Es gibt Momente in der Geschichte, in denen es Klarheit braucht. Momente, in denen die Verwässerung ein Ende haben muss. Und in denen Verzerrungen entschlossen bekämpft werden müssen. Ein solcher Moment ist gekommen. Er ist jetzt. Und er bedeutet: Es ist Zeit, Zionist zu sein. Offen, laut und stolz!
In einer Zeit, in der der Zionismus als Sinnbild alles Bösen herhalten muss, als Chiffre für Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus, als Symbol von Besatzung, Unterdrückung und Macht, ist es Zeit, sich zu entscheiden. Nicht einfach. Sondern mehrfach.
Geht man der Erzählung auf den Leim, wonach es sich beim Antizionismus lediglich um Widerstand gegen eine menschenverachtende Ideologie handelt? Um einen gerechten Kampf gegen weiße Privilegien? Um den Einsatz gegen eine rassistische, genozidale Weltanschauung? Um eine globale, antikoloniale Widerstandsbewegung?
Oder erkennt man, dass der Antizionismus in Wahrheit die jüngste Mutation des ältesten und beständigsten Hasses der Weltgeschichte ist? Des Judenhasses! Der heute nicht mehr im Gewand der Religion daherkommt und nicht mehr in der Hülle pseudo-wissenschaftlicher Rassenlehre, sondern im Outfit des Kampfes für Gerechtigkeit und Menschenrechte.
Die Methodik ist dabei nicht neu: Sie besteht aus Verleumdungen, Propaganda und Desinformation. Und versucht so dreierlei: die Lebensader historisch-jüdischer Existenz zu kappen. Die nationale Herzkammer des jüdischen Volkes zu zerstören. Und das zentrale Nervensystem jüdisch-kollektiven Selbstverständnisses zu torpedieren.
Die Folgen sind so offensichtlich wie dramatisch. Denn die historische Verbindung der Juden zu ihrer angestammten, biblischen Heimat wird in Frage gestellt. Israel wird als Unrechtsstaat begriffen, der aufgelöst werden muss. Und Juden weltweit beginnen durch die permanenten Angriffe, die Verleumdungen und die Dämonisierungen aus den unterschiedlichsten Richtungen an ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, ihren Idealen, ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer Zugehörigkeit, ihrer Identität und schließlich an sich selbst zu zweifeln.
Manche suchen ihr Heil in der Flucht aus der eigenen Identität, andere suhlen sich in Selbsthass und wieder andere wenden sich gegen all das, was sie als Ursache des Übels vermuten: Zion, Zionisten, Zionismus.
Dabei war der Zionismus nie das, was seine Gegner in ihm sehen wollten. Und nie das, was seine Feinde ihm unterstellten. Er war das exakte Gegenteil. Keine Ideologie der Unterwerfung, sondern eine Bewegung der Selbstermächtigung. Keine Überzeugung von Überlegenheit, sondern eine Reaktion auf andauernde Ohnmacht. Kein Angriff auf andere, sondern die Verteidigung von Freiheit und Selbstbestimmung.
Die Entscheidung für den Zionismus ist daher eine Entscheidung zugunsten von Fakten, Recht und Wahrheit. Und gegen Verleumdung, Desinformation und Dämonisierung.
Doch es ist noch viel mehr! Es ist eine Entscheidung für eine bessere Zukunft. Zugunsten eines uralten Traums, der immer noch lebt. Und der sich beharrlich weigert, zu zerplatzen. Eine Entscheidung, für eine Zukunft, die keine Luftschlösser baut, die sich nicht in Utopien verliert, sondern die dem Abgleich mit der Realität standhält.
Was das bedeutet? Ein Blick Richtung Zion verrät es. Und Israel, Heimat und Umsetzung des real existierenden Zionismus zeugt davon.
Was nicht bedeutet, dass Israel perfekt wäre. Denn das ist es nicht. Natürlich nicht! Es gibt Probleme zwischen Juden und Arabern. Zwischen religiösen und säkularen. Zwischen rechten und linken. Zwischen Intellektuellen und Pragmatikern. Zwischen Philosophen und Realisten. Zwischen Westlern und Orientalen. Zwischen Expansionisten und Pazifisten. Zwischen Demokraten und Autoritären. Und vieles mehr.
