Rückblende

1955: »Halbjude«, rechtsextrem, Minister

Am 9. Juni 1955 trat der niedersächsische Kultusminister Leonhard Schlüter von seinem Amt zurück, das er gerade zwei Wochen vorher angetreten hatte. Er war damit der am kürzesten amtierende Kultusminister eines Bundeslandes – und sorgte für einen der größten Skandale in der jungen Republik.

Wer war dieser Leonhard Schlüter? 1921 in Rinteln geboren, machte er 1939 sein Abitur in Hameln und meldete sich im November freiwillig zum Kriegsdienst. Bis dahin stand seine Biografie noch im Einklang mit der seiner »arischen« Altersgenossen.

Doch als Schlüter wenig später einen Offiziersrang anstrebte, wurde dies abgelehnt, weil seine Mutter als »Volljüdin« eingestuft war. 1941 wurde er aus der Wehrmacht entlassen, durfte allerdings ein Studium an der Universität Göttingen aufnehmen. Im Februar 1945 konnte Leonard Schlüter noch dazu beitragen, dass seine Mutter nicht nach Theresienstadt deportiert wurde.

Altnazis Während nach Kriegsende zahlreiche von den Nazis als »Halbjuden« eingestufte Personen ihre jüdische Biografie entdeckten, identifizierte Schlüter sich lieber mit den Deutschnationalen. Er gehörte zunächst der »Deutschen Konservativen Partei« und der »Deutschen Rechtspartei« an, gründete dann die »Nationale Rechte« und landete schließlich – zusammen mit vielen Altnazis – in der damals rechtslastigen FDP. Diese nominierte Leonard Schlüter bei den niedersächsischen Koalitionsverhandlungen 1955 als Kultusminister.

Als Ministerpräsident Heinrich Hellwege ihn am 26. Mai 1955 in dieses Amt berief, entbrannte ein Sturm der Entrüstung an der Göttinger Universität, der sich rasch auf die gesamte deutsche Hochschullandschaft ausbreitete. Schlüter galt als Förderer rechtsextremer Interessen. In seiner Göttinger »Verlagsanstalt für Wissenschaft und Politik« hatte er besonders gerne Autoren verlegt, die im Zuge der Entnazifizierung ihre Hochschulstellen verloren hatten.

nationaler eifer Im »Spiegel«, der dem Fall Schlüter immerhin ein Titelbild widmete, hieß es damals: »Leonhard Schlüter wünschte weder vor 1945 noch nachher ein ›Halbjude‹ zu sein, sondern ein gleichberechtigter deutscher Patriot. Wobei er seine von ihm als Makel empfundene Provenienz dadurch auszubalancieren trachtete, dass er bestrebt war, seine patriotisch gestimmten Landsleute an nationalem Eifer noch zu übertreffen.«

Ein letztes Nachspiel hatte der Fall Schlüter fünf Jahre später: 1960 wurde der kurzzeitige Minister wegen »Staatsbeschimpfung« und »Staatsgefährdung« zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er das verfassungswidrige Werk Volk ohne Führung des Rechtsextremisten Herbert Grabert verlegt hatte.

Prozess

Mutmaßlicher Block-Entführer wollte wie James Bond sein

Er war Model und Fitnesstrainer, da erhielt er ein Angebot, von dem er sich geehrt fühlte: Er solle zwei Kinder der Familie Block retten, berichtet ein Zeuge. Seine Geschichte klingt wie ein Thriller

von Stephanie Lettgen  08.07.2026

Tel Aviv/Neapel

Israelische Touristin storniert Hotel in Italien nach BDS-Nachricht

Das Hotel Decumani Hotel De Charme verschickt E-Mails, in der es heißt, es unterstütze die Kampagne ›No Room for Genocide‹ der antisemitischen BDS-Kampagne

 08.07.2026

Krieg

Trump kündigt weitere Angriffe auf Iran an

In der Nacht zum Mittwoch hat das US-Militär Ziele im Iran bombardiert. Nach Aussage von US-Präsident Trump könnten weitere Angriffe folgen

 08.07.2026

Einspruch

Die Hitze spüren

Mascha Malburg empfindet die jüngsten Temperaturrekorde als Mahnung, die Schöpfung zu bewahren

von Mascha Malburg  08.07.2026

Meinung

Das Wiener Lueger-Denkmal muss weg!

Die Performance des jüdischen Künstlers Alon Ishay hat eine neue Debatte über den Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer antisemitischen Geschichte angestoßen

von Tobias Kühn  08.07.2026

Nahost

Bericht: Neue Angriffe im Süden des Libanon

Laut libanesischen Medien flog Israels Luftwaffe erneut Angriffe auf Ziele im Süden des Landes. Nach einem Schusswechsel dort meldet die israelische Armee den Tod eines Hisbollah-Terroristen

 08.07.2026

Fußball-Weltmeisterschaft

Die Wut der Pharaonen

Ägypten sucht nach der knappen Niederlage gegen Titelverteidiger Argentinien nach Schuldigen - und Trainer Hossam Hassan spuckt beim Anblick einer Israel-Flagge aus

von Michael Thaidigsmann  08.07.2026

Ankara

Trump: Waffenruhe ist aus meiner Sicht beendet

Die jüngste Eskalation führt offenbar zum Bruch der Vereinbarung

 08.07.2026 Aktualisiert

Hamburg/Ankara

Wadephul: Iran muss jetzt endlich vernünftig verhandeln

Im dauereskalierenden Konflikt mit dem Iran betrachtet der Bundesaußenminister das Verhandlungsfenster noch nicht als geschlossen. Dafür brauche es aber klare Zugeständnisse Teherans, fordert er

 08.07.2026