Rechtsextremismus

Beratungsstellen fordern mehr Entschädigung für Opfer rechter Gewalt

Newroz Duman, Sprecherin der Initiative 19. Februar, Gideon Botsch, Leiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum, und Judith Porath, Geschäftsführerin der Opferperspektive Brandenburg, bei der Bundespressekonferenz am Dienstag in Berlin Foto: imago

Die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt fordern von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) eine Ausweitung der Entschädigungszahlungen für Betroffene rassistischer Angriffe.

Die Härteleistungen des Bundes würden bislang nicht für zerstörtes Inventar, Renovierungskosten oder existenzbedrohende Einnahmeverluste gewährt, heißt es in einem am Dienstag in Berlin vorgestellten Brief an Lambrecht. Darin wird eine Entschädigung auch für Sachschäden und wirtschaftliche Verluste gefordert.

Unterzeichnet wurde das Schreiben des Verbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt unter anderem auch von Bundestags- und Landtagsabgeordneten von SPD, Grünen und Linken, der Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen des NSU-Terrors, Barbara John, dem Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, und dem Antisemitismusbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa.

Der Brief verweist auf den Döner-Imbiss in Halle und die Shisha-Bar in Hanau, deren Weiterbetrieb nach den dortigen Anschlägen schwierig oder gar nicht möglich sei. »Rassistisch und antisemitisch motivierte Gewalt will auch die wirtschaftliche Existenz der Angegriffenen und ihrer Familien vernichten und sie aus den Unternehmens- und Gewerbestrukturen vor Ort verdrängen«, heißt es darin.

Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Edgar Franke (SPD), setzt sich für eine Ausweitung der finanziellen Hilfen für Opfer von Terrorismus und Extremismus ein. »Wir brauchen schnelle finanzielle Hilfen, um auch bei materiellen Schäden die größte Not der Betroffenen lindern zu können«, sagte Franke am Dienstag in Berlin vor dem Hintergrund der Forderungen auf der Bundespressekonferenz. Die sogenannten Härteleistungen des Bundes sehen den Ersatz bei Sachschäden bislang nicht vor. Es werde nun geprüft, wie der Bund auch dabei helfen könne, sagte ein Sprecher des Bundesjustizministeriums.

Die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt stellten am Dienstag in Berlin zudem ihre Jahresstatistik für 2018 vor. Demnach wurden in acht Bundesländern 1347 rechtsextrem, rassistisch oder antisemitisch motivierte Angriffe gezählt. Das sei zwar ein Rückgang um zehn Prozent, ergänzte Porath. Die Bedrohungslage durch Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus habe sich aber verschärft, sagte die Geschäftsführerin der Opferperspektive Brandenburg, Judith Porath, am Dienstag in Berlin.

Sie verwies dabei auf die drei Todesopfer infolge rechter Anschläge im vergangenen Jahr - den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die beiden Opfer des Attentäters, der im Oktober

2019 die Synagoge in Halle angegriffen hatte und die von Betroffenen zunehmend als aggressiver wahrgenommene Stimmung. »Menschenverachtende Hetze und Bedrohungen im Netz lassen Hemmschwellen sinken. Aus Worten werden Taten«, erklärte Justizministerin Lambrecht dazu.

Die Statistik der Beratungsstellen listet nur Taten in den Bundesländern auf, in denen ein unabhängiges Monitoring durch Organisationen stattfindet. Das ist in Brandenburg, Berlin, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein der Fall. Auch in den anderen Bundesländern gibt es Beratungsstellen, die Kapazitäten reichten aber nicht überall für das Monitoring, erläuterte Porath.

Die Länder finanzieren nach ihren Angaben die Beratungsstellen sehr unterschiedlich. Bayern gebe beispielsweise »keinen Pfennig« zur Bundesförderung dazu, sagte Porath.

Die offizielle Statistik politisch motivierter Kriminalität des Bundeskriminalamtes listete 2018 insgesamt 1156 Gewalttaten von Rechtsextremisten auf, davon 1000 Körperverletzungen, eine vollendete und sechs versuchte Tötungen. epd

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Berufung

Hamburg hat wieder eine Beauftragte gegen Antisemitismus

Nach Monaten der Vakanz ist das Amt wieder besetzt: Anna von Villiez wird Hamburgs neue Beauftragte gegen Antisemitismus. Ein Rechtsstreit hatte die Auswahl verzögert

von Michael Althaus  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Interview

»Soziale Medien sind Brandbeschleuniger für Judenhass«

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung gegen Antisemitismus, wechselt nach Paris. Am Dienstagabend zog er auf einem Podium in Berlin Bilanz. Im Interview blickt er zusätzlich auch auf Persönliches

von Leticia Witte  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Wir sind hier wie in einer Mossad-Operation«

Im Block-Prozess wird ein Zeuge aus Israel weiter per Video befragt. Der 42-Jährige steuerte bei der gewaltsamen Rückholung der Kinder einen der Wagen. Wie er heute auf die Ereignisse blickt.

von Stephanie Lettgen  30.06.2026