Meinung

Damit der Tod nicht scheidet

Rabbinerin Gesa Ederberg Foto: Sharon Adler

Meinung

Damit der Tod nicht scheidet

In Essen hat ein Gericht entschieden, dass nichtjüdische Ehepartner auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden dürfen

von Rabbinerin Gesa Ederberg  09.01.2017 17:06 Uhr

Nachbarn können anstrengend sein – und es wäre schön, wenn man sie sich immer aussuchen könnte. Was im Leben gilt, gilt im Tod erst recht: Neben wem ich bis in Ewigkeit (oder mindestens, bis der Meschiach kommt) auf dem Friedhof liege, ist eine wichtige Frage. Schon im Talmud steht, dass man »Gerechte« und »Übeltäter« nicht nebeneinander begraben soll.

Dass Ehepartner, die sich jahrzehntelang geliebt haben, im Tod beieinander bleiben wollen, ist einleuchtend – egal ob es sich um eine jüdische oder um eine »gemischte« Ehe handelt. Aber was bedeutet es, wenn das gemeinsame Grab verweigert wird – so wie 2011 in Essen? Mehr als fünf Jahre nach dem Tod einer nichtjüdischen Frau hat nun das Oberverwaltungsgericht Münster entschieden: Die Tote darf auf dem Friedhof der Jüdischen Kultusgemeinde Essen neben ihrem 1996 verstorbenen Ehemann beerdigt werden.

doppelgrab Die Frage ist komplex, denn das Ehepaar hatte vor 45 Jahren ein Doppelgrab auf dem Essener Friedhof erworben. Hätte das Gericht einfach entschieden, der Vertrag sei gültig und die Gemeinde daran gebunden, egal, was es seither an Änderungen der Friedhofsordnung oder der religiösen Ausrichtung der Gemeinde gegeben haben mag, wäre meine Haltung eindeutig: Verträge müssen gültig sein und bleiben, sonst bricht sowohl das säkulare als auch das jüdische Rechtswesen zusammen.

Aber dass das Gericht mit der »Totenwürde« argumentiert, die verletzt worden sei, weckt meinen rabbinischen Widerspruchsgeist. Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit angelegt und waren oft das Einzige, was von zerstörten jüdischen Gemeinden übrig blieb. Deshalb ist es kein Wunder, dass der »Gute Ort« für viele in besonderer Weise jüdische Vergangenheit und Zukunft ausdrückt – und dass man, wenn man religiös gemischte Ehen als eine Bedrohung dieser Zukunft ansieht, diesen Paaren einen Platz auf dem Guten Ort verweigert.

Aber es gibt eine einfache Lösung, die in Berlin schon lange praktiziert wird: einen eigenen Bereich auf dem Friedhof festzulegen, in dem auch Nichtjuden begraben werden – auf würdevolle Weise halachisch gültig abgetrennt vom restlichen Friedhof, mit einem Weg oder einer Hecke. Mit wem Menschen ihr Lebensglück finden, lassen sie sich nicht mehr von den Rabbinern vorschreiben. Wir können nur alles dafür tun, dass sie im Tod, aber auch schon im Leben einen guten Ort für sich und ihre Kinder innerhalb unserer Gemeinden finden.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert

Cyberkriminalität

Hacker greifen Mail-Konten der AfD an

Die AfD ist Opfer eines Hackerangriffs geworden. Im Netz brüsten sich Unbekannte, rund 421.000 AfD-E-Mails veröffentlicht zu haben. Ob die Dateien echt sind, ist aber noch unklar

 22.10.2026

Straßburg

Europäisches Parlament ehrt Internationalen Strafgerichtshof mit Sacharow-Preis

Das Haager Gericht ist umstritten: Zuletzt wurde es von den USA mit Sanktionen belegt. Doch am Donnerstag bekam der IStGH die Rückendeckung der Europaabgeordneten

 22.10.2026

Hessen

Partnerschaftsverein vermutet politisches Motiv hinter Demontage von Netanya-Schildern

Die Städtepartnerschaft zwischen Gießen und Netanya hat eine große historische Bedeutung

 22.10.2026

Washington D.C./Jerusalem/Teheran

USA und Israel bereiten offenbar neue Angriffe auf Iran vor

Die Streitkräfte beider Länder an konkreten Plänen für eine neue Angriffswelle, die nach den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November beginnen könnte. Wie könnte ein solcher Einsatz aussehen?

 22.10.2026

Washington D.C.

AIPAC beendet direkte Wahlempfehlungen und Wahlkampfspenden

Wie sollen pro-israelische Politiker in den Vereinigten Staaten von nun an unterstützt werden?

 22.10.2026

Hannover

Anklage gegen Niedersachsens AfD-Chef erhoben

Ihm werden Verstöße gegen das Parteiengesetz vorgeworfen, wie die Behörde mitteilte

 21.10.2026

Jerusalem

Schicksalswahl in Israel: Es geht um mehr als Netanjahu

Kann der heutige Ministerpräsident trotz des Versagens vom 7. Oktober und dreier harter Kriegsjahre seine Macht behaupten? Oder gelingt es der liberaleren Opposition, ihn nach Jahren an der Regierungsspitze abzulösen?

von Sara Lemel  21.10.2026