Antisemitismus

»Beschleuniger für die Abschaffung Israels«

Antisemitismusexperte Benjamin Steinitz Foto: pr

Herr Steinitz, anderthalb Wochen nach dem israelfeindlichen Al-Quds-Tag haben Sie nun Ihre Beobachtungen von der Kundgebung systematisch ausgewertet. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Das Bemühen der Veranstalter, nicht als antisemitisch wahrgenommen zu werden, war zwar deutlich erkennbar, die antisemitische Weltsicht der Redner war dennoch offenkundig. Auch wenn das Auftreten nach einigen Gesichtspunkten – Gewaltanwendung, offener Antisemitismus – gemäßigter erscheint, versteht sich die veranstaltende Quds-AG als »Beschleuniger« für die Abschaffung Israels. Neu war die sehr starke Präsenz der dschihadistischen Propaganda auf Postern.

Wie viele antisemitische Vorgänge haben Sie registriert?
Viele Äußerungen waren gemäß der von der International Holocaust Remembrance Alliance verwendeten Definition antisemitisch, wie die eigentlich untersagte Parole »Kindermörder Israel!« oder der verschwörungsideologische Vorwurf, Israel sei an der Gründung des IS beteiligt gewesen. Auch sonst wurde Israel auf vielen Postern und in vielen Redebeiträgen delegitimiert und dämonisiert, auch wenn wir Volksverhetzungen im strafrechtlichen Sinne nicht wahrgenommen haben.

Welche islamistischen und anderen israelfeindlichen Strömungen waren beim Berliner Al-Quds-Marsch besonders präsent?
Die Verbindung zu Iran, das eine sehr israelfeindliche Politik verfolgt, war durch die Anwesenheit von Personen mit Aufnähern der iranischen Revolutionsgarden sehr deutlich. Zahlreiche Bezüge zu der ebenfalls schiitischen terroristischen Organisation Hisbollah waren ebenfalls vorhanden, etwa durch Stirnbänder und Poster, die Hisbollah-»Märtyrer« verehrten. Auch Flaggen der Hisbollah-nahen Amal-Miliz sowie der palästinensischen Terrororganisation PFLP wurden gesichtet, dazu war die rechte Querfrontpartei »Deutsche Mitte« umfassend vertreten.

Ist die Berliner Polizei dagegen während der Kundgebung vorgegangen?
Die Berliner Polizei hat über die Jahre hinweg ein Vorgehen etabliert, welches offenen Antisemitismus und Gewaltanwendungen am Rande des Aufmarsches wirksam unterbindet. Warum gegen mehrere Poster oder Fahnen, deren Symbolik und Inhalte beauflagt waren, nicht vorgegangen wurde, kann ich nicht beantworten.

Sie haben auch Koransuren ausgewertet, die bei der Kundgebung rezitiert wurden. Wie sind diese einzuordnen?
Die rezitierte dritte Sure »Al Imran« (»Das Haus Imran«) befasst sich hauptsächlich mit dem Glauben von Juden (und Christen) als vermeintlich irreführende Glaubenswege. Historisch gesehen ist diese Sure eine Aufforderung an die Muslime, sich diesen vermeintlich irreführenden Religionen zu widersetzen. Im Kontext des Quds-Tag-Marschs ist die Sure als Ausdruck einer radikalen religiösen Auffassung zu verstehen.

Der Berliner Senat sagt, der Al-Quds-Tag sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Ins Leben gerufen wurde der Marsch von Ayatollah Chomeini zur »Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern«. Wie kann dies von der Meinungsfreiheit gedeckt sein?
Ich würde eher fragen, warum diese Positionen von der demokratischen Zivilgesellschaft nicht als zutiefst problematisch wahrgenommen werden und auf breiter Ebene dagegen protestiert wird? Meiner Einschätzung nach liegt der Grund darin, dass dieser Judenhass nicht von der rechtsextremen Seite artikuliert wird. Auf Antisemitismus aus Gruppierungen, die sich auf ihre religiöse Identität oder Konflikte im Ausland berufen, hat die Zivilgesellschaft noch keine Antwort gefunden.

www.report-antisemitism.de

Das Gespräch mit dem Projektleiter der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) führte Philipp Peyman Engel.

Berlin

Remmo: Koçak hat bei mir im Büro gesessen

Wie eng war der Kontakt des Linken-Bundestagsabgeordneten Koçak zur Großfamilie Remmo? Nach der Berliner Wahl kamen Chatnachrichten ans Licht, die er als Fehler bezeichnete. Gab es auch ein Treffen?

 16.10.2026

Berliner Sondierungen

Özdemir: Berliner Linke hat sich »radikalisiert«

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir schaut mit Sorge auf die politischen Geschehnisse in der Bundeshauptstadt. Seiner Ansicht nach hat sich die Berliner Linke radikalisiert

 16.10.2026

Kommentar

Deutsche Iran-Politik: Urkomische Dinge und pure Realitätsverweigerung

Der neue Botschafter der Bundesrepublik in Teheran, Axel Dittmann, produziert mit seinen Instagram-Videos unfreiwillig Realsatire

von Saba Farzan  16.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD)

Rede des Bundesratspräsidenten

Bovenschulte zu AfD-Verbot: »Prüfen heißt nicht verbieten«

Seine letzte Rede als Bundesratspräsident nutzt Andreas Bovenschulte für einen Appell. Es geht darum, wie weit die Demokratie im Umgang mit der AfD gehen sollte – und warum kein Fehler passieren darf

 16.10.2026

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Steffen Alisch

Meinung

Die Berliner Linke und ihr DDR-Vorleben

Linker Antisemitismus, Israelfeindschaft und Genozid-Vorwurf – all das gab es bereits in der DDR unter dem Regime der Linkspartei-Vorläuferin SED

von Steffen Alisch  16.10.2026

Staatsanwaltschaft

Der Bundestag hebt die Immunität von SPD-Abgeordnetem Adis Ahmetovic auf

Ermittler durchsuchen sein Büro und Wohnungen wegen des Verdachts verbotener Absprachen

von Leonard Fischer  16.10.2026

Annäherung

Warum die FPÖ auf ein Gütesiegel aus Israel hofft - Österreichs Rechte knüpfen Verbindungen zum Likud

Noch stehen in Österreich keine Wahlen an. Dennoch will die rechte FPÖ ihr aktuelles Umfrage-Hoch mit einer Strategie untermauern, die verwundert: Die einstige Altnazi-Partei sucht Unterstützung aus Israel

von Markus Schönherr  16.10.2026