Rückblende

1957: Rabbinerskandal in Berlin

»Großrabbiner« Isaak Goldstein Foto: dpa

Rückblende

1957: Rabbinerskandal in Berlin

Unsere Serie über die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945: Folge 13

von Michael Brenner  07.01.2013 20:34 Uhr

Rabbiner waren in den ersten Jahrzehnten nach der Schoa Mangelware in Deutschland. Zwar gab es einige hier geborene Toragelehrte, die aus der Emigration zurückgekehrt waren, um den wiedergegründeten Gemeinden eine religiöse Grundlage zu geben, doch wollte kaum einer von ihnen dauerhaft in Deutschland bleiben. Als sich im März 1957 die Rabbinerkonferenz gründete, gehörte ihr kaum mehr als eine Handvoll Mitglieder an.

Im Osten Berlins amtierte bis zu seinem Tod Martin Riesenburger (1896–1965), der zwar vor 1933 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums studiert, aber keine ordentliche Smicha erhalten hatte und daher noch 1957 in einem offiziellen Schreiben des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik aus dem Jahre 1957 als »Rabbiner« in Anführungsstrichen bezeichnet wurde, »der im Bereich des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik keine Tätigkeit ausübt und auch keinen Auftrag zu einer solchen hat«.

Den DDR-Behörden war der »rote Rabbiner« jedoch wohlgesonnen, und mit zunehmender Gleichschaltung der Gemeinden wurde er als einziger Rabbiner für alle Juden Ostdeutschlands anerkannt.

hochstapler Im Westen der Stadt stellte die rund 6000 Mitglieder zählende Gemeinde nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, einen Rabbiner zu finden, im Januar 1957 einen gewissen Dr. Isaak Goldstein ein, der angeblich »Großrabbiner« von Bukarest gewesen sei. In Berlin angekommen, beanspruchte er sogleich den Titel »Oberrabbiner des Landes Berlin«.

Als die Gemeinde Erkundigungen über Goldstein einzog, erhielt sie die Auskunft, dass er nur für kurze Zeit als Rabbiner einer kleinen rumänischen Gemeinde amtiert hatte und dass er in Bukarest unter dem Namen Pater Erwin (oder auch Dr. Erwin Pater) bekannt sei. Zudem sei Goldstein in Rumänien, Israel und Frankreich wegen verschiedener Delikte auffällig geworden. Manchen Angaben zufolge sei er gar zum Christentum übergetreten. Noch vor den Hohen Feiertagen wurde Goldstein im September 1957 fristlos entlassen.

Der gefeuerte Rabbiner rächte sich auf seine Weise. So führte er im Januar 1960 ein Interview mit der »Deutschen Soldaten-Zeitung«, in dem er den Holocaust in Rumänien verharmloste und zudem dem rechtsradikalen Blatt »bewunderungswürdige Klarheit ... und Mut« zugestand, während er die Vertreter der jüdischen Gemeinde, gegen die er auch vor Gericht zog, heftig verurteilte. Goldsteins Frau Georgette publizierte später ein Buch über diese Affäre, die in der nicht gerade eintönigen Geschichte der Juden in der Bundesrepublik gewiss eine der skurrilsten Episoden darstellt.

Ehrung

Preis von Union progressiver Juden für Bundesministerin Prien

Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Nun wird Karin Prien für ihre Verdienste für das Judentum in Deutschland geehrt. Sie empfinde die Würdigung vor allem als Auftrag, sagt sie

von Nikolas Ender  18.03.2026

Bundestag

Merz über Iran-Krieg: »Wir hätten abgeraten«

Allen Aufforderungen des US-Präsidenten an die Europäer zum Trotz bleibt Kanzler Merz in Sachen Iran-Krieg hart. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel setzt er auf mehr europäisches Selbstbewusstsein

 18.03.2026

Suchmaschine

USA ermöglichen Recherche zu Nazis in der eigenen Familie

War der eigene Opa ein Nazi? Diese Frage kann nun über das US-Nationalarchiv beantwortet werden. Erstmals wurden die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP vollständig ins Netz gestellt

von Sabina Crisan, Marc Fleischmann  18.03.2026

Interview

»Teil der iranischen Militärstrategie«

Die jüdische Gemeinschaft wird von einer weltweiten Serie von Terroranschlägen erschüttert. Der Experte Hans-Jakob Schindler erklärt, was das mit der hybriden Kriegsführung des iranischen Mullah-Regimes zu tun hat

von Ninve Ermagan  18.03.2026

Meinung

Was im Iran-Krieg bisher erreicht wurde

Israelis und Amerikaner können durchaus schon militärische Erfolge gegen den Iran vorweisen. Das Mullah-Regime wird definitiv schwächer aus diesem Konflikt herauskommen, als es hineingegangen ist

von Sima Shine  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Judenhass

Erneute Antisemitismus-Skandale bei der Deutschen Welle

Medienberichten zufolge haben zwei arabische Mitarbeiter des deutschen Auslandssenders in den sozialen Netzwerken Hassposts über Israel verbreitet

 18.03.2026

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Teheran

Irans Geheimdienst geht gegen Opposition vor

Der iranische Geheimdienst berichtet von Festnahmen. Auch Schusswaffen und Satelliten-Internetgeräte sollen sichergestellt worden sein

 18.03.2026