Kommentar

Nicht mehr ernst zu nehmen

Kritisiert Israel scharf: Josep Borrell Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Rund zehn Monate bleiben Josep Borrell noch im Amt des Hohen Beauftragten der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik. Zehn Monate, die der Spanier nicht nur nutzen will, um einen ambitiösen Friedensplan für den Nahen Osten voranzubringen, dessen Grundzüge am Wochenende bekannt wurden. Sondern auch zehn Monate, in denen Borrell offenbar noch ein paar alte Rechnungen zu begleichen hat. Einer der Adressaten: Israel und die rechtsgerichtete Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Am Freitag bekam Borrell die Ehrendoktorwürde der Universität Valladolid verliehen. Dort hatte er vor 40 Jahren als außerordentlicher Professor gelehrt – für Mathematik. Während der Zeremonie trug er nicht nur einen seltsamen gelben Hut. Borrell hielt auch eine seltsame Rede, in der er Israel offen beschuldigte, die Hamas jahrelang nicht nur finanziert, sondern sogar mitgeschaffen zu haben. Das sei passiert, um die Palästinensische Autonomiebehörde unter der Führung der Fatah zu schwächen, behauptete der frisch gebackene Doktor honoris causa. Belege für seine These lieferte Borrell nicht.

International seien alle für die Zwei-Staaten-Lösung, nur Israel nicht, sagte Borrell weiter. Auch das ist eine Behauptung, die in dieser Simplizität nicht stimmt. Warum viele Israelis mit einer Zwei-Staaten-Lösung ein Problem haben, diskutierte der Ehrendoktor in seiner Rede in Valladolid nicht. Könnte es sein, dass sie weder in der Hamas noch in der Fatah von Palästinenserführer Mahmud Abbas einen echten Partner für einen Deal sehen?

Doch auf den letzten Metern seiner Amtszeit juckt es den EU-Außenbeauftragten wenig, wie seine Interventionen ankommen und ob sie Stirnrunzeln verursachen. Im Gegenteil: Borrell legt es mittlerweile darauf an, die israelische Seite zu provozieren.

Er wird wissen, dass er mit seinen undiplomatischen Worten nur noch mehr Porzellan zerschlagen wird. Nicht nur gegenüber Israel, auch innerhalb der EU. Gerne wäre Borrell der EU-Chefdiplomat. Doch dafür müsste er die Mitgliedsstaaten hinter sich haben, denn ohne sie sind seine Ansagen nur hohle Worte. In der Nahostpolitik gibt es im Brüsseler Außenministerrat, der einstimmig entscheiden muss, aber keine Einigkeit - allen Bekundungen für die Zwei-Staaten-Lösung und Rufen nach einem Waffenstillstand zum Trotz.

Anstatt diese Einigkeit herbeizuführen, hat Borrell nun ein sogenanntes Non-Paper vorgelegt, in dem er einen Weg zu einem Palästinenserstaat skizziert, der förmlich von außen – also wenn nötig auch ohne die Zustimmung Israels – durchgesetzt werden soll.

Mit seinem einseitigen, israelkritischen Kurs macht Josep Borrell sich zwar lieb Kind bei arabischen Staaten und auch in Teilen der europäischen Öffentlichkeit. Fortschritte im Friedensprozess wird er damit aber kaum erreichen. Denn eine dauerhafte Lösung wird es nur geben (darin waren sich bislang auch die Europäer einig), wenn beide Seiten, Palästinenser und Israelis, sie aushandeln und ihr am Ende zustimmen. Borrell aber glaubt, es brauche nur mehr Druck auf Israel, um voranzukommen. Eine naive Vorstellung.

Sukzessive Regierungen in Jerusalem haben den Spanier aber schlicht nicht ernst genommen, ja, ihn jahrelang nicht einmal nach Jerusalem eingeladen. Wer kann es ihnen angesichts der ständigen Ausfälligkeiten Borrells verdenken?

Und auch Borrells Non-Paper ist ein Non-Starter.

Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen äußert sich die Expertin Ofra Bengio skeptisch zur Chance eines kurdisch-israelischen Bündnisses in Nahost. Eine Replik des Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland

von Ali Ertan Toprak  07.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am »Dschungelcamp« niemals schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  06.02.2026

Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Laut und verwegen ist der Genozid-Vorwurf einer Schweizer Gruppierung gegen den Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis. Mit einer Rechtsdebatte hat es aber nichts zu tun

von Nicole Dreyfus  06.02.2026

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Nun wird das Video offline genommen. Doch das ist nur das Minimum an Konsequenzen

von Ayala Goldmann  03.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Teilzeit ist kein »Lifestyle«

Der Wirtschaftsflügel der CDU und Bundeskanzler Merz wollen, dass die Deutschen mehr arbeiten. Sie missachten damit die vielfältigen Lebenswirklichkeiten der Menschen

von Günter Jek  02.02.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

Meinung

Warum es auch schwerfällt, die gelbe Schleife abzulegen

Zwei Jahre und drei Monate lang haben Menschen auf aller Welt mit der gelben Schleife ihre Solidarität mit den am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppten Geiseln gezeigt. Nun können wir sie endlich ablegen

von Sophie Albers Ben Chamo  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026