Klage

Alternativlose Beobachtung

Die Alternative für Deutschland (AfD) möchte verhindern, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln erfährt, wer in dieser Behörde und ihren Dependancen Mitglied der AfD ist. Daher hat die Partei im April beim Kölner Verwaltungsgericht ein Eilverfahren (6 L 830/19) eingeleitet: Dem Verfassungsschutz soll untersagt werden, sämtliche Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz nach einer »Mitgliedschaft bei der Antragstellerin und/oder zu privaten Kontakten zu Mitgliedern der Antragstellerin zu befragen«. Wann der Eilbeschluss ergeht, ist derzeit noch nicht absehbar, teilte das Kölner Verwaltungsgericht mit.

Anlass für diese Klage ist ein internes Schreiben des Verfassungsschutzes vom Januar dieses Jahres. Darin hatte die Behördenleitung alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, intern Kontakte zur AfD offenzulegen.

So will die Spitze des Amtes verhindern, dass bei der Prüfung der Frage, ob die AfD vom deutschen Inlandsgeheimdienst überwacht werden muss, Mitarbeiter eingesetzt werden, die Mitglied der Rechtspartei sind, mit ihr sympathisieren oder wegen persönlicher Verbindungen in Loyalitätskonflikte kommen könnten. Die AfD argumentiert nun, dass mit der internen Umfrage das »Gleichheitsgebot« verletzt und gegen die »staatliche Neutralitätspflicht« gegenüber zugelassenen Parteien verstoßen werde.

PRÜFFALL Der behördeninterne Prüfprozess ist aber längst nicht abgeschlossen, auch wenn im März – in einem anderen Verfahren – dem Bundesamt vom Verwaltungsgericht Köln untersagt wurde, die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit der AfD öffentlich als »Prüffall« zu bezeichnen. In dieser Sache verzichtet der Verfassungsschutz auf Rechtsmittel, sein Präsident Thomas Haldenwang sagt: »Das BfV konzentriert sich auf die vorrangige Aufgabe, die ich darin sehe, die Aktivitäten der unter Extremismusverdacht stehenden AfD-Teilorganisationen ›Der Flügel‹ und ›Junge Alternative‹ zu beobachten.«

Björn Höcke soll mit seinen guten Kontakten zum Geheimdienst angegeben haben.

Sicherheitsexperten beobachten bereits seit Längerem mit großer Besorgnis, dass die seit Oktober 2017 mit 91 Abgeordneten im Bundestag vertretene Partei – sie ist drittstärkste Fraktion im Haus und größte Oppositionskraft – möglicherweise über gute Verbindungen in das Bundesamt und in die Landesämter für Verfassungsschutz verfügt. So sind die Verbindungen des früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen zur AfD Gegenstand von Diskussionen gewesen, nachdem bekannt geworden war, dass es mindestens fünf Treffen zwischen dem im November 2018 in den Ruhestand versetzten BfV-Chef und führenden Rechtspopulisten gegeben hatte.

MAASSEN Vorwürfe, er habe die Rechtspartei beraten, wie sie einer Beobachtung oder Einstufung als »Prüffall« durch den Verfassungsschutz entgehen könne, hat Maaßen wiederholt zurückgewiesen. Gänzlich aufgeklärt werden konnte die Beziehung des VS-Behördenleiters mit CDU-Parteibuch zur AfD jedoch noch nicht. Noch am Samstag wollte er im Deutschlandfunk eine Koalition der CDU mit der Rechtspartei nicht ausschließen: »Man weiß nie.«

Bereits im Vorjahr, berichtete unlängst die Berliner »tageszeitung«, habe der Thüringer Verfassungsschutz von einem Treffen in der sächsischen Kleinstadt Groitzsch erfahren. Dort habe AfD-Rechtsaußen Björn Höcke auf einem Treffen des »Flügels«, dem weit rechts stehenden Sammelbecken der AfD, über gute Kontakte zum Inlandsgeheimdienst gesprochen.

Von etlichen Verfassungsschützern, zitiert die taz den thüringischen AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzenden, Höcke, wisse er, dass sie »vor Wut kochen, weil sie sich als neutrale Staatsdiener missbraucht fühlen«, wenn sie die AfD beobachten müssen. An die Adresse der »redlichen Beamten« gerichtet, soll Höcke laut taz dann gesagt haben, dass diese das Recht hätten, sich unrechtmäßigen Weisungen zu verweigern. Wörtlich: »Machen Sie von diesem Recht Gebrauch!«

Gideon Botsch drängt darauf, dass der Verfassungsschutz endlich den »Prüfungsprozess abschließt und die AfD als Ganzes in die Beobachtung aufnimmt«.

Insider hingegen sehen in dem Schreiben des Bundesamtes in Sachen AfD an seine Mitarbeiter ein ganz normales behördliches, behördenintern sogar zwingendes Vorgehen, auch »um Beamte vor einem Interessenkonflikt zu schützen«. Wer AfDler oder deren Sympathisanten zur Beobachtung von Teilorganisationen der AfD einsetzt, mache schließlich den »Bock zum Gärtner«. Es sei auch notwendig, dass die Behörde im Vorfeld eines möglichen »Prüffalls« vermeiden will, dass eigene Mitarbeiter Einfluss auf die Wahrnehmung und das Erscheinungsbild der Partei nehmen.

