Interview

»Antisemitische, frauenfeindliche Agenda«

Susanne Schröter über den politischen Islam, muslimischen Judenhass und fragwürdige Kooperationen der Kirchen

 12.01.2020 18:09 Uhr

Susanne Schröter, Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main Foto: imago

Susanne Schröter über den politischen Islam, muslimischen Judenhass und fragwürdige Kooperationen der Kirchen

 12.01.2020 18:09 Uhr

Frau Schröter, in Ihrem Buch »Politischer Islam. Stresstest für Deutschland« warnen Sie vor dem Erstarken des politischen Islam in Deutschland. Politikern fehle oft das Wissen über die Gesprächspartner auf muslimischer Seite und deren Hintergründe. Die Kooperation mit fragwürdigen Islamvertretern arbeite letztlich Extremisten in die Hände, fürchten Sie. Wie sieht es bei den Kirchen aus, die das Gespräch mit Muslimen suchen?
Nicht anders. Auch da erlebe ich absolute Unkenntnis, aber auch einen Unwillen zu akzeptieren, dass die muslimischen Verbände eigentlich keine Repräsentanten sind, sondern nur für eine kleine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime sprechen. Auch sehen viele in den Kirchen nicht, dass die Form des Islam, die die Verbände vertreten, nun auch noch die problematischste ist.

Inwiefern?
Zum Beispiel die aus der Türkei gesteuerte Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), die radikale Milli Görüs oder auch eine bunte Mischung außerordentlich problematischer Akteure unter dem Dach des Zentralrats der Muslime. Ihm gehört als mitgliederstärkste Gruppierung die ultranationalistische Atib an, eine Nachfolgeorganisation der faschistischen »Graue Wölfe«. Zudem sind islamistische Gruppen dabei, denen unsere Sicherheitsorgane Verbindungen zur radikalen Muslimbruderschaft nachsagen. Schließlich gibt es noch iranisch-schiitische Organisationen um das Islamische Zentrum Hamburg herum, die den Auftrag haben, die antisemitische, frauenfeindliche und demokratiefeindliche Agenda der Islamischen Republik Iran hier zu verbreiten. Wenn man sich das anschaut, dann muss man sich schon ernsthaft fragen, ob man es vertreten kann, mit solchen Leuten zusammen am Tisch zu sitzen, und so zu tun, als ob das ganz normale Gesprächspartner wären.

Wie positionieren sich denn die Kirchen im Dialog mit den Muslimen?
Gegen Gespräche mit den Islamverbänden wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn richtige Debatten geführt würden. Aber man lässt sich von diesen Islamvertretern auch noch die Agenda diktieren. Schwierige Themen auszublenden, das macht keinen Sinn, ebensowenig, nur mit denjenigen zu reden, die liberale und säkulare Muslime immer wieder weggebissen haben. Bei der Besetzung des Beirats beim Institut für Islamische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität etwa ist deshalb niemand aus dem liberalen Spektrum dabei. Das kann nicht sein.

Haben denn die Kirchen bei der Schaffung solcher Gremien einen Einfluss?
Bei der Besetzung dieses Beirats nicht. Aber sie haben natürlich Einfluss darauf, wer bei Dialogformaten, Rat der Religionen oder Runden Tischen, dabei ist. Da sind liberale Stimmen häufig nicht vertreten. Ich verstehe, dass die Kirchen gern auf gut organisierte Verbände im Dialog zurückgreifen. Aber sie akzeptieren damit Gesprächspartner, die von ausländischen Organisationen oder gar Regierungen gesteuert werden.

Von den Kirchen hört man wenig Kritisches zum Islam. Sind sie da - auch im Blick auf ihr eigenes christliches und freiheitliches Menschenbild - zu zurückhaltend?
Ja, sie sind viel zu zurückhaltend. Vielleicht glauben sie, Muslime seien eine unterprivilegierte Gruppe in unserer Gesellschaft, die eines besonderen Schutzes bedürfe. Aber nicht alle Akteure sind so unterprivilegiert. Zudem kann man auch Minderheiten, die undemokratische Auffassungen vertreten, in aller Offenheit entgegentreten, statt sie unter eine Schutzglocke zu stellen und kritische Themen nicht mehr anzusprechen.

Was läuft konkret schief? Können Sie ein Beispiel nennen?
In einem Dialogkreis in Frankfurt hatte vor einiger Zeit ein evangelischer Pfarrer freudestrahlend als neues hoffnungsvolles Modell für die interreligiöse Zusammenarbeit die Konvention von Medina vorgestellt. Das fand ich unfassbar. Die Gemeindeordnung von Medina (622 n. Chr.) hat eine Zweiklassengesellschaft beschrieben, die Muslime als die wahren Gläubigen gegenüber allen anderen privilegiert. In Medina wurden damals alle jüdische Stämme vertrieben und einer sogar massakriert. Das kann man doch nicht ernsthaft als Modell für Multikulturalität proklamieren! In dem Kreis wurde das aber völlig unkritisch aufgenommen. Kritische Stimmen sind da nicht gern gesehen. Schnell heißt es dann, das sei islamophobisch.

