Einspruch

Ambivalent und bedrohlich

Karl Pfeifer Foto: privat

Einspruch

Ambivalent und bedrohlich

Karl Pfeifer warnt davor, sich von israelfreundlicher Rhetorik der ungarischen Regierung blenden zu lassen

von Karl Pfeifer  25.03.2021 08:41 Uhr

Die israelische Zeitung »Israel Hayom« veröffentlichte Mitte März ein langes Interview mit der ungarischen Justizministerin Judit Varga, die mit Recht erklärt: »Europa positioniert sich als Verteidiger von Werten und der Religionsfreiheit, aber dann trifft es manchmal Entscheidungen, die diesem wertebasierten Ansatz zuwiderlaufen.«

Varga bezieht sich dabei auf das in Belgien erlassene Schächtverbot, das vom Europäischen Gerichtshof bestätigt wurde, und erwähnt auch die wichtige Rolle der ungarischen Diplomatie, »besonders wenn es um das Abraham-Abkommen oder die Verbesserung der Beziehungen zu Israel geht«.

verharmlosung Allerdings verharmlost Varga die scharfe nationalistische Rhetorik der ungarischen Regierung – die implizit antisemitisch ist – mit dem Hinweis auf das »jüdisch-christliche Erbe«. Viktor Orbán würde nie vom »Juden Soros« sprechen, er wettert lieber gegen »internationale Spekulanten« und gegen den »Soros-Plan«.

Die Regierungspolitik gegenüber den Juden ist ambivalent, und es besteht kein Grund, nur das Positive zu registrieren.

Varga leugnet, dass die beispiellosen Kampagnen gegen die »globalistische Elite« und das »Soros-Netzwerk«, das für die Migration nach Europa verantwortlich gemacht wird, judenfeindlich sind. Das ist zynisch, denn sie weiß, wie die Botschaften bei der ungarischen Bevölkerung ankommen und welche Effekte sie haben können. Verschwörungstheorien sind die gefährlichste Form von Antisemitismus – mit stark ausgeprägter Diskriminierung als Folge.

Betont wird die Unterstützung der jüdischen Gemeinden. Die kleine Chabad-Gemeinde erhält für ihre Loyalität zur »illiberalen Demokratie« viel mehr als die größere, manchmal regierungskritische, Mazsihisz. Jedoch gehören 90 Prozent der ungarischen Juden keiner jüdischen Organisation an. Die christlich-nationalistische Rhetorik, von der Ministerin als »konservativ« bezeichnet, bestärkt bei diesen assimilierten Juden das Gefühl der Ausgrenzung, ja, der Bedrohung – sind sie doch traditionell Anhänger der verteufelten Progressiven. Die Regierungspolitik gegenüber den Juden ist ambivalent, und es besteht kein Grund, nur das Positive zu registrieren.

Der Autor ist freier Journalist in Wien.

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

Kommentar

Der Edelpilz, der keiner ist

New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits die Anerkennung der IHRA-Definition durch die Stadtverwaltung und das Boykottverbot gegen Israel aufgehoben

von Louis Lewitan  02.01.2026

Iran

Massenproteste: Trump droht Mullah-Regime mit Intervention

Der US-Präsident hat die Regierung in Teheran davor gewarnt, auf Demonstranten zu schießen oder sie sogar zu töten

 02.01.2026

Kommentar

Berlin liebt dich nicht

Niemand will Berlins alljährlichen Böllerkrieg. Außer die, die durchknallen, und die, die daran verdienen

von Sophie Albers Ben Chamo  01.01.2026

Terror

Warum?

Die nichtjüdische Deutsche Carolin Bohl wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas brutal ermordet. Hier nimmt ihre Mutter Abschied von der geliebten Tochter

von Sonja Bohl-Dencker  31.12.2025

Deutschland

Bildungszentrum von Yad Vashem soll Leerstelle füllen

Das in Deutschland geplante Bildungszentrum der Gedenkstätte Yad Vashem soll ein größeres Bild in den Dialog der Erinnerungskultur bringen

 31.12.2025

Rohstoffe

Wandel durch Handel

Der Erdgasdeal zwischen Israel und Ägypten hat auch eine sicherheitspolitische Dimension

von Sabine Brandes  31.12.2025

Arlington (Virginia)

USA genehmigen Milliardenauftrag: Neue F-15-Kampfjets für Israel

Der Vertrag umfasst die Entwicklung, Integration, Erprobung, Produktion und Lieferung von zunächst 25 neuen Maschinen

 30.12.2025

Meinung

Solidarität mit Somaliland

Sabine Brandes findet Israels Anerkennung der Demokratie am Horn von Afrika nicht nur verblüffend, sondern erfrischend

von Sabine Brandes  30.12.2025