Bei der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland wird über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland entschieden: Delegierte aus Gemeinden und Landesverbänden, die festlegen, wie jüdische Strukturen, Repräsentation, Sicherheit und Sichtbarkeit in den kommenden Jahren gestaltet werden. Wenn an diesem Sonntag das Gremium erneut in Frankfurt am Main tagt, ist auch die Jüdische Studierendenunion Deutschland dabei. Das war nicht immer selbstverständlich.
Jüdisches Leben wird heute so massiv angegriffen wie seit 1945 nicht mehr. Besonders hart trifft es diejenigen, die am sichtbarsten sind und ihre Räume nicht einfach meiden können: Studierende. Universitäten, die Orte des freien Denkens sein sollten, wurden zu Orten, an denen jüdische Studierende Anfeindungen, Ausgrenzung, Einschüchterung und Hass erleben, und das weitgehend ohne Konsequenzen für die Täter. Wir werden aus Vorlesungen gedrängt, beleidigt, angegriffen und mussten täglich an Bannern vorbeigehen, die unseren Tod fordern.
Viele von uns haben Freundschaften verloren. Manche haben ihren Studienort gewechselt. Fast alle haben gelernt, dass jüdisches Leben an der Universität oft nur sicher stattfinden kann, wenn es unsichtbar ist. Aber eines haben wir nicht getan: Wir haben uns dieser Entwicklung nicht ergeben – im Gegenteil.
Auch bei der Ratsversammlung sind junge Delegierte nach wie vor unterrepräsentiert.
Wir haben uns organisiert, wir sind lauter geworden, wir haben die größte Vollversammlung der JSUD abgehalten, wir haben uns öffentlich gegen antisemitische Universitätsstrukturen gewehrt, wie zuletzt die jüdische Besetzung der TU Berlin gezeigt hat. Und dennoch: Unsere Stimmen finden kaum Gehör. Auch bei der Ratsversammlung sind junge Delegierte nach wie vor unterrepräsentiert, obwohl sie die Realität jüdischen Lebens in diesem Land jeden Tag am deutlichsten spüren.
Es ist nicht zu leugnen: Das Wort jüdischer Organisationen hat heute weniger Gewicht als früher. Nicht weil sie keine gute Arbeit leisten - im Gegenteil. Aber das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Antisemitismus wird enttabuisiert, relativiert, verharmlost. Der Holocaust verliert an Präsenz im öffentlichen Bewusstsein. Gleichzeitig verschieben politische Kräfte bewusst die Grenzen des Sagbaren, und das trifft nicht nur Institutionen, es trifft Menschen. Es trifft uns.
Und während die Angriffe auf jüdisches Leben zunehmen, schrumpft die Gemeinschaft demografisch. Seit Jahren zeigen Studien: Wir werden weniger. In einer solchen Situation wäre es fatal, nicht alles dafür zu tun, dass die junge Generation stärker, sichtbarer und wehrhafter wird als jede zuvor.
Wir müssen den Rückgang auf andere Weise ausgleichen, und das gelingt, ganz nach jüdischer Tradition, nur durch Bildung. Jeder Vorstand einer jüdischen Institution sollte sich daher fragen, ob er dieser Tradition gerecht wird.
Wir jungen Jüdinnen und Juden müssen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Die junge jüdische Generation ist in den jüdischen Institutionen kaum vertreten: in vielen Gemeindevorständen nicht, in Landesverbänden nicht und in der Ratsversammlung kaum. Wenn jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft haben soll, brauchen wir junge Erwachsene, die nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Nicht nur zuhören, sondern sprechen. Nicht nur eingeladen werden, sondern entsandt werden.
Das erfordert strukturelle Veränderung. Es erfordert, dass Gemeinden und Verbände nicht nur über Zukunft reden, sondern sie auch an den Tisch holen. Und ja, es erfordert, dass wir jungen Jüdinnen und Juden bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Niemand wird uns den Teppich ausrollen. Deshalb müssen wir ihn uns nehmen. Lasst euch in eure Gemeindevorstände wählen. Bringt euch in Landesverbänden ein. Fordert einen Platz in den Delegationen ein.
Der Autor ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).