche Gottesdienst gefeiert und das Vaterunser gebetet werden kann. Ich kann nicht in der Stadtkirche zu Wittenberg ›geheiligt werde Dein Name‹ beten, solange an deren Außenmauer die Verhöhnung und Verachtung des Gottesnamens weiterhin in Stein gehauen angebracht ist.«

Dem ist aus jüdischer Sicht nichts hinzuzufügen.

Der Autor ist Rabbiner und Jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026

Kontinuität

Bundesratsinitiative für EU-Forschungskooperation mit Israel

Drei Bundesländer wollen die weitere Beteiligung Israels am EU-Forschungsrahmenprogramm sicherstellen. Dazu wird jetzt eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht

 13.10.2026

Kommentar

Der geplatzte Testballon von Halle

Die AfD wird weiterhin versuchen, sich als ganz normale Partei zu inszenieren, wenn es um jüdisches Leben geht. Ein Angriffsziel bleibt es trotzdem. Deswegen müssen wir achtsamer werden, wenn die Angriffe subtiler werden

von Igor Matviyets  13.10.2026

Sachsen-Anhalt

CDU-Fraktion will bei Ministerpräsidenten-Wahl den Saal verlassen

Kamen Stimmen für die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten aus den Reihen der CDU? Für die nächste wichtige Wahl im Dezember will die Fraktion vorbauen und nimmt einen ungewöhnlichen Weg

 13.10.2026

120. Geburtstag

Philosoph Bormuth: Die Gedanken von Hannah Arendt geben Orientierung

Das Werk der Philosophin Hannah Arendt bietet nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers Matthias Bormuth Orientierung in polarisierten Zeiten. Ihr Plädoyer für eigenes Denken und streitbaren Austausch sei heute hochaktuell

 13.10.2026

New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

Zohran Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Längst ist der Bürgermeister der US-Metropole mit seiner zweifelhaften Anti-Israel-Rhetorik zur Ikone der Palästina-Bewegung in Amerika geworden. Nun wird er Teilen des eigenen Lagers zu weich

von Jan Klauth  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026