Ein ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist wegen eines sexuellen Übergriffs verurteilt worden. Dass es immer wieder zu sexuellem Missbrauch kommt, ist leider nichts Neues. Dass dieser auch im religiösen Umfeld geschieht, oftmals gepaart mit der Ausnutzung der Vertrauensposition, die etwa ein Rabbiner innehat, leider auch nicht. Der Umgang damit ist beinahe derselbe, egal ob sich die Vorfälle in der großen weiten Welt oder in der kleineren jüdischen abspielen.
Auch im Umgang mit den Betroffenen, die in der Regel Frauen sind, gibt es nur geringfügige Unterschiede. Es dauert meist lange, bis sie sich melden und ihre Erlebnisse jemandem anvertrauen. Warum ist das so? Was hindert Betroffene daran, sich jemandem gegenüber zu öffnen, um die große Last, unter der sie leiden, zu lindern?
Wir sind alle aufgefordert, uns zu überlegen, was wir tun können.
Einer der Gründe für das lange Schweigen ist die Scham über das ihnen Angetane, die die Opfer sexuellen Missbrauchs oft für den Rest ihres Lebens mit sich tragen. Die große Frage, die sich mir hier stellt, ist: Warum schämen sich die Betroffenen, sich zu melden oder Anzeige zu erstatten? Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen.
Schämen müssten sich vielmehr die Täter. Sie haben Menschen gedemütigt, ihr Leben negativ geprägt. Es kann nicht sein, dass sie ihr bisheriges Leben weiterführen, während die Betroffenen unter ihren Taten leiden. Es muss sich etwas ändern.
Die Unterstützung der Opfer muss zunehmen, sie müssen Möglichkeiten bekommen, ihre Scham abzulegen und ihre negativen Erfahrungen teilen zu können – ohne sich schuldig zu fühlen, weil sie erzählt haben, was mit ihnen gemacht wurde, weil sie sich geöffnet haben. Wir sind alle aufgefordert, uns zu überlegen, was wir tun können, um dafür zu sorgen, dass sich diejenigen schämen, die es wirklich müssen: die Täter.
Die Autorin ist Sozialarbeiterin und Lehrerin an der Lauder Beth-Zion Schule in Berlin.