Nicole Dreyfus

Wo bleibt das Gute?

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Nicole Dreyfus

Wo bleibt das Gute?

Wie bringt man als jüdische Eltern seine Kinder durch die Zeit nach dem 7. Oktober?

von Nicole Dreyfus  28.07.2024 14:41 Uhr

Da fragte mich meine Tochter vor ein paar Tagen, was denn nach der Universität komme? Eine Stelle finden und arbeiten oder vielleicht eine Promotion schreiben. Ist doch naheliegend, könnte man sagen. Die Antwort ist allerdings nicht wirklich relevant, denn meine Tochter ist gerade einmal sechseinhalb. Aber die Frage hat mich beschäftigt. Selbst wenn mein Kind noch nicht wirklich begreift, wofür die Universität steht, hallte die Frage in mir nach. Denn diese Alma Mater, die mir Hort von Humanismus war, eine Schutzzone des Denkens, ist verschwunden. 

Plötzlich gehören Doppelmoral und Heuchelei zur Tagesordnung auf dem Campus. Angeblich humanitäre Absichten werden derart verdreht, dass diejenigen, die sie äußern, zum Sprachrohr von Terroristen werden. Diese subversive Form von Hass ist heimtückisch. Sie dockt bei all jenen an, die für Ideen empfänglich sind, auf die man ein verklärtes Ideal von Gerechtigkeit projizieren kann, unabhängig vom historischen oder geografischen Fakten. Und diese Gerechtigkeit hinkt sich selbst hinterher. Wenn sich schließlich Akademiker von Rang und Namen hinter antisemitischen und gewaltverherrlichenden Slogans im Namen der Meinungsfreiheit verstecken, dann stellt sich unweigerlich die Frage, ob eine Institution wie die Universität ihrer Funktion als geistige Heimat noch gerecht wird.

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man selbst studiert hat oder nicht. Aber wenn Studierende, also jene Denkeliten von morgen, mit vorgespielter Überzeugung behaupten, dass Rassismus und Antisemitismus keinen Platz in den Protesträumen der Universität fänden, danach aber lauthals »Yalla Intifada« brüllen, dann lässt das einen als jüdischen Menschen einfach nur ratlos zurück.

Genauso verhält es sich mit dem Wort »Zionisten«, mit dem großzügig um sich geworfen wird. Es schmerzt jedes Mal, es rassistisch gefärbt zu lesen. Es macht jedes Mal das große diskursive Feld auf, wobei alle Juden in den weißen, kolonialistischen Topf geworfen und zu Rassisten gemacht werden. Die meisten jüdischen Menschen sehen sich, selbst wenn es Ausnahmen gibt, in irgendeiner Weise mit Israel verbunden, wenn auch nicht mit der Regierung Netanjahu. Aber dieses Wort »Zionisten« greift an.

Die Dämme brechen. Wer schreien will, kann schreien. Und er hat sogar Publikum, das ihm applaudiert.

Wieviel Hass weht hier nicht nur durch akademische Hallen, sondern rauscht vielmehr durch die Köpfe? Von wieviel tiefsitzender Feinseligkeit sind wir tatsächlich umgeben? Sind die schreienden Protestierenden nur die Spitze des Eisbergs? Die Dämme brechen. Wer schreien will, kann schreien. Und er hat sogar Publikum, das ihm applaudiert oder Strassenwände mit Parolen wie »Scheiß Juden« beschmiert. 

Meine Tochter beginnt mit ihren bald sieben Jahren zu lesen. Was soll ich ihr antworten, wenn sie ganz langsam, wie angehende Erstklässler dies tun, Buchstabe für Buchstabe zu entziffern versucht »S-C-H-E …«? Dass Juden seit dem Mittelalter dämonisiert und dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Menschen mit ihrem eigenen Leben unzufrieden sind. Dass Juden Projektionsflächen des Hasses sind? Dass Juden als Substitut für die eigene Unzulänglichkeit herhalten müssen.

Natürlich werde ich das nicht tun. Tragen wir nicht als jüdische, als Eltern generell, eine Verantwortung, unsere Kinder mit Werten auszustatten, die sie stärkend durchs Leben manövrieren können? Werte bezeichnen in der Regel etwas, das wir als positiv, erstrebenswert oder moralisch gut ansehen. Es sind tief verwurzelte Überzeugungen, Einstellungen, Ideale und Bedürfnisse, die gewöhnlich vom Umfeld geteilt werden und zu deren Identität und Kultur beitragen. Bisher erachtete ich es als selbstverständlich, dieses tiefe Vertrauen nicht nur mit meinem engeren Umfeld, wohl aber mit der Gesellschaft an sich zu teilen.

Um mit den Worten Anne Franks zu sprechen, versuche auch ich an das Gute im Menschen glauben.

Doch in letzter Zeit beschleicht mich vermehrt das Gefühl, dass mein mit meiner Umgebung scheinbar gut austarierter Wertekompass kaputt ist. Das will ich selbstverständlich nicht zugeben. Natürlich kämpfe ich dagegen an. Um mit den Worten Anne Franks zu sprechen, versuche auch ich an das Gute im Menschen glauben. Natürlich will ich, dass meine Kinder in einer von Vertrauen und Sicherheit bestimmten Welt aufwachsen, ähnlich einem Baum – je mehr Ringe er umfasst, desto robuster sein Stamm.

Ich hege den Verdacht, dass der in den vergangenen Jahrzehnten als zu selbstverständlich genommene Wert der Sicherheit in eine Krise geraten ist. Denn was bedeutet Sicherheit in Anbetracht des Krieges und seiner Auswüchse? Bereits der Kausalzusammenhang, herrscht dort Krieg, herrscht hier Hass, dürfte nicht bestehen. Doch das ist nun unsere Realität. Wo gehen wir also hin? Wo finden wir für uns und unsere Kinder Schutz vor dem Hass? Ich meine damit nicht nur die physische Sicherheit, sondern jene, die uns alle zu ausgeglichenen Menschen macht.

Vielleicht erkläre ich meiner Tochter eines Tages doch, sollte sie diesen hässlichen Worten an Häuserwänden begegnen und sie zu lesen versuchen, dass es bis heute Kapitel in der jüdischen Geschichte gibt, die sehr beschwerlich sind. Aber dass es trotzdem immer unser Ziel sein sollte, einen Weg zu finden, um sicher und stark zu sein. Auch wenn wir ein Leben ohne Hass anstreben, gibt es immer Menschen, die davon erfüllt sind. Bedrohungen jeglicher Art sind unausweichlich. Begegnen wir ihnen ohne Angst.

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