DIENSTRECHT »Es wäre absurd, wenn AfD-nahe Beamte mit Rechtsextremismusfragen betraut werden würden«, sagt auch Gideon Botsch, der Leiter der Emil-Julius-Gumbel-Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam. Als Nichtjurist halte er es »dienstrechtlich in Ordnung und sachlich geboten, Mitarbeiter im Verfassungsschutz nach ihrer Beziehung zur AfD zu befragen«.

Botsch drängt darauf, dass der Verfassungsschutz endlich den »Prüfungsprozess abschließt und die AfD als Ganzes in die Beobachtung aufnimmt«, da sie seines Erachtens »spätestens seit 2017 rechtsextrem dominiert ist«. Gründe für die Beobachtung durch den Verfassungsschutz gebe es viele: Die Partei fordere eine Reihe von Einschränkungen der Religions- und Bekenntnisfreiheit, die die freie »Ausübung der jüdischen, muslimischen und anderer nichtchristlicher Religionen einschränken und vielleicht unmöglich machen würden«, sagt Botsch.

Sie verharmlose zudem systematisch Antisemitismus, besonders das Ausmaß des Judenhasses bei der extremen Rechten, und »ist auf der Straße stabile Bündnisse mit Akteuren eingegangen, die antisemitisch orientiert sind«.

Robert F. Kennedy Jr. spricht an einem Rednerpult vor einer Wand mit dem Schriftzug MAHA

USA

Kennedy verteidigt Rede über Araber und lobt Juden

Der US-Gesundheitsminister weist Rassismusvorwürfe zurück und fragt, warum die Welt Juden hasse und Islamisten umarme

 01.11.2026

Mehrere Männer bei einer Pressekonferenz der Polizei in Frankfurt, einer spricht in ein Mikrofon

Nach Eskalation

Einsatzleiter: Neue Gewalt-Dimension nach Demo in Frankfurt

Der Einsatzleiter der Polizei berichtet von einer »neuen Dimension der Gewalt«: Aus dem Pro-Palästina-Spektrum heraus sei es zu »immer massiveren Störungen und Angriffen auf Polizeikräfte« gekommen

 01.11.2026

Berlin

SPD-Prominente warnen vor Koalition mit der Berliner Linken

In einem offenen Brief sprechen sich Karl Lauterbach, Sigmar Gabriel, Franziska Giffey und Hunderte weitere Sozialdemokraten gegen Rot-Grün-Rot aus – vor allem wegen des Umgangs der Linken mit Antisemitismus

 01.11.2026

Mohsen Rezaei wirft bei einer Wahl im Iran seinen Stimmzettel in eine Urne

Iran-Krieg

Iran knüpft Gespräche mit den USA an sieben Bedingungen

Teheran stellt weiter Maximalforderungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit den USA. Im erneuten Kriegsfall droht Teheran mit dem Einsatz neuartiger Waffen

 01.11.2026

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht bei der Kiel Security Conference

Antisemitismus in Deutschland

Kramp-Karrenbauer warnt vor Bündnissen mit Linken oder AfD

In Berlin hat die Linke die Wahl gewonnen, in Sachsen-Anhalt die AfD. Die frühere CDU-Chefin meint, das Leben vieler Menschen würde sich massiv verändern, wenn diese die Regierung übernähmen

 01.11.2026

Elif Eralp reißt beim Landesparteitag der Linken in Berlin einen Blumenstrauß in die Höhe

Regierungsbildung in Berlin

Koalitionsgespräche von Rot-Grün-Rot in Berlin vor dem Start

Trotz bundesweiter Kontroversen hat die Berliner Linke Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen zugestimmt. Nach dem Wochenende geht es los

 01.11.2026

Überwachungskameras an der Fassade der Synagoge in Hagen, links ein Davidstern

Antisemitismus

Judenfeindliche Straftaten mit islamistischem Motiv auf Rekordniveau

Seit 2023 steigen die Zahlen rasant an. Behörden in Deutschland registrieren immer mehr antisemitische Straftaten. Viele haben einen islamistischen Hintergrund

 01.11.2026

Vanessa Emde zwischen Teilnehmern einer Kundgebung vor dem Linke-Parteitag in Berlin

Regierungsbildung in Berlin

Linker Protest gegen Linke-Führung – Abgeordnete Emde dabei

Vanessa Emde steht wegen ihrer israelfeindlichen Positionen in der Kritik und könnte aus der Berliner Linksfraktion ausgeschlossen werden. Nun taucht sie auf einer Kundgebung am Parteitagsort auf

 01.11.2026

Als Batman verkleidete Person vor brennender Mülltonne in Frankfurt

Gewalt eskaliert

Krawalle und Plünderungen in Frankfurt

Nachdem die Polizei eine zunächst friedliche Demonstration junger Menschen auflöst, eskaliert die Lage auf der Zeil – in der Menge waren auch »Viva Palästina«-Rufe zu hören

 01.11.2026