Zedaka

Alter in Würde

Vor allem Zuwanderer bekommen trotz eines langen Arbeitslebens im Alter nur Grundsicherung, sprich, Sozialhilfe. Foto: dpa

Laut Mitgliederstatistik der ZWST, der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, zählte im Jahr 2012 die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik 102.135 Mitglieder, davon 45 Prozent älter als 61 Jahre. Wir können davon ausgehen, dass der überwiegende Anteil dieser Altersgruppe aus der früheren UdSSR kommt.

Zu dieser Gruppe gehört Rosa Bernstein, die jetzt genau 80 Jahre alt ist und, vor 22 Jahren aus Moskau kommend, erstmals deutschen, genauer gesagt, Frankfurter Boden betrat. Rosa hatte bis zu ihrer Rente als leitende Ärztin an einem großen Moskauer Krankenhaus gearbeitet und an der Universität unterrichtet. Hätte sie nicht das kleine Handicap der »Jewrej«-Eintragung in ihrer Geburtsurkunde und ihren Personalpapieren gehabt, sie wäre Leiterin des gesamten Klinikums geworden.

Sie kam nach Deutschland im Rahmen des geregelten Zuzugs von Juden aus der ehemaligen UdSSR, als Kontingentflüchtling. Sie heißt jetzt Bernstein, nicht mehr Bernshtayne, weil sie eine Deutsche geworden ist. Allerdings ohne eine deutsche Rente. Rosa, die in Moskau eine berühmte und angesehene Ärztin und Professorin war, lebt heute von der Grundrente, die nichts anderes ist als die frühere Sozialhilfe.

Grundrente Ihre Moskauer Rente, die erst seit ein paar Jahren in Euro und Cent ausgerechnet werden kann, sodass es sich einigermaßen sehen und zählen lässt, ist ein Einkommen und wird als solches mit ihrer Grundrente verrechnet. Es bleibt ihr nichts davon übrig.

Wer glaubt, dass nur die Juden aus der ehemaligen UdSSR von einem solchen Schicksal betroffen sind, irrt. Es trifft diejenigen, die ihre Existenz als Selbstständige aufgebaut, alles in ihre Kinder investiert haben und nicht genug zur Seite legen konnten, um im Alter sorgenfrei oder wenigstens auskömmlich zu leben. Es trifft Frauen, die die Familienarbeit übernommen haben und nach der Trennung von ihrem Ehepartner mit ihren Kindern alleine bleiben. Und die es auf dem Arbeitsmarkt kaum schaffen, eben weil sie Kinder haben. Es trifft diejenigen, die langjährige Rentenanteile in ihrem früheren Heimatland erworben haben, die heute nichts wert sind, wie die Renten aus der Ukraine, oder die viel weniger wert sind als entsprechende deutsche Renten, wie die Rentenanteile aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Rosa Bernstein weiß, dass sie nicht alleine dasteht. Fast alle Juden aus der ehemaligen UdSSR, die zur Gruppe der über 60-Jährigen gehören – und das sind wohl die meisten der genannten 45 Prozent –, sind von Altersarmut betroffen, mögen sie noch so lange und in noch so guten Berufen gearbeitet haben. Sie sind auch dann betroffen, wenn sie über einen längeren Zeitraum in Deutschland in die Rentenkassen eingezahlt haben, denn die Erwerbsjahre reichen auch dann nicht für ein auskömmliches Leben im Alter.

Praktikum Rosa weiß, dass das nicht nur ihre Community betrifft. Ihre beste Freundin in Deutschland, eine kluge und belesene Frau, hat jahrelang als Verkäuferin gearbeitet. Teilzeit, als die Kinder klein waren, und dann, weil ihr Mann krank war und sie brauchte.

Ihre Alters- und Witwenrente reichen nicht zum Leben, auch sie erhält ergänzend Grundrente, auch ihre Altersrente wird als Einkommen angerechnet und durch die Grundrente ergänzt. Rosa hat Angst um ihre Tochter, deren Rente ebenfalls im Alter nicht ausreichen wird, und auch um ihren Enkel, der sich von Praktikum zu Praktikum hangelt und immer noch keine feste Stelle hat. Ihre Enkelin ist, Gott sei Dank, erfolgreich, sie ist Zahnärztin.

Wer aber heute in der Bundesrepublik von Transferleistungen leben muss, der gilt nicht nur als arm, der ist arm. Auch wenn die Kinder, die Enkel gut verdienen. Niemand möchte von Kindern und Enkeln nehmen, jeder möchte dazu in der Lage sein, ihnen mit vollen Händen zu geben. Nicht geben zu können, nur knapp für sich selbst sorgen zu können, darin liegen die Demütigung und Entwertung.

Sachbearbeiter Und: Der Gang zu Behörden, die Konfrontation mit Sachbearbeitern, die Abhängigkeit, die Blicke, die eine alte Frau treffen, die sich nicht gehen lässt, die sich zurechtmacht, die besser und kultivierter aussieht als ihr Gegenüber, von dem sie abhängig ist, das sind demütigende Erfahrungen.

Was können wir dem entgegensetzen? Zedaka! Zedaka ist kein Almosen. Es geht bei Zedaka um Ausgleich, aber vor allem um Recht und Gerechtigkeit. Und darum, dass Armut ein Zustand ist, dem man abhelfen muss. Am besten durch Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Menschen, die mir in meiner Arbeit begegnen, strahlen Würde aus. Sie versuchen mit aller Kraft, auch mit Eigensinn, der Entwürdigung durch Armut und Abhängigkeit entgegenzustehen. Unser aller Aufgabe ist es, sie dabei zu schützen und zu unterstützen und sie mit ihren berechtigten Ängsten und Sorgen, auch mit ihren Forderungen nach einem Alter in Würde, ernst zu nehmen.

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