Faktencheck

Aus dem Kontext gerissen: Joachim Gauck und sein Verhältnis zu Deutschland

Fing als Jugendlicher an, sich kritisch mit der deutschen Geschichte zu beschäftigen: Joachim Gauck Foto: picture alliance/dpa

Wenn man Zitate aus ihrem Zusammenhang reißt, entsteht schnell ein falsches Bild. So kursieren derzeit zwei Aussagen von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck: »Ich schäme mich sozusagen, ein Deutscher zu sein« und »Ich hasse und verachte das Land«.

In Postings und Videos  werden diese dazu genutzt, den Eindruck zu erwecken, dass Gauck sich damit auf aktuelle politische Debatten und die Bundesrepublik beziehe, deren Staatsoberhaupt er bis 2017 war. Doch der ehemalige Bundespräsident schilderte etwas anderes.

Kontext Wichtiger Kontext fehlt: Gauck spricht in der vollständigen Passage über sein Leben und Aufwachsen in der DDR und die Erfahrungen mit totalitären Systemen: Als er sich zu dieser Zeit mit der Geschichte der Sowjetunion und des Nationalsozialismus in Deutschland beschäftigt habe, habe er sich geschämt. Gauck formuliert zwar im Präsens, spricht jedoch über geschichtliche Zusammenhänge und zudem über Ansichten, die er in der Vergangenheit hatte.

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hat in der ZDF-Sendung »Markus Lanz« am 13. Juli 2022 ein teils sehr persönliches Interview gegeben. In einer Passage (ca. ab Minute 53:30) geht es um von ihm erfahrenes Unrecht in der ehemaligen DDR. So spricht er über seinen Vater, der zu Beginn der 1950er Jahre staatlich verfolgt und in ein sowjetisches Arbeitslager in Sibirien verschleppt wurde.

Die Zitate beziehen sich eindeutig auf Deutschland - aber in einem historischen Kontext.

Neben dieser persönlichen Erfahrung mit Verfolgung in einem totalitären Staat schilderte Gauck auch, wie er später von den Verbrechen in den Jahrzehnten zuvor etwa in der Sowjetunion und im nationalsozialistischen Deutschland erfuhr. Dabei sprach er im Interview im Präsens, nutzte das aber lediglich als Stilmittel, um seine Auseinandersetzung mit der deutschen und europäischen Geschichte in der DDR zu beschreiben:

»Als ich etwas älter werde, lese ich all die Bücher über das, was die Generation meiner Eltern veranstaltet hat in der Sowjetunion, aber auch gegenüber Deutschen, den deutschen Juden und den deutschen Dissidenten in der Nazizeit. Und ich komme in eine Phase des allertiefsten Erschreckens über mein eigenes nationales Heim. Ich schäme mich sozusagen, ein Deutscher zu sein, obwohl ich nichts verbrochen hatte, aber meine geliebte deutsche Sprache wird mir verdächtig, weil aus dem Grund, aus dem diese schöne Literatur erwachsen ist, aus demselben Grund sind ja Übermut und Hass erwachsen und Mordgier in unglaublichem Maß. Und ich hasse und verachte das Land. Und dadurch relativiert sich dann der Zorn auf das Unrecht, das ich dann als Kind schon erfahren habe und ich bringe erst später beides in eine Beziehung, als mir der Begriff «totalitäre Herrschaft» dann vertraut wird, als ich Hannah Arendt kennenlernte oder George Orwell und andere und dann die unterschiedlichen Wege sehe, wie man die Arroganz der Herrschenden... wie die sich ihre Systeme schafft.«

Die Zitate beziehen sich eindeutig auf Deutschland - aber in einem historischen Kontext. Gauck beschrieb auch, wie sich seine Ansichten später weiterentwickelten und er seine Erfahrungen reflektierte.

Verkürzung In verschiedenen Beiträgen auf Facebook und Youtube werden Gaucks Zitate jedoch nur in Kurzform ohne den von ihm geschilderten historischen Hintergrund verbreitet - und zudem mit Gaucks späterer Rolle als Bundespräsident vermischt.

So werden die aus dem Kontext gerissenen Zitate in einigen Postings mit einer veralteten (und zu niedrigen) Angabe zum Ehrensold - so werden die Altersbezüge eines Bundespräsidenten genannt - gegenübergestellt.

Gauck arbeitete in der DDR als Pfarrer und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Nach der Wiedervereinigung war er zunächst Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen und von 2012 bis 2017 Bundespräsident. dpa

Los Angeles

Nick Reiner wegen Mordes an seinen Eltern angeklagt

Das Motiv für die Ermordung des bekannten Hollywood-Regisseurs Rob Reiner und dessen Frau Michele bleibt unklar. Welche Strafe kommt bei einer Verurteilung infrage?

 13.08.2026

Washington D.C.

Medien: CIA zweifelte an iranischer Bedrohung für Trump

Trump wechselt auf dem Heimweg vom Nato-Gipfel versteckt in einem Catering-Container den Flieger. Der einem Politthriller gleichende Vorgang schlägt international Wellen. Nun gibt es neue Informationen

 13.08.2026

Nahost

Geplante Gebühr für Straße von Hormus: Iran verweist auf Umweltschäden

Für den Iran ein Muss, für die USA ein rotes Tuch: Das Mullah-regime will für die Passage der Straße von Hormus künftig eine Gebühr erheben. Zur Begründung führt es auch Umweltschäden an

 13.08.2026

Rom

»Jagd auf Juden«: Jüdische Organisationen verurteilen Doppel-Angriff auf Tourist mit Kippa

Einer von meheren mutmaßlichen Tätern ist gefasst. Jüdische Organisationen in Italien zeigen Solidarität mit dem Opfer

 13.08.2026

Offener Brief

Lieber Heinz Rudolf Kunze, ...

Malca Goldstein-Wolf schreibt dem Sänger Heinz Rudolf Kunze einen Offenen Brief, denn was sie von ihm im Fernsehen hörte, machte sie fassungslos

von Malca Goldstein-Wolf  12.08.2026

Die iranische Atomanlage Fordo vor den amerikanischen Angriffen

Iranisches Atomprogramm

Fordo: Der Mossad war da

Yossi Cohen leitete den israelischen Auslandsgeheimdienst von 2015 bis 2021. Unter seiner Ära hätten israelische Spione die iranische Atomanlage Fordo mehrmals in Augenschein genommen

 12.08.2026

Meinung

Warum die Begründung des OLG Zweibrücken nicht überzeugt

Der Beschluss des Pfälzischen Oberlandesgerichts zur Gleichsetzung von Davidstern und Hakenkreuz zeigt, wie die bestehende Dogmatik angesichts des Anstiegs des Antisemitismus in der Gesellschaft an Grenzen stößt

 12.08.2026

Kommentar

UNRWA: Fakten statt Tabus

Warum Kritik am Palästinenserhilfswerk auf Schweigen und Ablehnung stößt

von Duki Dror  12.08.2026

Nordhessen

Vier Meter großes Hakenkreuz in Asphalt gebrannt

Die Polizei sucht nun nach den Täter, der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen

 12.08.2026