Drittes Reich

Braunes Haus

Verkündet den Angriff auf die Sowjetunion 1941: Reichsminister Joachim von Ribbentrop im Auswärtigen Amt Foto: getty

Das Auswärtige Amt leistete den Plänen der NS-Machthaber zähen, hinhaltenden Widerstand, ohne jedoch das Schlimmste verhüten zu können», heißt es in einer Broschüre, die das Auswärtige Amt (AA) 1979 herausgegeben hat. Diesen Satz muss ein Diplomat geschrieben haben, denn er ist wahrlich diplomatisch: «Widerstand», aber nur den «Plänen»; nicht «das Schlimmste», wohl aber Schlimmes verhütet. Dennoch oder deshalb ist dieser Satz einfach falsch. Und wirklich schlimm ist, dass er noch 1979 von einem Angehörigen des Auswärtigen Amtes geschrieben wurde.

Tatsächlich war das AA vor 1945 eine «verbrecherische Organisation» (Eckart Conze), was es nach 1945 in einer Weise verschleierte, die schon fast kriminelle Züge hat. In diesem Satz kann der Inhalt des fast 900 Seiten umfassenden Mammutwerkes über Das Amt und die Vergangenheit zusammengefasst werden.

Herausgegeben ist es von den deutschen Historikern Eckart Conze und Norbert Frei sowie dem Amerikaner Peter Hayes und dem Israeli Moshe Zimmermann. Ganz aus den Quellen erarbeitet und zu großen Teilen auch geschrieben ist das Sammelwerk von weiteren insgesamt 13 wissenschaftlichen Mitarbeitern einer Unabhängigen Historikerkommission, die vom damaligen Außenminister Joschka Fischer im Sommer 2005 eingesetzt worden ist.

mittäter Dass das Auswärtige Amt in der Zeit des verbrecherischen Dritten Reiches selbst eine, um noch einmal Conze zu zitieren, «verbrecherische Organisation» gewesen ist, dürfte von keinem Kundigen bestritten werden. Dennoch ist dies bereits von einigen Journalisten geschehen. Sie dürften das Buch jedoch entweder gar nicht oder nur in Auszügen gelesen haben. Die Beweise für Conzes These sind nämlich mehr als erdrückend.

Das Amt hat die verbrecherische Politik des Unrechtsstaates von Anfang bis Ende unterstützt und exekutiert. Dies gilt vor allem für die Judenpolitik. An nahezu allen Maßnahmen, die vor Kriegsbeginn gegen die deutschen und dann auch österreichischen Juden ergriffen wurden, war das AA beteiligt. Selbst Juden, denen die Flucht gelungen war, wurden noch in der Emigration von Beamten des Auswärtigen Amtes diffamiert, überwacht und ihrer Unterhalts- und Pensionsansprüche beraubt. Besonders heftig angefeindet wurden die Juden, die nach Palästina gelangt waren – unter anderem vom Jerusalemer Generalkonsul Walter Döhle.

Dass Mitarbeiter des AA auch an den Planungen und der Durchführung der Deportationen der westeuropäischen Juden führend beteiligt waren, wird ebenfalls bewiesen – und war zudem in Grundzügen bereits bekannt. Dies gilt auch für den Völkermord an den Juden. Besonders intensiv war die Beteiligung des Auswärtigen Amtes am Mord der südosteuropäischen Juden. Die Dokumente dafür sind erdrückend. Nur ein Beispiel ist die Reisekostenabrechnung des Leiters des «Judenreferats» des AA Franz Rademacher, in der zu lesen war, dass der Grund seiner Reise «die Liquidation von Juden in Belgrad» gewesen sei.

verleugnung Wie war es möglich, dass diese Schuld und Mitschuld am Völkermord so lange und so erfolgreich geleugnet werden konnte? Hier sind nicht die deutschen Historiker an erster Stelle verantwortlich zu machen. Sie haben sich zwar spät, aber dann umso intensiver mit dem Völkermord an den Juden und der Beteiligung des Auswärtigen Amtes daran beschäftigt. An erster Stelle ist die verdienstvolle Pionierstudie von Hans-Jürgen Dö- scher zu nennen. Verantwortlich für die Verdrängung und Leugnung waren die Täter selbst, die von Robert Kempner so genannten «feinen Herren aus dem Auswärtigen Amt mit den blutgesprenkelten weißen Westen».

