Baubeginn

Bildung unter einem Dach

Blick auf Frankfurt und seine Skyline Foto: Turkali Architekten

»Ein historischer Moment«: So bewertet Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, die institutionelle Gründung der Jüdischen Akademie. »Mit dem 2. September wird die Bildungsabteilung zu einer Jüdischen Akademie in progress«, präzisiert Donath.

An diesem Tag findet in Frankfurt am Main im Beisein von Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) der erste Spatenstich für die Jüdischen Akademie statt. Der Neubau, der eine frühere Professorenvilla integriert, wird in der Senckenberganlage nahe der Messe errichtet. Der Entwurf stammt von dem Frankfurter Architekten Zvonko Turkali.

KOSTEN Die Gesamtkosten des Projekts betragen 34,5 Millionen Euro. Sie werden gemeinsam vom Bund, dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt und dem Zentralrat der Juden in Deutschland getragen. Es ist geplant, den Bau Ende 2023 fertigzustellen. Im Jahr darauf soll die Jüdische Akademie ihren Betrieb aufnehmen. Unter anderem werden dort Konferenzen und Seminare, Podiumsdiskussionen, Studientage, Buchvorstellungen, Filmvorführungen, Vorträge sowie Ausstellungen und Konzerte stattfinden.

Der Entwurf für das Gebäude stammt von dem Architekten Zvonko Turkali.

»Das intellektuelle jüdische Leben erhält mit der Akademie einen neuen Mittelpunkt«, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster. »Wir wollen sowohl der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Pluralität eine Plattform bieten als auch vor dem Hintergrund der deutsch-jüdischen Geschichte in die Gesamtgesellschaft hineinwirken und den interreligiösen Dialog pflegen.«

Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, erläutert, die Aufgabe der Akademie sei auch, »in die Community hineinzuhören und ihre Wünsche und Bedürfnisse wahr- und aufzunehmen«. »In einem zweiten Schritt beziehen wir uns auf die nichtjüdische Gesellschaft.« Dort nehme man, so Kiesel, »immer häufiger den Wunsch vieler politischer, kultureller oder religiöser Organisationen zur Kenntnis, eine jüdische Perspektive auf unterschiedliche Bereiche des Gesellschaftlichen kennenzulernen, um an dem unermesslichen Schatz jüdischen Wissens, Denkens und Könnens zu partizipieren«.

Die Jüdische Akademie geht aus der 2012 in der Amtszeit von Zentralratspräsident Dieter Graumann initiierten Bildungsabteilung hervor. »Die thematische Bandbreite reichte und reicht von historisch relevanten oder philosophischen Themen bis hin zu aktuellen politischen Spektren, und wir konnten sie als kontinuierliches Bildungsprogramm etablieren«, sagt Donath. Die Jüdische Akademie werde das in einer institutionalisierten Form weitertragen.

PROGRAMM Das Programm soll mehrere thematische Schwerpunkte umfassen. Zum einen möchte die Akademie die innerjüdische Vielfalt thematisieren und eine Plattform anbieten, die sich mit den Positionen und Traditionen der unterschiedlichen religiösen Strömungen des Judentums befasst. Vertreter jüdischer Gruppen diverser Altersstufen sowie religiöser und kultureller Orientierungen sollen zudem ein Forum der Auseinandersetzung und Klärung der eigenen Identität sowie der kulturellen, politischen oder religiösen Orientierung erhalten. Das Verhältnis zu Israel, die Pflege und Vertiefung bestehender Beziehungen mit israelischen Organisationen und Institutionen ist ebenfalls ein Schwerpunkt in der Akademiearbeit.

Die Akademie geht aus der Bildungsabteilung des Zentralrats hervor.

Eine weitere Aufgabe ist es, neue substanzielle Ergebnisse historischer Forschung zur Schoa zur Debatte zu stellen. Die Jüdische Akademie möchte die Erinnerungsarbeit begleiten und reflektieren, um rechtsextremen und populistischen Versuchen, die Geschichte zu leugnen oder umzudeuten, entgegenzuwirken. Die Bedeutung rechtsstaatlich verankerter demokratischer Strukturen und Institutionen und der ihnen zugrunde liegenden politischen Kultur hervorzuheben, zählt ebenso zu ihren Aufgaben.

Die Akademie möchte nicht zuletzt als Forum künstlerischer Werke diverser Disziplinen aus der jüdischen Welt fungieren und notwendigen sinn- und identitätsstiftenden Debatten zur jüdischen Philosophie und Ethik sowie interreligiösen (Streit-)Gesprächen Raum bieten. »Unterschiede aushalten und Gemeinsamkeiten stärken – das soll dieser moderne Ort jüdischen Denkens leisten«, fasst Zentralratspräsident Schuster den Auftrag der Akademie zusammen.

ÜBERGANG Bis zur Eröffnung der Akademie gilt es, den Übergang zu gestalten. Schon jetzt nehmen Sabena Donath und Doron Kiesel eine große Resonanz und Neugier in Bezug auf die Akademie wahr. Deren Ankündigung löse, so Kiesel, Erwartungen, Perspektiven, Wünsche und Bedürfnisse aus. »Der Übergangsprozess wird sich auch darin niederschlagen, dass wir nicht mehr als Bildungsabteilung wahrgenommen werden, sondern als Jüdische Akademie und somit als eine von mehreren bedeutsamen Institutionen unter dem Dach des Zentralrats«, betont Kiesel.

»Ich denke, dass mit diesem symbolischen Baubeginn auch eine neue Ära beginnt: nämlich der Aufbau einer Institution, die auch inhaltlich und personell gefüllt werden wird«, sagt Sabena Donath. Ihre Vorfreude verbirgt sie nicht: »Das ist eine sehr inspirierende Phase.«

An jüdischen Bildungsangeboten Interessierte müssen unterdessen keineswegs bis 2024 warten. Sofern die aktuelle Pandemielage es zulässt, setzt die »Jüdische Akademie in progress« ihr Programm fort: »Wir hoffen, dass wir in diesem Herbst wieder mit unseren Angeboten beginnen können und somit auch den Erwartungen, die seitens unserer Gäste aus nahezu allen jüdischen Gemeinden bestehen, wieder entsprechen können.«

www.zentralratderjuden.de/der-zentralrat/juedische-akademie

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026

Großbritannien

»Wir haben das nicht richtig gemacht«

Andy Burnham, designierter Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Chef und Premierminister, kündigt eine Kurskorrektur in der britischen Nahostpolitik an

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Hamburg/Haifa

Netanjahu bremst Milliarden-Fusion von Hapag Lloyd und Zim

Hapag-Lloyd würde die israelische Reederei gerne übernehmen. Doch der israelische Ministerpräsident hat Sicherheitsbedenken

 10.07.2026

Hamburg

Ein Jahr nach Beginn des Block-Prozesses kein Ende in Sicht

Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. 63 Verhandlungstage gab es seither. Was ist noch offen?

 10.07.2026

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte USA vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen Trump

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026

Islamabad/Doha

Vermittler wollen Atomgespräche zwischen USA und Iran retten

Pakistan, Katar und andere Staaten bemühen sich laut einem amerikanischen Pressebericht, die jüngste Eskalation einzudämmen

 10.07.2026