Einspruch

Chag sameach, meine Damen!

Adriana Altaras Foto: Stephan Pramme

Habe ich schon gesagt, wie sehr ich meine Religion liebe? Ich liebe sie aus vielen Gründen, aber vor allem, weil sie mich immer wieder überrascht, besonders vor den Feiertagen! Ich habe nämlich gelesen, dass einige unserer orthodoxen Weisen in den USA sich etwas Besonderes haben einfallen lassen: Shmuel Blitz hat in der ArtScroll Children’s Haggadah die Frauen eliminiert. Pessach findet praktisch ohne sie statt, Mosche hat die Mazza ganz alleine gebacken.

Wow. Das nenne ich männliche Emanzipation! Das Haus chametzfrei machen, staubsaugen, Chametzhaltiges wegwerfen – alles ganz allein in der Männer Hand! Den Sederteller vorbereiten, anstehen beim Metzger für die Knochen, die richtigen Kräuter besorgen, Mazzesuppe kochen – ja, alles Männersache. Vom Charosset mal ganz abgesehen.

sederabend Ich finde das einen echt mutigen Plan, denn der Sederabend ist, was die Vorbereitungen betrifft, nicht ganz ohne, aber was wissen Männer schon davon? Wird wirklich Zeit, sie damit zu konfrontieren! Trumps systemverändernde Intelligenz scheint ihre Wirkungen zu entfalten.

Oder ist diese Haggada bloß reine Theorie? Und in der Praxis müssen doch die Mädels ran? Ein paar namenlose Weiber werden in den Texten erwähnt, ansonsten wird für die Kinder, ich vermute nur Jungs, eine frauenlose Welt entworfen, damit sie endlich ... Ja, damit sie was? Nicht abgelenkt werden? Durch was genau? Durch den Fakt, dass diese Welt bevölkert wird von Männern und Frauen?

Dass Frauen existieren, sollten Jungs schon früh lernen, finde ich, sonst wird das später ein großer Schock. Spätestens beim vorschriftsmäßigen Kinderkriegen werden gerade diese orthodoxen Jungs ganz nervös und abgelenkt. Aber vielleicht verstehe ich das alles nicht, ich bin einfach zu oberflächlich und pragmatisch.

Für dieses Pessach, meine lieben Damen, wünsche ich Chag sameach! Lehnen Sie sich endlich mal zurück und lassen die Männer machen, allen voran Shmuel Blitz!

Die Autorin ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr »Das Meer und ich waren im besten Alter« (Köln 2017).

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