Facebook

Alle Kunden gut bedienen – auch Judenhasser

Facebook weiß sehr genau, welche User zum Beispiel Judenfeinde sind. Foto: PR

Gemeldet wird bei Facebook viel. Doch nicht alles, was aufmerksame User unter »antisemitischer Hate Speech« verstehen, bewertet der Social-Media-Konzern auch so. Beispiele aus jüngster Zeit: eine Fotomontage, die den jüdischen Unternehmer George Soros in einer SS-Uniform zeigt; eine Facebook-Gruppe mit dem Motto »Death to Israel«; ein Kommentar, in dem es heißt: »NS-Deutschland wurde auch vernichtet, warum wird dann nicht endlich ›Israel‹ vernichtet?«

Die genannten Beispiele sind weiterhin online, denn die Facebook-Mitarbeiter halten sie für regelkonform. So wurde es den Usern, die die Beiträge gemeldet hatten, mitgeteilt. Dabei sollte ab dem 1. Oktober mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz Hasskriminalität effektiver bekämpft werden.

»Plattformbetreiber dürfen nicht länger zulassen, dass ihre Infrastruktur zur Begehung von Straftaten missbraucht wird. Sie sind schon heute verpflichtet, strafbare Inhalte zu löschen, wenn sie davon Kenntnis erlangen«, sagt Philip Scholz, Sprecher des Justizministers. Aber er fügt hinzu: »Die Löschpraxis ist aber nach wie vor unzureichend.«

stichprobe Dabei weiß Facebook schon jetzt sehr genau, welche User zum Beispiel Judenfeinde sind. Im September kam heraus, dass die Plattform mit diesem Wissen sogar Kasse machte: Die Investigativjournalisten des amerikanischen Onlinedienstes »ProPublica« deckten auf, dass das automatische Werbeanzeigensystem es ermöglichte, explizit Annoncen für die Zielgruppe von Menschen, die Juden hassen, zu schalten. Oder auch, wie die gerade mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Rechercheure schreiben: »Nazi-Andenken vermarkten oder nach Teilnehmern für eine rechtsextreme Demo suchen? Facebooks automatische Werbungsplattform kennt die richtige Zielgruppe.«

»Promoted posts« heißt Werbung, die ausgewählten Usern präsentiert wird. Auftraggeber können dabei aussuchen, an wen sich ihre Reklame richten soll.

ProPublica wählte in einer Stichprobe drei verschiedene Themen aus, für die sich die User interessieren sollten, assistiert vom System. Das machte aus der Eingabe »jew h« selbstständig unter anderem die bereits existierenden Rubriken »Jew Hater« und »How to burn Jews« (wie man Juden verbrennt).

algorithmus Weil die Zielgruppe aber zu klein war, fügten die ProPublica-Mitarbeiter noch die Kategorien »German Schutzstaffel«, »Nazi Party« und »NPD« hinzu. Und wurden vom Facebook-System dafür gelobt: Auf einem Screenshot ist zu sehen, dass die Auswahl der möglichen Werbekunden von Facebook als »great!« beurteilt wird. Potenziell kämen rund 200.000 User als Zielgruppe für die 30 Euro teuren Annoncen infrage.

Innerhalb von 15 Minuten wurden die Anzeigen automatisch bewilligt, eine interne Warnung gab es nicht. Nicht nur das: Der Algorithmus von Facebook arbeitete auch aktiv daran mit, antisemitische Werbung an die richtige Zielgruppe zu bringen. Als ProPublica ins System das Wort »Hitler« eingab, schlug er als mögliche Kategorie »Hitler did nothing wrong« (Hitler hat nichts falsch gemacht) vor.

Nachdem der Bericht von ProPublica erschienen war, wurden die Kategorien umgehend überarbeitet und entfernt. »Das war ein Fehler unsererseits«, teilte Facebook-Chefin Sheryl Sandberg zur Entschuldigung mit. Aber welche seiner User bekennende Antisemiten sind, wird das Unternehmen auch weiter sehr genau wissen.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026