Denn Israel ist eine extrem pluralistische, vibrierende Demokratie, die Menschen aus unzähligen Ländern ein zuhause bietet. Ein Ort, an dem sich Tradition und Moderne die Hand reichen und Religion und Säkularität um die Vormachtstellung ringen. Dieses Land ist Heimat eines der ältesten Völker dieser Erde und ist gleichzeitig eines der modernsten, lebendigsten und visionärsten Länder der Welt.
Der jüdische Staat kommt praktisch ohne natürliche Ressourcen aus und ist dennoch zu einem wirtschaftlichen Powerhouse geformt worden. Es sieht sich seit jeher den Vernichtungsdrohungen seiner Feinde ausgesetzt und hat den Angriffen nicht nur widerstanden, sondern ist zu einer militärischen Großmacht in der gesamten Region geworden. Es kämpft seit Jahr und Tag gegen Terrorismus von innen und von außen und hat dennoch die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit gewahrt.
Ist das alles das Werk des Zionismus? Also der Überzeugung, dass das jüdische Volk das Recht besitzt, unabhängig und selbstbestimmt in seiner historisch-biblischen Heimat zu leben? Teilweise schon. Und in Teilen haben andere Einflüsse gewirkt. Unbestreitbar ist jedoch, dass der Zionismus Israel erst möglich gemacht hat. Es in seiner modernen Version gezeugt hat. Und es seither begleitet und prägt.
Und dieses Israel, also Ergebnis und Hort des Zionismus, ist der einzige und einzigartige Ort auf diesem Planeten, der verschiedene Phänomene bündelt, die nicht nur das Überleben des jüdischen Staates sichern, sondern über die Zukunft unserer westlichen Zivilisation entscheiden werden. Die unsere westlichen Demokratien also unbedingt adaptieren sollten, wenn sie nicht sterben, sondern weiter existieren und florieren wollen.
Erstens ist Israel fruchtbar. Nicht im landwirtschaftlichen Sinn. Sondern mit Blick auf die Geburtenrate. Und damit nimmt es eine absolute Sonderstellung im Vergleich zu den USA oder Europa ein. Die Geburtenrate in Israel liegt bei circa 3 Kindern pro Familie, während sonst kein einziges westliches Land die Reproduktionsrate von 2,1 erreicht, die eine stabile Bevölkerung versprechen würde. Von Bevölkerungswachstum ganz zu schweigen.
Mit anderen Worten: In keinem einzigen westlichen Land außer Israel wächst die Bevölkerung. Schlimmer noch: Sie sinkt! Und das mitunter rasant. Nur Israel wächst und gedeiht. Und zwar nicht nur durch die religiöse jüdische Bevölkerung. Und nicht nur die muslimisch-arabische. Sondern auch durch säkulare!
Warum? Weil man daran glaubt, dass die Kinder eine gute Zukunft haben werden. Weil man Zutrauen hat. Und Hoffnung! Die Hoffnung, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat, sondern überwunden werden kann.
Zweitens: Israel ist bereit, für sein Überleben zu kämpfen. Bedingungslos. Denn die meisten wissen, dass es keinen anderen Platz auf diesem Planeten für sie gibt, an dem sie frei, selbstbestimmt und in relativer Sicherheit leben können. Das heißt: Jeder ist bereit, sein Land und seinen Nebenmann unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen. Mit Ausnahme vieler Ultraorthodoxer und israelischer Araber, die im Ernstfall gegen andere Araber Krieg führen müssten. Das ist zwar ein Problem. Aber es ist nicht existenziell. Noch nicht.
Fakt ist: Die IDF (Israeli Defence Forces) ist eine Volksarmee, in der quasi jeder Dienst tut. Mann und Frau. Gleich welchen Standes. Gleich welcher Hautfarbe. Gleich welcher politischen Einstellung. Es ist die nahöstlich-jüdische Version von Alexandre Dumas Musketieren. Einer für alle. Und alle für einen.
Mehr noch: Die IDF basiert auf dem jüdischen Selbstverständnis, wonach niemand jemals zurückgelassen wird. Niemand jemals aufgegeben wird. Koste es, was es wolle. Diese jüdisch-israelisch-zionistische DNA, die zu dem Selbstverständnis der Verteidigungsstreitkräfte geronnen ist, machen diese so besonders. Und lassen die IDF damit zu der wohl besten und effektivsten Verteidigungsarmee der Welt werden.
