Wirtschaft

Aufschwung Nahost

Bodenschätze: Experten beziffern den Marktwert der Erdgasvorkommen Israels auf etwa 270 Milliarden Euro. Foto: Flash 90 / Montage: Marco Limberg

Ältere werden sich vielleicht noch erinnern: Als Israel 1948 gegründet wurde, stand das Land vor dem ökonomischen Ruin. Die Kosten des Unabhängigkeitskrieges und die Aufnahme Hunderttausender mittelloser Schoa-Überlebender und Vertriebener aus den arabischen Ländern überforderten die ohnehin fragile Wirtschaft.

Auch in den folgenden Jahren konnte der jüdische Staat wirtschaftlich nur mit Mühe den Kopf über Wasser halten. Israel war ein armes Land. Was es vor der Pleite bewahrte, war ein jahrelanges knallhartes Austeritätsprogramm sowie die Solidarität der Galut. Die blau-weiße Keren-Hayesod-Sammelbüchse gehört seitdem zur festen Ausstattung jeder jüdischen Diasporainstitution.

Inzwischen ist Israel längst kein Almosenempfänger mehr. Im Human Development Index der UNO, der Lebenserwartung, Bildung und Einkommen misst, rangiert das Land auf dem 16. Platz von 187 Staaten, noch vor den EU-Mitgliedern Belgien, Österreich, Frankreich und Finnland. Israel hat längst eine international wettbewerbsfähige Industrie.

realität Seit einigen Wochen kommt noch etwas hinzu. Was sich Israelis schon immer erträumt hatten, ist jetzt Realität: Das Land ist Energieversorger. Ende März kam Gas an der Küste an, das wenige Stunden zuvor aus der israelischen Lagerstätte »Tamar« im Mittelmeer gepumpt worden war. Die Presse schlug euphorische Töne an. Die Nation sei jetzt eine »Gas-Großmacht«, titelte das Massenblatt Yedioth Ahronoth.

Das ist zwar stark übertrieben. Israels Reserven liegen volumenmäßig weit abgeschlagen hinter denen von Katar, Russland oder dem Iran. Im CIA Factbook, das die größten Gasnationen auflistet, belegt Israel lediglich Platz 46. Die neuen Gasreserven sind aber so groß, dass sie in den nächsten 50 Jahren ausreichen könnten, um den Durchschnittskonsum zu befriedigen. 40 Prozent des inländischen Elektrizitätsbedarfs wird mithilfe von Gasturbinen gedeckt. Die neue Quelle ist auch ein Ersatz für die Gaslieferungen aus Ägypten, die vor einem Jahr nach Terroranschlägen auf Pipelines im Sinai eingestellt wurden.

schattenseiten Doch der Segen hat auch seine Schattenseiten, warnen Ökonomen. Der Gasreichtum könnte sich negativ auf das Wachstum der Wirtschaft auswirken, weil er den Schekel verteuert. Schon im vergangenen Jahr hatte der Schekel gegenüber den wichtigsten Währungen um 4,4 Prozent zugelegt. Auf die Nachricht, dass Israel fortan eine Energienation ist, reagierte der internationale Devisenmarkt mit einer verstärkten Nachfrage nach dem Schekel.

Die israelische Währung legte in der Folge gegenüber dem Dollar und dem Euro dermaßen stark zu, dass die Notenbank dem Aufwärtstrend Einhalt gebieten musste. Denn die Aufwertung des Schekels nagt an den Gewinnen der Exporteure, warnt Ramzi Gabay, Chef des »Israel Export and International Cooperation Institute«. Ausfuhren machen 40 Prozent der Wirtschaft aus. Wegen dieser Aufwertung steigen die Exporte weniger stark als 2011, was sich in einem schwächeren Wirtschaftswachstum niederschlägt.

Um die starke Nachfrage nach der israelischen Währung zu dämpfen, hat die Regierung die Gründung eines Staatsfonds nach dem Vorbild Norwegens beschlossen. Die Gewinne aus den Gasfeldern sollen dort gesammelt werden, um einen Aufwertungsdruck auf die Landeswährung zu verhindern. Ökonomen versprechen sich von dem Staatsfonds einen Schutz vor der »Holländischen Krankheit«. Sie befällt eine Volkswirtschaft, wenn sie, wie die niederländische in den 60er- und 70er-Jahren, so erfolgreich exportiert, dass es über Wechselkursentwicklungen zu einem ökonomischen Abwärtstrend kommt.

aufwertung Meistens ist das der Fall, wenn Rohstoffe ans Ausland verkauft werden. Dadurch entstehen Außenhandelsüberschüsse, die zu einer Aufwertung der Landeswährung führen. Das erschwert das Exportieren der Industrie, was im Extremfall zum Rückgang oder Verschwinden der betroffenen Industrien und somit zu grundsätzlichen ökonomischen Problemen wie zum Beispiel Massenarbeitslosigkeit führen kann.

Doch das sind, gemessen an der wirtschaftlichen Ausgangslage Israels vor 65 Jahren, Luxusprobleme. Konnte das Land 1948 und in den Jahren darauf seine Bürger nur mit Mühe ernähren, muss es sich heute darum sorgen, dass es seinen neuen Reichtum im Griff behält.

Und die blau-weiße Sammelbüchse? Sie wird weiter ihren Platz in der Diaspora haben, aber nur als Symbol. Israel ist nicht mehr auf Zedaka von außen angewiesen. Der jüdische Staat steht ökonomisch fest auf eigenen Beinen. Wobei er es, Wachstum hin oder her, noch nicht geschafft hat, dass alle Bürger in gleichem Maße vom Fortschritt profitieren. Das muss die nächste Aufgabe der Wirtschaftspolitik sein.

Shelly Meyer

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