documenta

»Auf Bedenken eingehen«

Das ruruHaus in Kassel. Es wurde als Labor für die documenta 15 eingerichtet. Foto: imago images/epd

documenta

»Auf Bedenken eingehen«

Nach Kritik des Zentralrats: Umstrittene Gesprächsreihe über Antisemitismus, Rassismus und Islamophobie ausgesetzt

von Ayala Goldmann  05.05.2022 14:18 Uhr Aktualisiert

Nach öffentlich gewordener Kritik des Zentralrats der Juden hat die documenta die geplante Online-Gesprächsrunde »We need to talk! Art –Freedom – Solidarity« ausgesetzt. Das teilte die Kasseler Weltkunstausstellung kurz vor Redaktionsschluss am Mittwoch mit. Die documenta hatte mit den drei Online-Runden am 8., 15. und 22. Mai auf Antisemitismusvorwürfe reagieren wollen.

Dem indonesischen Kuratorenteam der Schau, »ruangrupa«, wird vorgeworfen, es habe eine palästinensische Organisation eingebunden, die Boykotte gegen Israel unterstützt. Auch in Gremien der documenta säßen, so der Vorwurf, Freunde der laut Bundestag antisemitischen BDS-Bewegung.

BRIEF Zentralratspräsident Josef Schuster hatte zuvor in einem Brief an Kulturstaatsministerin Claudia Roth, den die dpa Ende April veröffentlichte, die Besetzung der Diskussionsforen kritisiert. Der Zentralrat habe als Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland mehrfach darum gebeten, »mit unserer Expertise eingebunden zu werden«. Trotz mehrfacher Nachfrage bei der documenta-Leitung sei dies nicht geschehen. Die Ausrichtung der Podien habe für Schuster »eine eindeutige Schlagseite«, heißt es laut dpa weiter in dem Brief an Roth.

Zu den Podien eingeladen waren unter anderem der BDS-Anhänger Eyal Weizman und der Philosoph Omri Boehm, der die Bundestagsresolution zu BDS scharf kritisiert hatte. Laut dem von der dpa zitierten Brief Schusters sollte die Intention der Podien eine Befassung mit dem Antisemitismus im Allgemeinen sowie mit israelbezogenem Antisemitismus sein. In diesem Kontext habe ihn auch verwundert, »dass die Thematik des antipalästinensischen Rassismus Eingang in das Programm gefunden hat«, schrieb der Zentralratspräsident demnach. Er könne hier keinen Zusammenhang erkennen.

Zuvor hatten Diskutanten ihre Teilnahme abgesagt. Natan Sznaider, Professor für Soziologie in Tel Aviv, schrieb in einer Mail an die documenta, er finde in den Zusammensetzungen der Panels seinen Ort nicht und könne natürlich auch nicht einfach den Einspruch des Zentralrats ignorieren: »Als ›ehemaliger‹ Jude in Deutschland und auch als Israeli verstehe ich den Schmerz und die Nichtanerkennung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Ich glaube sehr, dass ›we need to talk‹, aber ich sehe die Veranstaltung eher als ein Selbstgespräch als eine Unterhaltung.«

VERTRAUENSBASIS Claudia Roth erklärte: »Die Absage der Gesprächsreihe macht deutlich, dass hier offenkundig eine neue Vertrauensbasis nötig ist. Antisemitismus darf keinen Platz haben in unserer Gesellschaft, nirgendwo, und auch nicht auf der documenta.«

Von Anfang an habe sie die Vorwürfe ernst genommen und sowohl mit den Verantwortlichen der documenta als auch dem Zentralrat der Juden und Josef Schuster persönlich das Gespräch gesucht. Daran wolle sie anknüpfen: »Wir brauchen eine offene und ausgewogene internationale Diskussion rund um die documenta, die unterschiedliche Positionen abbildet und einbezieht.«

Die documenta will nach eigenen Angaben zunächst die Ausstellung am 18. Juni beginnen und »für sich sprechen lassen, um die Diskussion dann auf dieser Basis sachgerecht fortzusetzen«. Die bisherigen Ansätze sollen als verändertes Format vor Ort während der documenta fifteen weiterentwickelt werden: »Das gibt auch Gelegenheit, auf Bedenken eingehen zu können, die in den vergangenen Tagen öffentlich wurden.«

Josef Schuster sagte am Mittwoch als Reaktion: »Die Absage des Expertenforums bei der documenta fifteen habe ich zur Kenntnis genommen. Die Konzeption der Foren hatte mich sehr irritiert. Eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem israelbezogenen Antisemitismus und der Boykottbewegung ›BDS‹ im Kulturbetrieb halte ich für unerlässlich. Die nun abgesagte documenta-Veranstaltungsreihe ließ das jedoch nicht erkennen.«

Doha

Wadephul: Weitere 93 Millionen Euro für humanitäre Hilfe

Der deutsche Außenminister ist vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs auf Krisenreise in der Golfregion. Um das Leid der Menschen zu mildern, stockt die Bundesrepublik ihre Unterstützungsgelder auf

 11.03.2026

Krieg

USA: Am Dienstag fast stündlich Angriffswellen auf den Iran

Die USA greifen seit mehr als einer Woche Ziele im Iran an. Am Dienstag hatte der US-Verteidigungsminister besonders harte Angriffe angekündigt. Nun äußert sich das US-Militär in einem Update dazu

 11.03.2026

Burg

Lehrer berichten in Buch aus Schulalltag mit Nazi-Parolen

»Es interessiert kaum jemanden«: Zwei Lehrer schlagen Alarm wegen rechter Ideologien an einer Schule in Brandenburg. In ihrem Buch »Rechtsruck im Klassenzimmer« geht es um mehr als Kritik am Wegsehen

von Monika Wendel  11.03.2026

Brüssel

EU verhängt weitere Iran-Sanktionen

Dem aktuellen Iran-Krieg ging die brutale Niederschlagung von regierungskritischen Protesten voraus. Die EU verschärft jetzt die Sanktionen und nennt eine konkrete Opferzahl

 11.03.2026

Lanz und Precht

»Irgendwie so bombt man sich das Ganze am Ende zurecht«

In ihrem wöchentlichen Podcast versuchen sich Talkmaster Markus Lanz und Philosoph Richard David Precht an einer Analyse der Hintergründe des Irankriegs – und scheitern gewaltig

von Michael Thaidigsmann  11.03.2026

Madrid

Spanien beruft seine Botschafterin in Israel ab

Die Sánchez-Regierung zieht Konsequenzen im Streit mit Israel: Die Botschafterin wird abberufen. Wie es dazu kam und welche politischen Konflikte dahinterstehen

 11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Nahost

USA greifen iranische Minenleger im Persischen Golf an

Laut amerikanischen Geheimdiensten liegen bereits mehrere Dutzend Seeminen in der Straße von Hormus

 11.03.2026

Karlsruhe

Razzien gegen rechtsextremen Verlag in fünf Bundesländern

Das Medienunternehmen soll seit Jahren antisemitische Bücher verbreiten. Die Staatsanwaltschaft lässt mehrere Orte durchsuchen. Auch zwei EU-Länder sind betroffen

 11.03.2026 Aktualisiert