Die Kirchen üben auch Zurückhaltung, wenn es um die religiösen Symbole der Muslime wie das Kopftuch geht. Ihnen sind auch ihre eigenen Symbole wichtig. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?
Das Tragen eines Kreuzes diskriminiert niemanden, das Tragen eines Kopftuchs schon. Frauen werden im Islam als Verkörperung verführerischer Kräfte für Männer gesehen. Deshalb sollen sie sich verhüllen und möglichst auch ganz aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das ist der Grund für die Geschlechtertrennung, die wir auch bei den konservativen Muslimen hier haben: In den Moscheen ist der prunkvolle Eingang nur den Männern vorbehalten, die Frauen gehen über ein Hintertreppchen in einen Hinterraum. Ich habe nichts gegen eine mündige Frau, die aus freien Stücken das Kopftuch trägt ...

... aber?
Aber ich habe etwas dagegen, wenn schon Kinder mit dem Kopftuch in die Schule geschickt werden. Auf muslimischen Modemessen kann man sogar die Vollverschleierung für weibliche Säuglinge kaufen. Die Idee dahinter ist: Wenn ein Mädchen schon als Kleinkind gewohnt ist, sich zu verschleiern, dann wird es später nicht auf die Idee kommen, sich dagegen zur Wehr zu setzen, sondern sich ohne Schleier immer nackt fühlen. Mädchen dürfen nicht mit Jungen spielen und müssen sich von allen möglichen Aktivitäten wie Sport fernhalten. Damit werden sie im Prinzip aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Da sehe ich doch einen deutlichen Unterschied zum Kreuz. Wenn jemand das Kreuz anzieht, ist er trotzdem ein Teil der Gemeinschaft.

Als der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, 2016 beim Besuch der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem ihre Bischofskreuze versteckten, haben manche der Kirche eine Tendenz zur Selbstrelativierung vorgehalten. Wie sehen Sie das?
Ja, so eine Tendenz gibt es schon. Dazu gehört auch, dass Bilder im Vatikan verhängt wurden, als eine iranische Delegation kam. Bei aller Kultursensibilität glaube ich, dass es nicht schlecht ist, mal zu eigenen Werte zu stehen, und das kann dann auch das Tragen des Kreuzes in einer Moschee sein. Umgekehrt würde man das Ablegen religiöser Symbole - etwa des Kopftuchs - ja auch nicht erwarten. Es ist ein bisschen traurig, dass da kein Bekenntnis zur eigenen Tradition stattfindet. In Jerusalem haben die Kirchenoberen ein Zeichen gesetzt, das - wohl auch von den Muslimen - so verstanden wurde, dass der eigene Glaube als nicht wirklich vollwertig gesehen wurde.

Ein heikler Punkt ist auch das Thema der Christenverfolgung in muslimischen Ländern. Wie gehen die Kirchen aus Ihrer Sicht damit um?
Das Schweigen zur Verfolgung der Christen im Orient ist wirklich dramatisch. Das verstehe ich nicht. Warum schweigt man da? Die Kirchen erheben immer ihre Stimme, wenn Muslimen Unrecht geschieht. Das ist ja auch richtig. Aber mittlerweile werden Christen mit Gewalt aus orientalischen Ländern vertrieben - und übrigens auch Juden - und dazu schweigt man. Christen werden in fast allen islamisch geprägten Ländern massiv verfolgt. Ihre Zahl und die der Juden nimmt hier kontinuierlich ab, der Bau von Kirchen wird erschwert oder verboten, die Organisation wird erschwert oder verboten, Einzelpersonen sind im Visier, es gibt Anschläge gegen Christen, da muss man sich nicht wundern, wenn sie das Land verlassen. Das gilt besonders auch für Juden: Im 20. Jahrhundert haben 900.000 Juden Nordafrika und islamische Ländern des Nahen Ostens verlassen und sind nach Israel gegangen.

Als Begründung für das Schweigen ist oft zu hören, die Kirchen hier wollten nicht noch Öl ins Feuer gießen und es den diskriminierten Glaubensbrüdern und -schwestern noch schwerer machen.
Ich kann das streckenweise nachvollziehen. Aber dann würde ich erwarten, dass man zumindest die, die geflohen sind, hier unterstützt. Da passiert zu wenig. Jetzt gibt es zumindest Ansätze, die Bedrohung von Konvertiten zu thematisieren. Aber es geht ja auch um geflohene Christen in Aufnahmelagern - da gab es immer wieder Berichte über massive Verfolgung.

Kann der christlich-muslimische Dialog denn die Integration von Flüchtlingen und Zugewanderten voranbringen?
Nur, wenn er auf breiteren Füßen steht. Das heißt, wenn andere Gruppen und Personen einbezogen und die Dominanz der islamischen Verbände aufgebrochen wird, und wenn auch unangenehme Dinge angesprochen werden. Dass man nur Kaffee trinkt und sich darüber unterhält, das Muslime diskreditiert werden, das kann nicht die alleinige Agenda sein.

Mit der Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam sprach Renate Kortheuer-Schüring.

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