Sport

90 Minuten lang das Wichtigste der Welt

Fans von FC Union im Stadion an der Alten Försterei Foto: dpa

Im Schatten des Stadions an der Alten Försterei, in dem die Heimspiele des Berliner Fußballzweitligisten FC Union stattfinden, diskutierten am Donnerstagabend der Fußballkommentator Marcel Reif, der ehemalige Fußballtrainer Hans Meyer und der Pfarrer Gregor Hohberg vom Vorstand des Bet- und Lehrhauses Petriplatz Berlin e. V über »Fußball und Religion«.

Reif, Meyer und Hohberg waren nicht nur auf Einladung des FC-Union-Wirtschaftsrates, sondern auch des Vereins »Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin« gekommen. Der Verein will ein gemeinsames Haus für die drei monotheistischen Religionen, Judentum, Islam und Christentum, in Berlins Mitte errichten.

»Die Idee gefällt mir«, sagte Marcel Reif und begründete es mit seiner Familiengeschichte. »Ich bin weder katholisch noch evangelisch noch jüdisch. Aber mein Vater war Jude, meine Mutter war eine schlesische Katholikin.« Religionen, die sich etwas zu sagen hätten, unter einem Dach versammelt, das sei ein gutes Projekt. »Deswegen gefällt mir die Idee des Bethauses so.«

Religionsgemeinschaft Einen Vergleich des geplanten Bet- und Lehrhauses mit einem gemeinsamen Stadion der untereinander verhassten Berliner Fußballclubs Hertha, Union und Dynamo, den Gregor Hohberg bemühte, lehnte Reif ab. »Ich wäre dankbar, wenn man die Kirche im Dorf ließe. Das ist nach meinem Verständnis etwas anderes als das Lehrhaus.« Anders als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft hätten Fußballfans das Recht, die anderen rigoros abzulehnen. »Fans dürfen so etwas.«

Fußball ist für Reif eine eigene Welt, nicht rational erklärbar und höchst magisch. Der 64-jährige Journalist berichtete, dass derzeit ein Film über sein Leben gedreht wird. 1949 in Polen geboren, ging die Familie 1956 nach Israel, kurze Zeit später zog sie nach Kaiserslautern.

»Mein Vater hatte mich in Warschau zum ersten Mal zum Fußball mitgenommen, zu Legia Warschau. Da war ich vier Jahre alt. Ich erinnere mich noch, dass zwei Nationalspieler dort spielten, und sie gingen direkt an mir vorbei, an einem Weg, der zum Stadion führte.« Vor drei Wochen war Reif mit einem Fernsehteam zu den Dreharbeiten in Polen. »Ich sah mich um und sagte: Das ist der Weg.. Ich habe diesen Weg gesehen, es war wie vor 57 Jahren. Das ist nicht zu erklären, nicht rational. Da ist so viel Emotion, tiefstes Unterbewusstsein.«

Schaltstelle Die Gesprächspartner in der Alten Försterei fanden viele Gemeinsamkeiten, die Fußball mit Religion habe. »Religion ist wie auch Fußball eine persönliche, eine individuelle Geschichte«, führte ein nachdenklicher Reif aus. »Es geht um die Frage: Was stiftet Sinn? Das Sinnstiftende ist die Schaltstelle von Fußball und Religion.« Dieser Frage ginge doch jeder Mensch nach. »Es gibt Menschen, die keinen Zugang zu Religion finden und die sich dann stattdessen fanatisch, damit meine ich nicht gewalttätig, dem Fußball zuwenden – eben, weil sie zur Religion nicht finden.«

Hans Meyer, der bereits in der DDR Fußball gespielt hatte und in beiden deutschen Staaten als Trainer Erfolge hatte, versuchte, die Faszination des Fußballs zu beschreiben. »Freude verbreiten – das ist das, was Fußball kann.« Er selbst sei immer schon vom Fußball »magisch angezogen« worden – »ohne dass ich sagen kann, warum«. Vielleicht daher: »Fußball bildet unter den Menschen eine richtige Gemeinschaft.« Das hat Meyer auch dort beobachtet, wo man nur Individualisten vermutet. Er hat nämlich eine Weile das Auswahlteam der deutschen Schriftsteller, die Autonama (Autorennationalmannschaft), betreut: »Die von der Autonama, die hingen alle einem Traum nach, sie wollten dazugehören.«

Doch übertreiben will Meyer, der mittlerweile nur noch im Präsidium den Bundesligisten Borussia Mönchengladbach berät, nicht. »Die Sache mit ›Gott und Fußball‹ relativiert sich, wenn man, wie ich, mit so vielen Fußballgöttern zu tun hatte«, sagte der 71-Jährige, der schon mit 28 Jahren Trainer wurde.

Distanz Meyer plädierte für Distanz. Dass der Bayern-München-Trainer Pep Guardiola jüngst mit dem Ausspruch zitiert wurde, bei einem Champions-League-Spiel ginge es um »Tod oder Leben«, passte Meyer gar nicht. Er schätze Guardiola sehr, aber: »So ein Satz passt zu ihm gar nicht. Das ist ein dummer Satz.« Für Meyer selbst gelte: »So wichtig war Fußball für mich nie.«

Auch bei Jürgen Klopp, Cheftrainer des Bundesligisten Borussia Dortmund, erkannte Meyer eine gefährliche Entwicklung, dass alle Schranken fallen. »Eigentlich muss man das später seiner Frau, seinen Kindern, seinen Eltern zeigen«, kommentierte Meyer die jüngsten Ausraster Klopps. »Ich wünsche mir, dass klar wird, dass es so nicht geht.«

Marcel Reif hingegen verteidigte die Eigenwelt des Fußballs, in der so etwas möglich sei. »Für mich ist Fußball 90 Minuten lang das Wichtigste der Welt. Aber nach 90 Minuten ist wieder wirkliches Leben.« Wenn einer im Stadion, auf dem Platz oder auch in der Reporterkabine unendliche Hingabe zeige – »daran kann ich nichts Verwerfliches finden«. Ohne Leidenschaft werde der Fußball freudlos, so Reif. Und so einen Sport wolle doch keiner sehen.

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD- Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Berlin

Mittel gegen Antisemitismus in Millionenhöhe bleiben liegen

Vor allem wegen der Nachwirkungen der »Fördergeldaffäre« konnten viele Gelder nicht mehr abgerufen werden. Projekte wurden aber auch strenger geprüft

 06.10.2026