Eine erstaunlich große Zahl von ihnen konnte ihre Karriere fortsetzen. Nach 1945 gab es im Auswärtigen Amt mehr (ehemalige) Parteigenossen als vorher. Für diese personelle Kontinuität waren jedoch nicht nur die deutschen Beamten und Politiker verantwortlich, die sich gegenseitig Persilscheine ausstellten und einander warnten, wie man es sonst nur von der Mafia kennt.

Hinzu kam auch das Interesse der Alliierten, vor allem der USA, an Experten – Experten in der Bekämpfung des Kommunismus und auch Experten der «Israelfrage». Das neue Referat «Mittlerer und Naher Osten» des Bonner Auswärtigen Amtes war in personeller Hinsicht mit dem alten Referat «Orient» fast identisch – und betrieb eine fast identische Politik. So in dem Versuch, das «Wiedergutmachungs»-Abkommen mit Israel zu verhindern, wobei man auch Kontakte mit dem ehemaligen Großmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, nicht scheute.

Mythos Das Buch enthält noch mehrere Skandale dieser Art. Wie konnte es also zu der Legende vom Widerstand des Auswärtigen Amtes kommen? Der «Mythos», wie er im Buch bezeichnet wird, wonach der Kreis um Ernst von Weizsäcker im AA die Keimzelle des Staatsstreiches vom 20. Juli 1944 gewesen sei, geht auf eine Gruppe zurück, die von Robert Kempner als «Freundeskreis der Kriegsverbrecher» bezeichnet wurde.

Gemeint sind die Verteidiger, Verwandten und Freunde Ernst von Weizsäckers, denen es gelang, dass der vormalige Staatssekretär im sogenannten Wilhelmstraßenprozess von 1948 nur zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er noch nicht einmal zwei absitzen musste. Freilassung und mildes Urteil waren mit dem Hinweis auf die «Keimzelle des Staatsstreichs» begründet.

Dieser Mythos besteht bis heute fort. Ob er jetzt durch den Nachweis, dass es sich beim Auswärtigen Amt um eine wahrhaft «verbrecherische Organisation» gehandelt hat, überwunden wird, bleibt abzuwarten.

Wolfgang Wippermann ist Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin.

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Die deutschen Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing, München 2010, 880 S., 34,95 €

Israels Diplomaten begrüßen die Studie. Emmanuel Nahshon,
Gesandter der Botschaft des Staates Israel in Berlin, sagte der Jüdischen Allgemeinen: «Die Initiative des Auswärtigen Amtes, das moralische Versagen der deutschen Diplomaten zu jener Zeit aufzudecken und zu dokumentieren, ist ein mutiges Zeichen von intellektuellem und moralischem Anstand. Nur durch die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit lässt sich sicherstellen, dass Derartiges nie wieder geschehen wird.» Für den ehemaligen israelischen Botschafter Shimon Stein ist die Studie ein wichtiger Schritt: «Ich war schon 2005, als Joschka Fischer die Historikerkommission angeregt hat, davon überzeugt, dass die Geschichte aufgearbeitet werden muss. Die jahrelangen Hemmungen, über die Vergangenheit zu reden, halte ich für überflüssig. Dass auch israelische Diplomaten in Deutschland Menschen mit brauner Vergangenheit gegenübergesessen haben, war ihnen bewusst. Die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes während der NS-Zeit waren nach dem Krieg keine Ausnahme in der bürokratischen Landschaft, sondern eine Bestätigung dessen, was passiert ist.»

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