Rosch Haschana

Blick auf die Realität

Ein Bild der Solidarität: Nach antisemitischen Angriffen fanden in mehreren Städten Ende April Kippa-Demonstrationen statt. Foto: Marco Limberg

An den Feiertagen im Herbst geht es mir in der Synagoge häufig so, dass ich an vergangene Jahre denken muss. An Feiertage, an denen ich selbst als Kind mit meinen Eltern in genau dieser Synagoge saß. An Feiertage, als unsere Kinder noch klein waren. Und jetzt kommen Jahre, in denen meine Enkel mehr und mehr bewusst diese Feiertage erleben werden.

Bei diesen Gedanken stellt sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit ein. Würzburg ist mein Zuhause, nicht nur die Stadt, sondern vor allem die Gemeinde. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen von uns so geht. Gerade an Rosch Haschana, wenn man beim Besuch der Eltern wieder den G’ttesdienst in der alten Heimatgemeinde erlebt.

unsicherheit In jüngster Zeit hat sich jedoch bei dem einen oder anderen ein weiteres Gefühl eingeschlichen. Es ist ein Gefühl, das wir versuchen, schnell wegzudrängen. Doch es schleicht sich immer wieder an: Es ist eine leise, nagende Unsicherheit. Eine Beunruhigung, die in uns die Frage auslöst: Ist Deutschland wirklich noch ein sicheres Zuhause?

Dieses nagende Gefühl sorgt dafür, die Halskette mit dem Davidstern unterm Pullover verschwinden zu lassen. Es sorgt dafür, unseren Kindern einzuschärfen, die Basecap über der Kippa zu tragen oder das Israel-T-Shirt nicht in der Schule anzuziehen. Nun sind Vorsichtsmaßnahmen dieser Art nicht neu. Auch den Polizeischutz an unseren Einrichtungen gibt es seit Jahrzehnten. Das Gefühl der Bedrohung ist dennoch ein anderes geworden. Es ist stärker als früher. Und beängstigender.

Das ist nicht verwunderlich. Das ganze Jahr 5778 über haben uns Nachrichten begleitet, die dieses Gefühl genährt haben: Mobbing und körperliche Übergriffe gegen jüdische Schüler, Angriffe gegen Juden auf der Straße und auf Gemeinden wie jüngst wieder in Gelsenkirchen, eine Bundestagswahl, die eine radikale Partei ins Parlament gebracht hat mit Politikern, die den Nationalsozialismus relativieren und Opfer der Schoa verhöhnen, ein massiver Antisemitismus in den sozialen Medien. Und jüngst Bilder aus Chemnitz von grölenden Neonazis auf der Straße, die die Polizei vorführen.

alltag Als Zentralratspräsident haben mich diese Themen dauernd beschäftigt. Sie erfüllen auch mich mit großer Sorge. Aber: Sie beherrschen nicht den Alltag! Es wäre wenig hilfreich, die Lage schönzureden. Ich plädiere jedoch für einen nüchternen und umfassenden Blick auf die Realität.

Zu dieser Realität gehören auch folgende Nachrichten: Zwar erhielt die AfD bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen. Doch etwas mehr als 82 Prozent wählten die anderen im Bundestag vertretenen Parteien.

Die KZ-Gedenkstätten und jüdischen Museen vermelden seit Jahren und auch für 2017 steigende Besucherzahlen. Tausende nichtjüdische Bürger setzten sich aus Solidarität eine Kippa auf. Nach dem Scheibeneinwurf in der Gelsenkirchener Synagoge erhielt die Gemeinde zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung. Zum Konzert gegen rechts in Chemnitz kamen mehr als 60.000 Menschen.

schlagzeilen Solche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie gelangen nicht immer in die Schlagzeilen. Doch erst mit ihnen ergibt sich das vollständige Bild. Und ich könnte zahlreiche Beispiele aus der jüdischen Welt hinzufügen: eine Jewrovision im Februar in Dresden mit Teilnehmerrekord, der Spatenstich für einen Jewish Campus in Berlin, ein erweitertes Jüdisches Museum in Fürth oder eine neue jüdische Grundschule in Berlin.

Sehen wir das vielleicht viel zu wenig? Das jüdische Leben entwickelt sich weiter, und die deutliche Mehrheit unserer Gesellschaft ist demokratisch und lebt die Werte des Grundgesetzes. Es ist nur eine Minderheit, die an diesen Grundfesten rüttelt.

Es liegt auch in unserer Hand, diesen Minderheiten den Boden zu entziehen. Toleranz darf es weder für Rechtspopulisten geben, die bewusst Unsicherheit schüren, um ihre Politik der Ausgrenzung und Spaltung umsetzen zu können, noch für Muslime, die unsere Werte ablehnen und Spielregeln nicht einhalten.

integration Daher werden wir uns weiterhin aktiv für die Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen einsetzen, sei es in den Schulen oder in Integrationskursen.Daher gibt es für uns keine Kompromisse mit der AfD. Das alle Demokraten einigende Ziel muss es bleiben, dass die AfD wieder von der Bildfläche verschwindet.Komfortabel ist die Lage derzeit wahrlich nicht. Sie ist aber auch nicht so schlecht, wie manche es uns einreden wollen oder wie sie auf den ersten Blick scheint.

Traditionell ziehen wir an den Feiertagen Bilanz. Wir hinterfragen selbstkritisch unser Handeln. Ganz unterschiedliche Gefühle werden dabei wach. Angst sollte nicht das beherrschende Gefühl sein. Sondern Vertrauen in ein Land mit einer gefestigten demokratischen Gesellschaft.
Ich wünsche Ihnen allen, dass sich an den Feiertagen im Kreis Ihrer Familien, Ihrer Freunde und Ihrer Gemeinde ein Gefühl der Zufriedenheit und Zuversicht einstellt, sodass Sie gestärkt ins neue Jahr 5779 aufbrechen können! Schana towa u-metuka!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026 Aktualisiert

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Sondierungen

Lauterbach gegen Rot-Grün-Rot in Berlin

Karl Lauterbach hält den Antisemitismusvorwurf gegen die Linke in Neukölln für gerechtfertigt. Dennoch warnt er vor einer Gleichsetzung mit der AfD

 09.10.2026

Washington D.C.

Trump: Bis zu den Midterms keine Angriffe auf Iran

Am 3. November wird in den USA gewählt. Medien berichteten über mögliche neue Angriffe gegen den Iran noch vor dem Urnengang. Dem widerspricht der Präsident nun

 09.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 09.10.2026 Aktualisiert

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026