Derzeit teilen womöglich viele Iraner und Israelis ein gemeinsames Interesse: eine Zukunft jenseits der Islamischen Republik. Doch dieser punktuelle Gleichklang darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie grundlegend unterschiedlich beide Gesellschaften sind, nicht nur in ihrer Mentalität, sondern auch in der Wahrnehmung von Zeit.
Nirgends tritt dieser Unterschied deutlicher hervor als im Begriff der Geduld, mit dem Israel – kulturell wie politisch – oft ringt. Schon das hebräische Wort סבלנות (savlanut) erinnert an סבל (sevel): also eine »Last«, das »Leiden« oder das »Tragen einer Bürde«.
Geduld wird so leicht als Zumutung empfunden: als erzwungenes Stillhalten, als Verlust von Initiative. In dieser Haltung liegt zugleich Segen und Fluch. Sie begünstigt Mut, Improvisation und jene entschlossene Risikobereitschaft, die Israel zur Start-up-Nation gemacht hat. Sie kann aber auch den Blick für Langfristigkeit schwächen und Hochmut fördern – mit folgenschweren Fehleinschätzungen, wenn strategische Geduld, Planung und Vorausschau fehlen.
Im Persischen lautet das Alltagswort für Geduld صبر (sabr) – ein arabisches Lehnwort, das weniger an Schmerz als an Standhaftigkeit und Selbstbeherrschung erinnert: die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, Fakten reifen zu lassen und Emotionen nicht vorschnell in Gewissheiten zu verwandeln. Auch Iraner denken häufig historisch – doch »Geschichte« entsteht hier eher als ein langer Strom von Erfahrungen und Erinnerungen, nicht als Ergebnis punktueller kühner Taten.
Gerade in Momenten maximaler Spannung, wenn Gerüchte zirkulieren und alle sofort Antworten verlangen, wird dieser Kontrast sichtbar. Manchmal ist der strategisch klügste Schritt schlicht und einfach, die Schlagzeile nicht zu überstürzen.
Teheran setzt auf Zermürbung
Teheran und seine Verbündeten setzen seit Jahrzehnten immer wieder auf eine Logik der Zermürbung: also nicht der eine finale Schlag, sondern das langsame Austesten von Grenzen, das Erschöpfen von Ressourcen, Aufmerksamkeit und politischer Geduld beim Gegner. Phasen relativer Ruhe – etwa beim Raketen- und Drohnendruck – sind in einer solchen Logik nicht zwingend ein Zeichen von Deeskalation. Sie können ebenso Teil eines Rhythmus sein, der auf Abnutzung baut. Und dass staatliche Akteure dabei auch im Ausland Gegner verfolgen, einschüchtern oder töten lassen, ist im iranischen Fall vielfach dokumentiert.
In der gegenwärtigen Euphorie vieler Beobachter – nach der bestätigten Tötung von Irans Oberstem Führer Ali Khamenei – sollten vier Punkte im Blick bleiben:
Erstens, die symbolische Umdeutung der »Niederlage«: In der inneren Logik des Regimes und seiner Anhängerschaft kann Khameneis Tod nicht als Scheitern, sondern als Märtyrererzählung gerahmt werden – als Sinnstiftung und Mobilisierungsmoment. Welche Wirkung das realpolitisch entfaltet, ist offen; entscheidend ist: Das Ende einer Person bedeutet nicht automatisch das Ende einer politischen Theologie, besonders nicht, wenn dieses Ende von Anfang an erstrebenswert war.
Zweitens die Grenzen der Machtprojektion Israels: Die Angriffe auf iranischem Territorium zeigen zugleich, wie schwierig entschlossenes Handeln in einem großen, entfernten Land ist. Für Israel bleibt – gerade bei existenziell verstandenen Bedrohungen – die amerikanische Rolle oft zentral: militärisch, diplomatisch und innenpolitisch. Wer in der amerikanischen Öffentlichkeit überzeugen will, tut gut daran, Iran nicht nur als Risiko für Israel zu erklären, sondern als Akteur, der auch amerikanische Interessen historisch massiv herausgefordert hat – von der Geiselnahme in Teheran 1979 bis zu Anschlägen auf US-Truppen im Libanon 1983.
Drittens: »Alles ist besser« ist keine Strategie. In israelischen Debatten dominiert oft die Hoffnung, jede Alternative zu den Ajatollahs müsse besser sein als das jetzige Regime. Doch die Frage, wer Iran in den kommenden Monaten beherrscht, ist für die Region entscheidend – und hochriskant. In Teilen der Diaspora gilt Reza Pahlavi als mögliche Übergangsfigur; zugleich existieren organisierte Oppositionskräfte wie die Volksmudschahedin (MEK/PMOI), deren Geschichte, Ideologie und internationale Wahrnehmung umstritten sind und die vom Regime wie auch von Beobachtern als relevanter Faktor betrachtet werden.
Viertens: Normalisierung ohne »gemeinsamen Feind«. Paradoxerweise könnte der Weg der israelisch-arabischen Annäherung, der mit den Abraham-Abkommen sichtbar wurde, auch durch einen Machtbruch in Teheran komplizierter werden: Wenn der »Gegner Iran« als Klammer schwächer wird, wächst in arabischen Hauptstädten die Sorge vor einem regionalen Machtungleichgewicht mit Israel – zumal das zentrale, ungelöste Thema Palästina weiter auf eine politische Lösung wartet. Paradoxerweise könnte gerade das Ende der iranischen Bedrohung somit den arabisch-israelischen Spannungen erneutes Leben geben.
Demut, Weitblick und Geduld sind in Israel keine besonders ausgeprägten Tugenden – doch genau diese Qualitäten könnten dem Land guttun, für sich selbst und im Umgang mit seinen Nachbarn. Oder, wie ein persisches Sprichwort sagt: صبر کلید کارهاست – Geduld ist der Schlüssel, um Dinge zu erledigen.
Dr. Nathan Peres ist promovierter Nahosthistoriker der Sorbonne Université und ehemaliger Postdoktorand in Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er ist ferner diplomierter Iranist an der Universität Hamburg sowie Politikwissenschaftler an der Reichman Universität in Israel.