Sport

Am Zug

Königsindische oder Sizilianische Eröffnung? Boris Gelfand erarbeitet sich seine Schacherfolge hart. Foto: imago

Es war nur ein kleiner, bestenfalls mittelgroßer Empfang, den Boris Gelfand im Mai dieses Jahres am Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv erlebte. Seine Familie war gekommen, Schachfreunde und Funktionäre des israelischen Schachverbandes applaudierten, als sich der eher schüchterne Mann zeigte. Von der israelischen Regierung war niemand da, und auch Tage später kam keine offizielle Einladung an den Mann, der gerade im russischen Kasan das Kandidatenturnier gewonnen hatte.

weltmeister Im April 2012 wird Boris Gelfand als erster Israeli die Chance haben, Schachweltmeister zu werden. Gegen den amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand wird er das Projekt starten, auch wenn etliche Schachexperten den Inder für gegenwärtig kaum schlagbar halten.

Gelfand hat, ist oft zu hören, das beste Schachalter mit seinen 43 Jahren schon hinter sich: Unter den ersten Fünfzig der Weltrangliste ist er der Älteste. Weltmeister Anand ist 42, Magnus Carlsen, der sich gerade die Spitzenposition zurückgeholt hat, ist 20. Gelfand macht das nichts aus. »In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zusammensetzung der Weltspitze nicht sehr verändert«, sagt er. »Natürlich sind neue Leute dazugekommen«, fügt er hinzu und verweist auf Carlsen. »Aber von denen, die weiter ganz oben spielen, ist keiner schlechter geworden.«

Gelfand kam zugute, dass ein Riesentalent wie Carlsen in Kasan nicht dabei war. Dem Norweger passte der Qualifikationsmodus nicht. Gelfand hingegen kam das Format, für das sich der Schachweltverband entschieden hatte, zugute: In den Zweikämpfen konnte er seine ganze Erfahrung und seine Nervenstärke ausspielen. Zwei seiner drei Matchgegner in Kasan, Schachrijar Mamedscharow und Alexander Grischtschuk, besiegte Gelfand überzeugend.

Gegen Gata Kamsky hatte er nach einem ausgeglichenen Verlauf im Stechen mit verkürzter Bedenkzeit, wie er selbst sagte, Glück. Das hat etwas mit Erfahrung zu tun. »Wenn einer der Spieler unserer Generation in guter Form ist«, sagt Gelfand, »dann kann man nicht sagen, dass einer der jüngeren Spieler besser ist.«

Boris Gelfand ist der Großmeister, mit dem kein Experte mehr gerechnet hat. Vor ziemlich genau 20 Jahren war er, damals im weißrussischen Minsk lebend, die Nummer drei der Weltrangliste. Die Zukunft schien ihm zu gehören. Doch seine Leistungen stagnierten. Jüngere zogen an ihm vorbei. 1997 war kein gutes Jahr.

alija Damals beschloss Gelfand, etwas in seinem Leben zu ändern. Er machte im Jahr 1998 Alija. Das Minsker Schachleben war ohnehin nicht mehr, was es einmal war. Etwa, als 1979 die Sowjetische Meisterschaft dort stattfand und ein Junge mit schwarzen Locken jeden Tag zuschauen kam.

Oder, als er von seinem Trainer Albert Kapengut in die Geheimnisse der Schachtheorie eingeweiht wurde: Die Minsker spielten die prinzipiellsten Eröffnungen, Sizilianisch und Königsindisch, und stets die kritischen Varianten. Kapengut, der auch Michail Tal trainiert hatte, lebt mittlerweile in den USA, ebenso wie Jura Schulman, ein früherer Trainingspartner.

Ilja Smirin, ein anderer Jugendfreund, war schon 1992 nach Israel gegangen. Der Klub von Rischon Le Zion hatte Gelfand ein Angebot gemacht. Die Stadt ist zwar beschaulicher als Tel Aviv, aber die Strände sind mindestens genauso schön. In Rischon Le Zion lebt er noch heute. Mit seiner zweiten Frau Maya, einer Journalistin, und ihren gemeinsamen Kindern, der fünfjährigen Avital und dem elf Wochen alten Avner.

An spielstarken Helfern fehlt es dem Großmeister in Israel nicht. Bereits seit seiner Übersiedlung trainiert er mit dem aus der Ukraine stammenden Alexander Huzman. Dazu gekommen ist der junge, in St. Petersburg geborene Max Rodshtein.

Mit enormer Selbstdisziplin absolviert Gelfand in Israel sein tägliches Programm: Ob ein Turnier ansteht oder nicht, er feilt viele Stunden an seinem Schachspiel. »So war das auch in den Jahren, als kein großes Turnier anstand«, erzählt er. 1999 bis 2003 etwa hatte er eine Durststrecke. »Aber trotzdem habe ich auch in dieser Zeit mit der gleichen Intensität an meinem Spiel gearbeitet.« Nie eine Auszeit vom Schach zu nehmen, sagt er, sei sein Geheimnis. »Wenn du mal einen Monat nichts machst, musst du danach besondere Anstrengungen unternehmen.«

Turnier Dass die israelischen Schachspieler untereinander Russisch sprechen können, kommt Gelfand entgegen. Sein Hebräisch ist immer noch holprig. Der israelische Schachverband kann seinen Spitzenspielern indessen kaum noch unter die Arme greifen. Die Zeiten, als Natan Sharansky Minister war, der als begeisterter und hervorragender Schachspieler dafür sorgte, dass staatliche Gelder flossen, sind seit fünf Jahren vorbei.

Den sportlichen Resultaten hat Sharanskys Ausstieg aus der Politik und Einstieg in die Jewish Agency keinen Abbruch getan. Eher im Gegenteil. Den größten Mannschaftserfolg, einen zweiten Platz bei der Schacholympiade, feierte das israelische Team 2008 in Dresden.

Gerade Boris Gelfand konnte seine größten Schachmeriten erringen, nachdem die Stipendien für die Nationalspieler zusammengestrichen wurden: 2007 teilte er bei der Weltmeisterschaft in Mexiko überraschend hinter Anand den zweiten Platz mit Wladimir Kramnik, Weltmeister von 2000 bis 2007. Im Jahr 2009 gewann er den Weltcup. Und nun das Kandidatenturnier.

schachland Doch Boris Gelfand hat in Israel keinen Schachboom und keine Gelfand-Hysterie ausgelöst. Dass zu seiner Rück-kehr aus dem russischen Kasan, als frisch gekürter offizieller Herausforderer des amtierenden Weltmeisters, kein Regierungsvertreter kam, zeigt, dass der Mann aus Weißrussland noch nicht so sehr gewürdigt wird, wie man es anderswo mit solchen Erfolgen tut.

Aber es scheint, dass genau das, dieses relative Desinteresse an seiner Person, Gelfands Plus sein könnte. In Kasan hat er Journalisten versichert, dass Russland, wo der Sport mit Damen und Bauern, Königen und Läufern so verbreitet ist wie sonst nirgendwo auf der Welt, immer noch das beste Schachland sei, das er kenne. Doch, fügte er hinzu, »selbst, wenn es in Israel zehnmal schlechter als in Russland wäre, wäre ich glücklich«.

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