Gastkommentar

Wir stellen uns hinter Gregor Gysi

Die Grünen-Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger und Max Lucks Foto: Dominik Butzmann/ Elias Keilhauer, Montage

Es gibt keine politische Partei, keine Bewegung und kein Milieu in dieser Gesellschaft, die immun gegen Antisemitismus sind. Eine aufgeklärte Zeit, in der jede Partei, jede Organisation das versteht, scheint mehr und mehr eine bloße Utopie zu sein. Die Realität: Wer in den Reihen des eigenen Lagers antisemitische Weltanschauungen kritisiert, wird häufig selbst der Kritik unterzogen.

Das jüngste Beispiel dafür ist unser geschätzter Abgeordnetenkollege Gregor Gysi aus der Linksfraktion. 

Was er in einem Interview mit dem »Focus« behauptete, teilen wir nicht. Antisemitismus hat in Deutschland eine jahrhundertelange Tradition und betrifft alle Altersgruppen. Gysi, der sich stets für die Rechte der Palästinenser einsetzt, wies im Interview pauschale Antisemitismusvorwürfe an seine Partei zurück, räumte jedoch ein, es gebe »problematische Sichtweisen« auf den Staat Israel bei jüngeren Mitgliedern und solchen »mit einem Migrationshintergrund«.

»Wir lassen es nicht zu, dass Einschüchterung als Mittel der politischen Auseinandersetzung normalisiert wird!«

Es braucht bei aller berechtigten Kritik an diesen Aussagen schon viel ideologische Verblendung, um anhand eines aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats ausgerechnet dem Sohn von Klaus Gysi, der als Kommunist mit jüdischen Wurzeln nur durch viel Glück der Schoa entkam, zu unterstellen, er würde Antisemitismus externalisieren. 

Die darauffolgenden offenen Briefe, hasserfüllten Videos auf Social Media und die regelrechte Hetzjagd haben nichts mit kritisch-solidarischer Auseinandersetzung mit Gysi zu tun. Sie stehen für autoritäre Strömungen der Linkspartei, die ausgerechnet einen Abgeordneten mit jüdischer Familiengeschichte im Deutschen Bundestag beim Thema Antisemitismus mundtot machen möchten.

Gregor Gysi, der sich schon einmal auf einer Toilette des Bundestages einsperren musste, um Fraktionskolleg*innen zu entkommen, die ihn gemeinsam mit antiisraelischen Akteur*innen bedrängten, wird zur Zielscheibe von enthemmtem Hass.

Lesen Sie auch

Wir stellen uns – kritisch-solidarisch – an die Seite von Gregor Gysi und allen, die in der Linken antisemitismuskritische Arbeit leisten! Wir machen uns Gregor Gysis Aussagen aus dem Focus-Interview nicht zu eigen. Gleichermaßen sind die regelmäßigen Kampagnen gegen den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden bezeichnend für das Problem im linken politischen Spektrum.

Israelfeindliche Kräfte scheinen mehr Ressourcen aufzubringen, um Parteifreund*innen anzugehen, als um die extreme Rechte aufzuhalten. Wir setzen uns dafür ein, Widersprüche auszuhalten. Wir stärken allen den Rücken, die sich klar gegen Antisemitismus und Rassismus positionieren. Wir stehen klar gegen israelfeindliche und antisemitische Kampagnen. Wir lassen es nicht zu, dass Einschüchterung als Mittel der politischen Auseinandersetzung normalisiert wird!

Max Lucks und Marlene Schönberger sind Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen.

Kommentar

Landtagswahlkampf mit Israelfeindlichkeit

Mit einem vielleicht auf den ersten Blick unschuldigen Satz macht das BSW Stimmung. Gegen den einzigen jüdischen Staat, die »Zionisten« und damit die Juden

von Imanuel Marcus  06.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  06.08.2026

Meinung

»Blaue Moschee« als Gedenkstätte für die Opfer des Islamismus?

Nach der Schließung des eng mit dem iranischen Regime verflochtenen »Islamischen Zentrums Hamburg« wird über die künftige Nutzung des Ortes diskutiert

von Ulrike Becker  06.08.2026

Vorurteile

Können wir mal reden?

Warum persönliche Begegnungen und Gespräche heute wichtiger sind denn je – insbesondere beim Thema Israel

von Sabine Brandes  06.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Kommentar

Politische Pünktchensammler

Ewig bewegte Palästina-Aktivisten wie Javier Bardem und israelische Politiker nutzen den Massenansturm auf Ceuta für politisch unwürdige Spielchen

von Nils Kottmann  04.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Meinung

Die Vereinten Nationen und ihre obsessive Fixierung auf den jüdischen Staat

Warum der Staatengemeinschaft ihre Heuchelei und Doppelmoral eher früher als später zum Verhängnis werden wird

von Daniel Neumann  01.08.2026

Kommentar

Die Hinrichtungen gehen weiter

Nach der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung im Januar setzt das iranische Regime die Exekutionen vor den Augen der Welt fort

von Nila Mozafari  30.07.2026