Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Frank Schmiechen

Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken, wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt

von Frank Schmiechen  12.10.2026 10:19 Uhr

Sie werden es tun. Grüne und SPD sorgen dafür, dass in Berlin eine Partei an die Macht kommt, die Antisemiten in ihren Reihen hat. Die Wähler repräsentiert, die jederzeit Israel abschaffen und sämtliche Juden massakrieren würden, wenn sie es nur könnten.

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken. Wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt. Mir hängt sie inzwischen derartig zum Hals heraus, dass ich sie an dieser Stelle ein für alle Mal zertrümmern möchte.

Natürlich ist diese plumpe Rechtfertigung formal richtig. Deshalb funktioniert sie ja so gut. Kritik an konkreter Politik ist normal. Am normalsten übrigens in Israel. Und in Deutschland haben wir auch Meinungsfreiheit.

Aber es stellt sich die Frage, warum die Linke fast ausschließlich den Staat Israel kritisiert. Es gibt Kriege in aller Welt. Mit weitaus höheren Opferzahlen. Es gibt in sehr vielen Ländern dieser Erde systematische Unterdrückung, klar dokumentierte Kriegsverbrechen und alltägliche Gewalt an Frauen und Mädchen. All das wird ignoriert.

Man hakt sich am liebsten gegen Israel unter.

Was ist mit den Uiguren-Lagern in China, den Massakern und Vertreibungen im Sudan mit weit über 150.000 Toten in der jüngeren Phase und Millionen Vertriebenen? Was ist mit den Hinrichtungen und der Proxy-Kriegsführung des Iran, den syrischen Bürgerkriegstoten unter Assad oder der systematischen Unterdrückung in Nordkorea? Schweigen. Keine wahrnehmbare Kritik von den Linken. Die linke Kritik wird offenbar sehr genau selektiert. Man hakt sich am liebsten gegen Israel unter. Nebenbei bringt das in Berlin inzwischen auch sehr viele Wählerstimmen.

Hat man jemals von den selbsternannten Israel-Kritikern mit ähnlicher Schärfe etwas über die Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, die Geiselnahmen, die Raketen auf Zivilisten und die Nutzung eigener Zivilbevölkerung als Schutzschild gehört? In Wahrheit wird nämlich nicht eine Regierung kritisiert. Man möchte am liebsten diesen Stachel Israel entfernen. Die Linke sehnt sich nach dem Ende eines Landes, das den vielen Menschen in den kaputten Nachbarländern demonstriert, wie Wohlstand, Aufklärung, Gleichberechtigung von Frau und Mann und Freiheit funktionieren. Mit einer blühenden Wirtschaft, die beweist, wie ein funktionierender Kapitalismus Werte für alle schafft.

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Die Schieflage der sogenannten »Regierungskritik« ist auch in den Institutionen spürbar. Die UN-Generalversammlung hat von 2015 bis 2024 173 Resolutionen gegen Israel und 80 gegen alle übrigen Länder zusammen verabschiedet. Für das Jahr 2025 lag das Verhältnis bei 15 zu Israel gegenüber elf für den Rest der Welt. Der Menschenrechtsrat hat seit 2006 112 Resolutionen gegen Israel angenommen. Dagegen stehen 45 zu Syrien, 16 zum Iran und 11 zu Russland. Das, was hier passiert, ist schon lange kein neutraler Menschenrechtsmechanismus mehr, sondern ein politisches und antisemitisches Mehrheitsverhältnis gegen den Feind Israel.

Sharanskys »3D-Test«

Natan Sharansky hat uns drei Kriterien an die Hand gegeben, mit denen man legitime Kritik an der Politik Israels von israelbezogenen Antisemitismus unterscheiden kann.

Woran erkenne ich Antisemitismus?

1. Dämonisierung:  Israel wird als einzigartiges Übel dargestellt. Es werden Nazi-Vergleiche benutzt.

In der Linksjugend wurde der Begriff »Holocaust in Gaza« benutzt. Auf linken Demos hört man »Zionisten sind Faschisten«, »Netanjahu – Adolf Hitler« oder »Israel gleich NS-Staat«.

2. Doppelstandards: An Israel werden Anforderungen gestellt, die an keinen anderen demokratischen Staat gestellt werden.

Das militärische Vorgehen Israels wird auf Parteitagen der Linken mit einer Schärfe und moralischen Absolutheit verurteilt, die die Partei bei Menschenrechtsverletzungen autoritärer Staaten vermissen lässt.

3. Delegitimierung: Das Existenzrecht des jüdischen Staates wird bestritten. Nicht nur das seiner Regierung.

Ende 2025 verabschiedete die Linksjugend mit einer Mehrheit von 70 Prozent einen Antrag, der Israel als »koloniales und rassistisches Staatsprojekt« bezeichnet. Auf der Straße wird »From the River to the Sea« gerufen. Also das Ende Israels und die Vertreibung oder der Tod aller Juden gefordert.

Alle drei Kriterien für Antisemitismus erfüllt. Sorry, liebe Linke, aber mit diesem Wissen kann man Eure plumpen Einlassungen nicht mehr einfach als »Kritik an der Regierung« abtun. Wer gebetsmühlenartig die Formel »Regierungskritik« wiederholt und seine Selektivität der eigenen Betrachtungen nicht erklären kann, agiert ganz klar antisemitisch.

»From the River to the Sea«

Ich frage die Linke und ihre Wähler, die sich über die Kritik an Israel freuen: Welche anderen Regierungen kritisiert ihr mit derselben Hingabe, Frequenz und Schärfe? Akzeptiert ihr Israels Existenzrecht innerhalb sicherer Grenzen? Oder ruft Ihr auf der Demo den mörderischen Schlachtruf: »From the River to the Sea?«

Dann geht es Euch nämlich nicht um Kritik, sondern um die Abschaffung des jüdischen Staates. Und warum gilt Euer Maßstab, den Ihr an die israelische Armee anlegt, nicht für Hamas, Hisbollah oder die sogenannte »Palästinensische Autonomiebehörde«?

Wer darauf immer wieder mit der Erlaubnis zur »Regierungskritik« antwortet, hat seinen eigenen Antisemitismus nicht verstanden.

Der Autor ist Journalist, Berater und Musiker. Er war mehr als 10 Jahre stellvertretender Chefredakteur der »Welt« und Chefredakteur von »Gründerszene«.

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