Koordination

Auftakt in Berlin

Felix Klein (2.v.r.) und Daniel Botmann (3.v.l.) mit Antisemitismusbeauftragten der Länder Foto: epd-bild/Christian Ditsch

Bemerkenswert konkret ging es beim ersten Koordinierungstreffen der Antisemitismusbeauftragten von Bund und Ländern zu. Eingeladen hatte Felix Klein, der Bundesbeauftragte, und gekommen waren seine sechs Kollegen, die auf Landesebene bereits amtieren: aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Der Beauftragte aus dem Saarland wird beim nächsten Treffen dabei sein, noch wurde er nicht vom Landtag bestätigt.

APPELL Felix Klein formulierte den Appell an alle Bundesländer, möglichst bald Beauftragte zur Bekämpfung von Antisemitismus und zur Förderung jüdischen Lebens zu berufen. Damit der Appell auch fruchtet, will er bald an alle Ministerpräsidenten einen Brief schreiben.

»Mir ist ganz wichtig, die Bedeutung dieser Aufgabe sichtbar zu machen und Ansprechpartnerin zu sein«, so formulierte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ihr Selbstverständnis. Die frühere Bundesjustizministerin wird ab 2019 für Nordrhein-Westfalen das Amt übernehmen.

Das Treffen in Berlin verstand nicht nur Klein als Vorstufe zu einer kommenden »Bund-Länder-Kommission«, wie sie auch der Bundestag gefordert hatte. Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte in der Münchner Staatskanzlei, sagte: »Aus bayerischer Sicht und als Berufsföderalist bin ich guter Dinge.«

Ein gegenseitiger Ansporn bei wichtigen Projekten sei möglich, hieß es. Das Wort vom »Wettbewerbsföderalismus« machte die Runde. Schließlich, so Klein, lägen etwa 80 Prozent der Arbeitsgebiete der Beauftragten in der Zuständigkeit der Länder. Noch mehr Projekte konnten die Beauftragten anschieben: Eine Meldepflicht für Schulen, wenn sich dort antisemitische Vorfälle ereignen, soll es bald geben; Baden-Württemberg hat das bereits durchgesetzt, und wie Felix Klein sagte, »nimmt das von Schulleitern viel Druck«. Diese müssten nicht mehr aus vermeintlicher Rücksicht auf den guten Ruf ihrer Schule Fälle zurückhalten.

SCHULEN Aus- und Weiterbildung von Lehrern, gerade was das Erkennen und Bekämpfen von israelbezogenem Antisemitismus angeht, steht auch auf der Agenda. »Viele Lehrer sind nicht in der Lage, damit adäquat umzugehen«, beklagte Felix Klein.

Für 2020/21 gibt es ein ganz großes Projekt: »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« sollen ein Jahr lang gefeiert werden. Das organisatorische Vorbild ist das Reformationsjahr, das 2017 im Gedächtnis an Martin Luther stattfand.

2020/21 sollen »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gefeiert werden.

Kooperation wurde auch bei anstehenden Forschungsprojekten vereinbart. Eine Studie zur Altersradikalisierung – warum offenbaren sich gerade ältere Menschen häufiger als Judenhasser? –, die Baden-Württembergs Beauftragter Michael Blume angeregt hat, wird von allen Ländervertretern unterstützt.

Beim ersten Berliner Treffen waren auch Vertreter jüdischer Organisationen anwesend: Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden, Aron Schuster für die Zentralwohlfahrtsstelle, Deidre Berger vom American Jewish Committee und Levi Salomon für das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus. Daniel Botmann begründete, warum es wichtig ist, dass sich die Antisemitismusbeauftragten auf Bundes- und Länderebene mit der jüdischen Gemeinschaft abstimmen. Es gehe ja nicht nur um die Bekämpfung des Antisemitismus, sondern auch um die Förderung jüdischen Lebens. Als konkretes Beispiel für eine bessere Teilhabe von Juden am politischen und gesellschaftlichen Geschehen nannte Botmann die Einrichtung einer jüdischen Militärseelsorge: Hier geht es um die Betreuung jüdischer Soldaten und darum, dass nichtjüdische Soldaten über die Arbeit von Militärrabbinern in Kontakt und Austausch mit dem Judentum kommen können.

