Philipp Lenhard

Die FAZ, Bibi und die Identitären

Philipp Lenhard, Historiker an der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München Foto: Thomas Hauzenberger

Jüngst haben der »Focus« und die »Frankfurter Rundschau« für das Ergebnis der israelischen Parlamentswahlen den Titel »Der ewige Netanjahu« gewählt. Die Kritik kam schnell, und zumindest die Chefredaktion der FR hat sich für ihre »Geschichtsvergessenheit« entschuldigt.

Doch der Befund der jüngeren Antisemitismusforschung, dass allzu viele Denkmuster, Bilder und eben auch Propagandatexte aus der Nazi-Ära tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind und immer wieder auftauchen, hat sich einmal mehr gezeigt.

Die Formulierung der FAZ legt Assoziationen an die von Neonazis ins Leben gerufene Identitäre Bewegung nahe.

REISSERISCH Nicht nur bei FR und »Focus«. Am 11. April lieferte mit der »Frankfurter Allgemeinen« eine der wichtigsten deutschen Tageszeitungen dafür einen weiteren Beweis. Unter dem reißerischen Titel »Netanjahus Überlebenskampf« fand sich auf der Titelseite ein Kommentar zur Wahl, in dem es hieß, »die identitäre Gegenbewegung zu einer liberalen Weltordnung« habe nun auch Israel erreicht.

Nun mag man von Netanjahu und seinen voraussichtlichen Koalitionspartnern halten, was man will, aber die Formulierung des FAZ-Israel-Korrespondenten Jochen Stahnke legt Assoziationen an die von Neonazis ins Leben gerufene Identitäre Bewegung nahe. So ist es wohl auch zu erklären, dass auch noch das Horst-Wessel-Lied paraphrasiert wird: »Die Reihen im tief gespaltenen Israel haben sich wieder einmal geschlossen, das rechte Lager hat eine klare Mehrheit.«

Auch das Horst-Wessel-Lied wird in dem Zeitungsartikel paraphrasiert.

»Identitäre Gegenbewegung«, »die Reihen fest geschlossen«, »der ewige Netanjahu«: All das zeigt, wie sehr die deutsche Sprache und die deutschen Medien noch heute vom nationalsozialistischen Ungeist geprägt sind, besonders wenn es um die Wahrnehmung Israels geht.

Der Autor ist Historiker an der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Kommentar

Amerikas Israel-Bild hat sich gedreht

Während die Demokraten immer antizionistischer werden, wenden sich auch die Republikaner von der bedingungslosen Unterstützung Israels ab. Das stellt jüdische Wähler und Politiker vor neue Herausforderungen

von Toby Axelrod  04.11.2026

Meinung

Wenn Kritiker zu Feinden erklärt werden

Der ehemalige Linken-Abgeordnete Andreas Büttner ist entsetzt über die Rhetorik auf dem Berliner Landesparteitag: Wer so redet, wolle nicht mehr überzeugen, sondern ausgrenzen

von Andreas Büttner  04.11.2026

Meinung

Alles nur eine böse rechte Kampagne!

Die Spitzenkandidatin der Linken in Berlin offenbart aus Versehen ihre Angst vor dem Umfeld der eigenen Partei – und entlarvt den Vorwurf, Opfer einer Kampagne zu sein

von Wiebke Hollersen  30.10.2026

Meinung

Elif Eralp und die Angst

Die Linken-Politikerin traut sich nicht, Terrorsympathisanten beim Namen zu nennen. Wer nicht einmal die Israelfeinde in den eigenen Reihen bekämpfen kann, kann auch keine Stadt regieren

von Philipp Peyman Engel  29.10.2026

Meinung

Alice Weidel und die AfD-Leaks

Einer Partei, in deren Reihen NS-Verbrechen relativiert werden, dürfen der Schutz jüdischen Lebens und die Pflege der Erinnerungskultur niemals anvertraut werden.

von Michaela Dudley  28.10.2026

Meinung

Wieder ein »kleiner Geländegewinn«

Die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde hat es erneut geschafft, die Regierungsunfähigkeit ihrer Partei zu demonstrieren

von André Anchuelo  28.10.2026

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt heute über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  27.10.2026 Aktualisiert

Essay

Der Druck der Straße: Kann Frankreich seine Juden noch schützen?

Eine Republik, die ihre Rathäuser nicht schützen kann, wird auch ihre Juden nicht mehr lange beschützen können, meint unser Gastautor

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  23.10.2026

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026