Rabbiner Jaron Engelmayer

Welches Leben ist lebenswert?

Rabbiner Jaron Engelmayer Foto: Marco Limberg

Ein Gericht in England entschied, das Leben eines zweijährigen schwerkranken jüdischen Mädchens zu beenden, sei »in ihrem besten Interesse«, da laut der Einschätzung medizinischer Experten nicht mit einer Genesung zu rechnen sei und es auch »keine Freude empfinden« werde, so der BBC-Bericht.

Die Eltern, ultraorthodoxe Juden, versuchen, diesen Gerichtsentscheid anzufechten, da er ihrer religiösen Auffassung widerspreche. In Israel löste der Fall eine Vielzahl an Reaktionen aus. Präsident Rivlin habe Prinz Charles sogar angeboten, das Kind zur weiteren Behandlung nach Israel zu bringen.

BRISANZ Dass dieser Fall derartige Aufmerksamkeit erregt, zeigt nicht nur, welch hohe Achtung jedem Menschenleben entgegengebracht wird, sondern auch die Brisanz der dahinterstehenden Fragen: Welches Leben ist lebenswert? Wer darf den moralischen Anspruch und die legitime Autorität erheben, darüber zu entscheiden? Hier prallen Welten aufeinander, die Gefahrenpotenzial bergen. Allein die Frage, ob ein Leben lebenswert ist, weckt unter Umständen Assoziationen zu dunklen Zeiten.

Der Ansatz der jüdischen Quellen ist grundverschieden von jenem des Gerichts: Der Wert eines Menschenlebens kann nicht von Menschen eingeschätzt werden, es ist unschätzbar, unendlich wertvoll.

Zeitabschnitte eines Lebens lassen sich deshalb nicht gegeneinander aufwiegen, denn das Unendliche lässt sich nicht teilen. Selbst einem Sterbenden das Leben aktiv zu verkürzen, wird vom Talmud als Mord gewertet. Und sogar ans eigene Leben Hand anzulegen, ist davon nicht ausgeschlossen.

Das Leben ist nicht Besitz des Menschen: Es wird von ihm verwaltet.

Die heiligen, sonst unantastbaren Schabbat- oder Jom-Kippur-Gesetze werden selbst für eine kurzzeitige Erhaltung und Verlängerung eines Menschenlebens verdrängt. Das Leben ist nicht Besitz des Menschen: Es wird von ihm verwaltet. Sein Wert ist nicht von der empfundenen Freude abhängig, auch wenn sie ein erstrebenswerter Bestandteil seiner Lebensqualität ist.

Sinn, Bedeutung, Aufgabe, Erfüllung durch Anbindung an Werte, die das Physische übersteigen, machen jeden Lebensmoment unendlich wertvoll und lebenswert, wie die Weisen festlegen: »Besser ist ein Moment der Umkehr und guten Taten in dieser Welt als die Gesamtheit der künftigen Welt.« Vor dem Gericht lässt sich plädieren: Das Leben ist heilig – bitte schützt es!

Der Autor ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

Glosse

Ein Clan-Chef als Antisemitismusbeauftragter!

Warum Issa Remmo der »Linken« offiziell Persilscheine ausstellen und Arafat Abou-Chaker neuer Polizeipräsident in Berlin werden sollte

von Ayala Goldmann  22.09.2026

Kommentar

Schwesigs Erfolg: Wie man die AfD im Zaum halten kann

Manuela Schwesig hat gezeigt, wie man dem Populismus der Rechtsextremen begegnen kann. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die SPD, sondern für alle Demokraten

von Michael Thaidigsmann  22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Kommentar

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026

Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Wenn Rassismus von rechts für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen?

von Nelly Eliasberg  20.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Michael Lüders, Groß-Palästina und seine Vorliebe für Wassermelonen

Wie BSW-Spitzenkandidat Michael Lüders sich als verrückter Rand einer Wahldebatte präsentierte

von André Anchuelo  19.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Hohe Feiertage, wichtige Wahl

Die Bürger von Mecklenburg-Vorpommern wählen am 20. September ihr Parlament. Wird der besorgniserregende Trend, der in Sachsen-Anhalt zu beobachten war, fortgesetzt und verfestigt?

von Juri Rosov  19.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder – und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Meinung

Wie London die Verweigerungshaltung der Palästinenser belohnt

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  13.09.2026 Aktualisiert