Interview

»Alles beginnt mit Empathie«

Rozette Kats Foto: Stuart Ackerholt

Interview

»Alles beginnt mit Empathie«

Rozette Kats über ihre Rede im Deutschen Bundestag am 27. Januar und Solidarität mit queeren Menschen

von Tobias Müller  22.01.2023 09:51 Uhr

Frau Kats, Sie werden am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Deutschen Bundestag sprechen. Was bedeutet das für Sie?
Es ist etwas sehr Besonderes, eine große Ehre – ich hätte es nie für möglich gehalten! Ich werde dort über etwas sprechen, das mir sehr am Herzen liegt.

Was ist das?
Es geht in diesem Jahr zum ersten Mal um eine Opfergruppe, die an den Holocaust-Gedenktagen bisher nie speziell erwähnt wurde, nämlich queere Menschen. Ich habe viele Freunde, die homosexuell sind, habe dem aber nie Beachtung geschenkt, sie sind einfach meine Freunde. Als ich aus Berlin angefragt wurde, habe ich gern zugesagt. Dem liegt ein sehr schöner Gedanke zugrunde: Solidarität von einer Gruppe zur anderen.

Diese Verbindung liegt ihnen also besonders am Herzen?
Ja, und zwar in dem Sinne, dass ich allen Menschen gegenüber offen bin. Ich finde es furchtbar, Unterschiede zu machen. Wenn wir geboren werden, haben wir alle dieselben Bedürfnisse. Ich versuche immer, auf den jeweiligen Menschen zu schauen. Das sage ich auch bei meinen Gesprächen an Schulen und anderen Orten: Man muss einen Menschen erst einmal kennenlernen und darf nicht immer gleich urteilen.

Was möchten Sie den Bundestagsabgeordneten mitteilen?
Dass ich, auch wenn ich nicht zu dieser Opfergruppe gehöre, vieles von ihrer Problematik kenne und weiß, wie furchtbar es ist, was mit ihnen geschah. Das erzähle ich anhand eines Teils meiner eigenen Geschichte und schlage von dort eine Brücke zur Geschichte der homosexuellen Opfer.

Wollen Sie auch der jungen Generation etwas mit auf den Weg geben?
Ja, und zwar: Versucht, euch immer in andere hineinzuversetzen, sie zu verstehen! Dazu muss man sich seiner eigenen Verantwortung als Mensch bewusst sein, nicht nur gegenüber sich selbst, auch gegenüber anderen. Nehmt diese Verantwortung wahr! Vielleicht werde ich als »Gutmensch« beschimpft, wenn ich das sage, aber ich denke, das ist die einzige Art, wie man als Gesellschaft weiterkommen kann, ohne diese Polarisierung.

In den vergangenen Jahren hat der Anti­semitismus immer mehr zugenommen. Was kann man dagegen tun?
Ich weiß es nicht – aber ich plädiere dafür, dass jeder schaut, was er auf seinem eigenen kleinen Quadratzentimeter tun kann: Lass den Hass nicht zu! Tu, was du kannst, auch wenn es nur für dein eigenes Gewissen ist! Wenn ich in Schulen spreche, dann will ich dort durch meine Geschichte Empathie erzeugen. Denn wie kann man ohne Empathie, ohne sich in jemanden hineinzuversetzen, jemals einen Menschen verstehen? Damit beginnt es!

Mit der Amsterdamer Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugin sprach Tobias Müller.

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Berlin

Zentralrat der Juden gegen Widerspruchslösung

In seinem Tätigkeitsbericht für 2025 geht der Zentralrat auch ethische Fragen rund um das Thema Organspende ein

 17.04.2026

Genf

So reagiert die Weltbank auf antisemitische Posts von Francesca Albaneses Ehemann

Massimiliano Cali soll den palästinensischen Terrorismus relativiert und gegen Juden gehetzt haben

von Imanuel Marcus  17.04.2026

Paris

Bericht: Marine Le Pen trifft Israels Botschafter

Das Gespräch wirft diese Frage auf: Wie geht die Regierung Netanjahu mit rechtsextremistischen Parteien im Ausland um?

 17.04.2026

Yale-Umfrage

Jüngere Wähler in den USA äußern häufiger antisemitische Ansichten

Auch Plattformen wie TikTok spielen eine Rolle. Ihre Nutzer neigen eher zu Judenhass als Konsumenten herkömmlicher Medien

 17.04.2026

Amsterdam

Neue YouTube-Serie folgt den Spuren von Anne Frank

Eine Schauspielerin reist von Frankfurt über Amsterdam bis Bergen-Belsen und bietet Einblicke in das Leben des jüdischen Mädchens, das Millionen Menschen berührt hat

 17.04.2026

München

Proiranische Terror-Gruppe reklamiert Anschlag auf Restaurant für sich

Laut Generalstaatsanwaltschaft ist ein Bekennervideo der schiitischen Gruppe Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia Gegenstand laufender Ermittlungen

 17.04.2026

Berlin

Staatsanwaltschaft geht in Revision im Prozess gegen Mustafa A.

Die Staatsanwaltschaft geht bei dem Angriff auf Lahav Shapira von einer antisemitischen Gewalttat aus. Der Täter bestreitet dies und erreicht im Berufungsprozess eine geringere Strafe. Beendet ist der Fall damit nicht

 17.04.2026

New York

New Yorks First Lady entschuldigt sich für antisemitische Social-Media-Beiträge

Als Jugendliche hatte Rama Duwaji etwa die Flugzeugentführerin Leila Khaled gelobt und behauptet, Tel Aviv hätte nie existieren dürfen

 17.04.2026