Drittens: Israelis gehören zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. In den letzten Jahren lag das kleine Land im World Happiness Report regelmäßig in den Top Ten der glücklichsten Länder der Welt. Meist nur überholt von den skandinavischen Ländern. Obwohl Israel sich seit seiner Entstehung von Feinden umgeben sah, die seine Auslöschung wollten. Obwohl es mehrere Kriege um sein Überleben führen musste. Obwohl es von äußerem und innerem Terror heimgesucht wurde. Obwohl es erhebliche wirtschaftliche Durststrecken gab. Und obwohl es eine vitale Streitkultur beheimatet.
Dennoch oder gerade deswegen: Israelis sind glücklich! Vielleicht, weil es sie immer noch gibt. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit. Fakt ist: Glück entsteht in diesem besonderen Fall durch Sinn, Tradition, Gemeinschaft, Erfolg und Resilienz. Und zwar konsequent auf unvorhersehbar hohem Niveau.
Viertens: Der Zionismus hat im Schweiße seines Angesichts und entgegen aller Erwartungen ein florierendes, pulsierendes, widerstandsfähiges, dynamisches und erfolgreiches Land geschaffen. Israel. Und das obwohl die Rahmenbedingungen kaum schlechter hätten sein können. Keine natürlichen Rohstoffe, wie Öl oder Gas. Keine nennenswerten Bodenschätze. Sondern heißer Wüstensand und malariaverseuchte Sümpfe in einem der trostlosesten Gebiete der Erde. Und haufenweise Feinde, die das Produkt des Zionismus seit jeher vernichten wollten. Und die Juden gleich mit.
Aus diesen bescheidenen Zutaten schufen die Zionisten ein wirtschaftliches Powerhouse. Eine Start-Up-Nation, die mit den größten Technologiezentren der Welt mithalten kann. Eine Erfindernation, deren Innovationen der Menschheit zum Segen gereichen. Und deren militärische Entwicklungen nicht nur Amerika, sondern inzwischen auch Europa schützen. Wenn Du keine Chance hast, ergreife sie. Das haben die Zionisten getan. Und das Ergebnis ist ein modernes Wunder.
Fünftens: Der Zionismus hat eine Gesellschaft geformt, die wie keine andere ein jüdisch-biblisches Prinzip verkörpert: Wähle das Leben! Denn auch wenn die zionistische Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts säkular, politisch und in Teilen sogar antireligiös geprägt war, kann sie weder ihre religiösen Wurzeln verleugnen, noch die Prägung durch das jüdische Denken.
Will heißen: so säkular der moderne Zionismus auch gewesen sein mag, das Ergebnis wurzelt tief in jüdischer Ethik. Im 5. Buch Moses 30:19 heißt es: »Ich habe vor Dich gegeben das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch. Wähle das Leben, damit Du lebst. Du und deine Nachkommen!«
In diesem Prinzip kulminiert alles. Hier kommt alles zusammen. Die Liebe zu Kindern und der Wert der Familie. Die Zuversicht für kommende Generationen. Die Bereitschaft, füreinander einzustehen und für das gemeinsame Überleben zu kämpfen. Das Glück, das aus Sinn, Tradition, Gemeinschaft und Resilienz entsteht. Die Kreativität und der Erfindungsreichtum, um sich, seinen Nachkommen und seinem Land eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Und der unbedingte Lebenswille, der sämtliche Nackenschläge aushält. Sämtliche Tiefschläge wegsteckt. Sondern stur nach vorne schaut. In Richtung einer besseren Welt.
Wir schätzen das Leben. Umarmen es. Feiern es. Lassen es nicht los. Wir wählen das Leben. Immer und immer wieder. Von Generation zu Generation.
Kurz gesagt: Der Zionismus verbindet die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft mit Identität, Selbstbestimmung, Souveränität, Leistungsbereitschaft, Innovationsgeist, Hartnäckigkeit, Willenskraft, Mut, Stärke, Durchsetzungskraft, Gemeinschaftssinn, Resilienz und Hoffnung. Und diese außergewöhnliche Mischung sichert nicht nur Israels Zukunft. Nein. Es ist auch die beste Wette, um das Überleben des Westens sicherzustellen. Und damit unser aller Zukunft.
Mit anderen Worten: Es ist Zeit, Zionist zu sein!
Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.