Ein Beispiel für Wissenslücken der Mehrheitsgesellschaft über Juden hatte Botmann auch zur Hand: »Viele Juden sind arm, das wissen viele nicht.« Botmann erläuterte, dass gerade bei Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion große Altersarmut herrscht.

Leutheusser-Schnarrenberger betonte, wie wichtig ihr die Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden ist. »Ihre Anliegen sind wichtig für meine künftige Arbeit«, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen.

ÜBERGRIFFE »Jeder Antisemit ist Antidemokrat«, formulierte Botmann die politische Bedeutung der Arbeit, um die es geht. Er verwies auf die Arbeit von RIAS, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, die seit Jahren erfolgreich in Berlin arbeitet und aus der jetzt ein Bundesverband hervorging. RIAS dokumentiert antisemitische Vorfälle, unabhängig davon, ob sie juristisch geahndet werden oder nicht. Opferberatung solle künftig stärkere Beachtung finden, versprach Botmann, also die Frage, wie den Menschen, die Vorfälle erleiden und melden, geholfen werden kann.

Auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist diese Dokumentationsfunktion wichtig: »Mich beschäftigen ebenso die Übergriffe, die nicht bei der Justiz landen, wie Pöbeleien, aggressive verbale Auseinandersetzungen, Hetze und Missachtung.«

Die politische Relevanz, die Antisemitismus auch für staatliches Handeln hat, wurde bei dem ersten Treffen der Landes- und des Bundesbeauftragten in Berlin deutlich. »Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, kein jüdisches Problem«, sagte Felix Klein, und er fügte hinzu, dass die Berufung von Antisemitismusbeauftragten deutlich mache: »Es ist ein politisches Problem.«

Debatte um Erklärung

Hickhack bei Rot-Grün-Rot: Das steht in den Antisemitismus-Papieren

Die Berliner Regierungsbildung stockt, nachdem die Linke im Abgeordnetenhaus ein eigenes Papier zum Kampf gegen Antisemitismus gebilligt hat. Wo sich die zwei Erklärungen unterscheiden

 14.10.2026

Umfrage

66 Prozent der Unionswähler für Prüfung von AfD-Verbot

Eine Campact-Umfrage zeigt, dass die Wähler der Unionsparteien mehrheitlich für die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens sind. Auch eine Koalition mit der AfD wird von Anhängern der Mitte-Parteien deutlich abgelehnt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU)

Landtag von Sachsen-Anhalt

Ministerpräsidenten-Wahl: CDU will im dritten Wahlgang im Plenarsaal sein

Bei der Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt will die CDU den Plenarsaal zunächst verlassen. Für einen möglichen dritten Wahlgang kündigt Fraktionschef Sven Schulze ein anderes Vorgehen an. AfD und BSW beschließen derweil einen Antrag zur Ukraine

 14.10.2026

Berlin

»Eine gute Wahl«: Bundesregierung ernennt von Schnurbein zur Beauftragten für jüdisches Leben

Die 52-jährige EU-Beamtin ist am Mittwoch offiziell zur Nachfolgerin von Felix Klein bestellt worden. Aus den jüdischen Verbänden und Gemeinden kamen unisono positive Reaktionen

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Banaszak: Emdes Fraktions-Aus war Grundlage für Sondierungen

Die Grünen-Landesvorsitzende Stahr betont hingegen, dass ihre Partei weiter »am Tisch sitzt« und auf eine Erklärung der Linken wartet

 14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer Fraktion zu Antisemitismus dennoch für ausreichend

 14.10.2026

Berlin

Julia Klöckner: AfD-Verbotsverfahren nicht »aus dem Bauch heraus starten«

Die CDU-Bundestagspräsidentin warnt davor, die Rechtsaußen-Partei zum »Märtyrer« zu machen

 14.10.2026

Unterbrochene Sondierungen

Berliner CDU an Grüne und SPD: »Hand ist ausgestreckt«

Die Regierungsbildung zwischen Linken, Grünen und SPD in Berlin stockt. Nach der überraschenden Unterbrechung der Sondierungen meldet sich ein Wahlverlierer zu Wort

 14.10.2026