Standpunkt

Brauner Fleck

Knapp 53 Prozent wählten im Landkreis Sonneberg den Kandidaten der AfD. Die Partei wird in Thüringen als »erwiesen rechtsextrem« eingestuft. Foto: Quelle Picture Alliance

Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?», fragte der Schriftsteller Georg Büchner (1813–1837). Das Schlechte war immer da. Es ist keineswegs mit der Niederlage Nazi-Deutschlands und den folgenden Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten und deutschen Entnazifizierungsverfahren aus der Welt geschafft worden. Es besteht weiter, muss beobachtet und beim Namen genannt werden, ehe es bleibende Schäden verursachen kann. Daher kommt der Warnruf Josef Schusters nach dem Sieg des AfD-Kandidaten bei den Landratswahlen im thüringischen Sonneberg zum richtigen Zeitpunkt.

Das Wahlergebnis ist keine «Quantité négligeable». Knapp 15.000 Stimmen für eine rechtsradikale Partei in einem Landkreis dürfen nicht vernachlässigt werden. Es geht um jeden Bürger! Das Votum ist ein «politischer Dammbruch». Wer jetzt weiterhin seinen Verstand in den braunen Sand steckt, macht sich mitverantwortlich für das Wiedererblühen der alt-neuen Nazi-Ideologie.

strippenzieher Denn mehr noch als der zukünftige Landrat Sesselmann ist der Strippenzieher Björn Höcke ein politischer Brandstifter. Das Ziel des thüringischen Landesvorsitzenden sowie seiner Partei ist die Zerstörung der demokratischen Ordnung in Deutschland. An deren Stelle soll ein autoritärer, fremdenfeindlicher Staat stehen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz verortet die AfD als Verdachtsfall. Speziell in Thüringen, wo Höcke 2015 den rechtsextremen Flügel innerhalb der AfD installierte, zwar formal wieder abschaffte, weist der Verfassungsschutz auf alarmierende rechtsextreme Tendenzen hin.

Wer das als «Schreckgespenst» abtut, will nichts aus der Geschichte lernen und weigert sich, die Logik politisch- gesellschaftlicher Prozesse wahrzunehmen. Vor dem Ersten Weltkrieg vegetierte in Wiener Obdachlosenheimen und später als Mieter in München ein erfolgloser Postkartenmaler.

Das großdeutsche Weltbild des jungen Adolf Hitler war in seinen Grundzügen schon geformt, sein Hass gegen die Moderne, Österreich, Juden und Slawen stand bereits fest. Hitler war ein potenzieller politischer Brandstifter. Zunächst harmlos. Denn ihm fehlte der Anhang, die zu fast allem bereiten Mitläufer, die dem Pyromanen die gesellschaftliche Durchschlagskraft verleihen.

fanatismus Das änderte sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Als Hitlers Fanatismus zunächst in München auf Anhänger stieß, er in die Lage kam, die Nazi-Partei zu gründen und in Bierkellern um neue Mitläufer zu werben, die zumeist seinen pathologischen Hass gegen fast alles und jeden teilten.

Manche AfD-Wähler tönen, sie würden auch der NSDAP ihre Stimme geben.

Selbst als Hitler und seine willigen Helfer 1923 einen gewaltsamen Umsturz wagten, wurde er lediglich zu einer relativ geringen Haftstrafe verurteilt, was ihm Gelegenheit gab, sein Propagandabuch Mein Kampf zu schreiben. Danach ließ man Hitler wieder gewähren.

Als ab 1930 infolge der Weltwirtschaftskrise viele in Not gerieten, gewannen die Nazis Millionen Anhänger. Nur wenige wagten, sich der NSDAP, die bald zur größten Partei wurde, ihrem Hass und ihrer Gewalt in den Weg zu stellen. Schließlich ernannte Reichspräsident Hindenburg Hitler vor 90 Jahren zum Kanzler. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, errichteten die Nazis eine Diktatur. Mit den bekannten Ergebnissen. Adolf Hitler als Regisseur des Bösen konnte seine Verbrechen nur mithilfe seiner willigen Helfer verwirklichen.

nazi-sprüche Björn Höcke ist nicht Hitler. Auch wenn er bewusst Nazi-Sprüche von sich gibt und gemeinsam mit seinen politischen Kumpanen rechtsextreme Hetzpropaganda betreibt. Seine Strategie ist, ebenso wie die der AfD, simpel. Es ist ein Gemisch alter Nazi-Versatzstücke, Fremdenfeindlichkeit, Gegnerschaft gegen notwendige politische Maßnahmen und Anbiederung an Putins Diktatur. Zuwanderung ist Deutschnationalen verhasst, auch wenn wir dringend Facharbeiter benötigen. Umweltpolitik kostet Geld. Dass Putins Imperialismus auch auf Deutschland zielt, wird verschwiegen. Im Osten stilisiert man sich als Opfer der Wiedervereinigung, im Westen bekämpft man alles.

Da die globale Wirtschaftssituation infolge von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine auch in Deutschland Härten mit sich bringt, ist eine Sündenbock-Politik bei den Verantwortungslosen allemal populär. Sie ermöglicht der AfD gar, sich als «Friedenspartei» umzulügen. Bemerkenswert hat die Partei sich in Sonneberg nicht um lokale Belange gekümmert, sondern die nationalen Nein-Parolen wiederholt. Dass man damit vor Ort die Gesamtheit der demokratischen Parteien schlagen kann, ist alarmierend. Manche AfD-Wähler tönen, sie würden selbst der NSDAP ihre Stimme geben.

Nach dem Dammbruch von Sonneberg dürfen wir das Geschehen nicht zu verharmlosen suchen. Jetzt gilt es vielmehr, selbstbewusst unsere Demokratie gegen die Brandstifter und ihre Mitläufer zu verteidigen und die AfD zu entlarven. Freiheit ist kein Geschenk, sie muss täglich verdient werden.

Der Autor ist promovierter Historiker, Politologe und Autor. Im Frühjahr 2024 erscheint sein Buch «Politische Brandstifter und ihre Mitläufer» im Herder Verlag.

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Hintergrund

Katharina von Schnurbein wird neue Antisemitismusbeauftragte

Die EU-Antisemitismusbeauftragte wechselt von Brüssel nach Berlin und folgt auf Felix Klein. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  12.10.2026

Berlin

Merz fordert SPD und Grüne auf, nicht mit Linken zu koalieren

Gibt es in Berlin eine rot-rot-grüne Koalition? Der Kanzler appelliert an SPD und Grüne

 12.10.2026

Kommentar

Vereint unter dem Dach eines Rechtsextremen

Der Verleger Jürgen Elsässer hat die Fraktionen von AfD und BSW für ein Kennenlernen in sein Magdeburger TV-Studio eingeladen. Dabei soll es auch um eine strategische Zusammenarbeit gegangen sein

von Ralf Fischer  12.10.2026

Berlin

120 Linke kritisieren Antisemitismus-Papier

Linke, Grüne und SPD haben sich vor dem Beginn von Sondierungsgesprächen zum Vorgehen gegen Antisemitismus verständigt. Daran gibt es aus der Linke nun deutliche Kritik

 12.10.2026

Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken, wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt

von Frank Schmiechen  12.10.2026

Washington D.C.

21 US-Soldaten im Iran-Krieg gestorben

Die meisten US-Amerikaner sind nicht vom Krieg im Iran überzeugt. Eine Anpassung der Todeszahlen könnte den Unmut noch vergrößern

 12.10.2026

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026