NS-Zwangsarbeiter

»Continental« war eng mit NS-Regime verstrickt

Die in Hannover ansässige Firma beschäftigte während des Krieges rund 10.000 Zwangsarbeiter. Foto: imago

Der Autozulieferer »Continental« in Hannover hat erstmals umfassend seine NS-Geschichte aufarbeiten lassen. »Continental war demnach Stützpfeiler der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft«, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Eine vom Konzern in Auftrag gegebene unabhängige Studie des Münchner Historikers Paul Erker zeige zudem auf, wie der damals größte deutsche Gummi-Hersteller von der Mobilisierungs- und Aufrüstungspolitik des Regimes wirtschaftlich profitierte.

»Die Studie zeigt: Continental war ein wichtiger Bestandteil von Hitlers Kriegsmaschinerie«, sagte Elmar Degenhart, Vorstandsvorsitzender von Continental. »Wir haben die Studie in Auftrag gegeben, um über dieses dunkelste Kapitel unserer Unternehmensgeschichte noch mehr Klarheit zu gewinnen als bisher.« Unter die Verantwortung solle kein Schlussstrich gezogen werden.

Auch KZ-Häftlinge seien zum Beispiel in der Produktion von Gasmasken und bei der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt worden – unter menschenunwürdigen Bedingungen.

SACHSENHAUSEN Continental setzte nach der Studie im Zweiten Weltkrieg insgesamt rund 10.000 Zwangsarbeiter ein. Darunter seien italienische »Jungfaschisten« ebenso gewesen wie Leiharbeiter aus dem besetzten Belgien oder französische und russische Kriegsgefangene. Auch KZ-Häftlinge seien zum Beispiel in der Produktion von Gasmasken und bei der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt worden - unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Laut dem am Donnerstag vorab veröffentlichten »Spiegel«-Bericht stieß Erker auf Belege, dass Continental Aufträge an das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin für Tests auf der berüchtigten »Schuhprüfstrecke« vergab. Dort mussten Häftlinge täglich 30 bis 40 Kilometer um den Appellplatz am Galgen herum laufen, um den Verschleiß von Schuhsohlen und Absätzen zu testen. Wer hinfiel, wurde von SS-Leuten erschossen. Continental sei damals auch Marktführer für Schuhsohlen und Absätze gewesen.

SCHUHSOHLENVERSCHLEISS Aus der Studie geht laut »Spiegel« hervor, dass Continental-Techniker speziell Laufversuche bei Schnee und Eis einforderten und manche der Sohlen in kurzer Zeit bis zu 2.200 Kilometer weit getragen wurden. Der damalige Unternehmensvorstand Hans Odenwald wird in der Studie im Blick auf russische Zwangsarbeiter außerdem mit den Worten zitiert: »Wenn sie tot sind, gibt’s neue.«

Der jüdische Unternehmer Siegmund Seligmann (1853-1925) war der erste Generaldirektor von Continental.

Continental hat die Studie eigenen Angaben zufolge vor vier Jahren selbst auf den Weg gebracht. Sie bezieht auch diejenigen Unternehmen mit ein, die damals noch nicht Teil des heutigen Continental-Konzerns waren. Sie beleuchtet auch etwa die Firmen Teves, VDO, Phoenix und Semperit. Als Folge der Studie habe Continental das Programm »Verantwortung und Zukunft« ins Leben gerufen, hieß es. Die Studienergebnisse sollten in die Aus- und Weiterbildung einfließen und das Unternehmensarchiv anlässlich des 150. Firmenjubiläums im Herbst 2021 für die Wissenschaft geöffnet werden.

STIPENDIUM Zudem stifte Continental das neue Siegmund-Seligmann-Stipendium, mit dem die wirtschafts- und unternehmensgeschichtliche Forschung zur NS-Zeit und zur Unternehmensgeschichte der Continental gefördert werde. Der jüdische Unternehmer Siegmund Seligmann (1853-1925) war der erste Generaldirektor von Continental. Das Unternehmen wolle auch die Namen seiner früheren Zwangsarbeiter, soweit sie bekannt sind, auf einer Gedenktafel öffentlich präsentieren, hieß es. epd

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Berlin

Bundesrat für Verbot von Handel mit Dokumenten von NS-Opfern

»Wir dulden es nicht länger, dass aus dem Leid der NS-Opfer Profit geschlagen wird«, sagt NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne)

 12.06.2026

Ankara

Erdoğan vergleicht Netanjahu erneut mit Hitler

»Wer Hitlers Weg folgt, sollte nicht vergessen, dass sein Schicksal dem anderer Tyrannen in der Geschichte gleichen wird«, erklärt der türkische Präsident in Richtung des israelischen Regierungschefs

 12.06.2026

Debatte

Mario Voigt nutzte KI für Reden zum Holocaust-Gedenken

Ein Portal findet mit KI-Analyse-Werkzeugen Auffälligkeiten in Beiträgen von Thüringens Regierungschef. Wie viel KI darf in einer Rede zum Holocaust-Gedenktag stecken?

 12.06.2026

Berlin

Anne-Frank-Tag: Bildungsstätte sieht Antisemitismus-Flut im Internet

»Wir erleben aktuell, dass sowohl rechtsextreme als auch islamistische und linke Gruppen antisemitisch agieren, antisemitische Narrative aber zugleich in der Mitte der Gesellschaft fest verankert sind«, sagt Deborah Schnabel

 12.06.2026

Brüssel

Kallas vergleicht Israel mit Apartheids-Südafrika

Die EU-Außenbeauftragte wird für ihre Aussage von anderen EU-Diplomaten und -Beamten scharf kritisiert

 12.06.2026

Künstliche Intelligenz

Preiskrieg zwischen Giganten

Sam Altmans OpenAI will den aggressiv wachsende Rivalen Anthropic der Geschwister Daniela und Dario Amodei auf Distanz halten

 12.06.2026

Nahost

Trump stoppt geplante Angriffe auf Iran und spricht von bevorstehender Einigung

Die amerikanischen Streitkräfte sollen bereits weitgehend auf einen Angriff vorbereitet gewesen sein. Drei Stunden vor der geplanten Operation wurde er durch den US-Präsidenten abgesagt

 12.06.2026