Der Krieg gegen das iranische Regime gehört bereits jetzt zu den folgenreichsten geopolitischen Entwicklungen unserer Zeit. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten eröffnet sich die reale Möglichkeit, dass eine der zentralen Quellen von Terror, Stellvertreterkriegen und regionaler Instabilität dauerhaft geschwächt oder sogar beseitigt wird.
Die Auswirkungen dieses Konflikts reichen weit über den Nahen Osten hinaus und berühren grundlegende Fragen der internationalen Sicherheit und der globalen Ordnung. Zugleich hat die Führung in Teheran selbst einen strategischen Fehler von historischer Dimension begangen: Durch ihre Angriffe hat sie eine internationale Staatengemeinschaft zusammengeschweißt, die ihre Sicherheitsinteressen zunehmend gemeinsam verteidigt – darunter Staaten, die bislang nicht Teil eines solchen Bündnisses waren. Gerade im Verhältnis zu Israel entstehen dadurch neue politische Realitäten im Nahen Osten und weit darüber hinaus.
Die Bedeutung dieses Moments wird erst verständlich, wenn man auf die Rolle der Islamischen Republik Iran in den vergangenen Jahrzehnten blickt. Seit mehr als vierzig Jahren ist sie nicht nur eine autoritäre Diktatur, sondern das Zentrum eines weit verzweigten Systems aus Terror, Ideologie und Einflussnahme. Dieses Netzwerk reicht von Libanon, Syrien und Irak über die Golfregion bis zum Jemen und zur strategisch entscheidenden Meerenge von Hormus. Seine Auswirkungen betreffen nicht nur die unmittelbaren Nachbarn Irans, sondern ebenso Staaten wie die Türkei, Zypern oder Griechenland sowie internationale Sicherheitsstrukturen der NATO.
Revolutionsgarden als Rückrat
Das Rückgrat dieses Systems bilden die Revolutionsgarden. Sie sind längst nicht nur eine militärische Eliteeinheit, sondern kontrollieren ein weitreichendes Macht- und Wirtschaftsimperium. Über ein Geflecht aus Firmen, Stiftungen und Schattenstrukturen finanzieren und steuern sie Waffenprogramme, militärische Operationen und internationale Terrornetzwerke.
Darüber hinaus stützt sich Teheran auf ein Netzwerk bewaffneter Stellvertreterorganisationen in der gesamten Region: die Hisbollah im Libanon, Hamas und Islamischer Dschihad in Gaza, schiitische Milizen im Irak und in Syrien sowie die Huthi im Jemen. Über diese Gruppen führt der Iran seit Jahrzehnten Stellvertreterkriege, destabilisiert Staaten und erweitert seinen Einfluss weit über die eigenen Grenzen hinaus.
Gleichzeitig wurden weltweit ideologische und politische Einflussstrukturen aufgebaut – auch in Europa. Ein prominentes Beispiel war das Islamische Zentrum Hamburg mit der sogenannten Blauen Moschee, das lange als eines der wichtigsten iranischen Einflusszentren in Europa galt.
Unübersehbare Realität
Angesichts dieser Strukturen überrascht es nicht, dass Israel vor diesen Gefahren seit Jahrzehnten gewarnt hat. In vielen Hauptstädten wollte man diese Warnungen lange nicht hören. Heute jedoch ist die Realität unübersehbar.
Gerade die Ereignisse der vergangenen Tage haben die wahre Dimension dieser Bedrohung deutlich vor Augen geführt. Die Führung in Teheran hat innerhalb kürzester Zeit dreizehn Staaten angegriffen oder deren Territorium bedroht: Israel, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Jordanien, Irak, Kuwait, Oman, Katar, Aserbaidschan, die Türkei und Zypern sowie internationale Streitkräfte der USA und ihrer Partner in der Region.
Ziel waren nicht nur militärische Einrichtungen, sondern auch zivile Infrastruktur – darunter Energieanlagen, Öl- und Gasraffinerien, Flughäfen, Häfen und internationale Schifffahrtsrouten. Die Strategie war offensichtlich: Durch Angriffe auf zahlreiche Staaten sollte ein regionaler Flächenbrand ausgelöst werden.
Nukleare Dimension
Doch das Gegenteil ist eingetreten: Der Flächenbrand geht allein vom iranischen Machtapparat aus, während sich immer mehr Staaten zusammenschließen, um ihn gemeinsam einzudämmen. Damit entsteht erstmals seit Jahrzehnten eine sicherheitspolitische Konstellation, in der Staaten vom östlichen Mittelmeer über den Irak und die Golfregion bis zur Meerenge von Hormus ihre Verteidigung zunehmend koordinieren.
Vor diesem Hintergrund wird auch die nukleare Dimension der iranischen Aufrüstung deutlich. Ein Staat, der bereits heute mit Raketen, Drohnen und zunehmend auch Hyperschallwaffen ganze Staaten und internationale Infrastruktur angreift, würde mit Atomwaffen eine völlig neue Eskalationsstufe erreichen. Ein nuklear bewaffneter Iran wäre nicht nur eine existenzielle Bedrohung für Israel, sondern ein massives Risiko für die Sicherheit der gesamten Welt.
Genau deshalb ist heute in vielen Hauptstädten klarer als je zuvor, was Israel seit Jahren betont: Ein solcher Staat darf niemals in den Besitz von Atomwaffen gelangen.
Gemeinsame Abwehr
Die Folge ist eine sicherheitspolitische Neuordnung, die noch vor kurzem kaum vorstellbar gewesen wäre. Mehrere arabische Staaten koordinieren ihre Verteidigung mit Israel und den Vereinigten Staaten. Jordanien, Golfstaaten und weitere regionale Akteure beteiligen sich aktiv an der gemeinsamen Abwehr iranischer Angriffe. Selbst Regierungen, die Israel politisch lange kritisch gegenüberstanden, mussten anerkennen, dass die Bedrohung aus Teheran real ist. Auch Deutschland hat klar Stellung bezogen.
Im Libanon wächst gleichzeitig der Druck auf die Hisbollah, deren militärische Infrastruktur zunehmend zerstört wird. Viele Libanesen sehen in der Miliz längst nicht mehr eine Schutzmacht, sondern die Ursache der politischen und wirtschaftlichen Katastrophe ihres Landes. Die Entwaffnung der Hisbollah steht inzwischen offen auf der politischen Agenda. Zwischenzeitlich wurden zudem iranische Revolutionsgarden aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn sie einer Verhaftung entgehen wollen.
Im Irak verlieren proiranische Milizen zunehmend an Einfluss. Zugleich koordinieren sich kurdische Kräfte enger mit westlichen und regionalen Partnern und könnten bei weiteren militärischen Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen. Der zuvor von der Hamas sabotierte Normalisierungsprozess zwischen Israel und Saudi-Arabien gewinnt wieder an Dynamik. Was mit den Abraham-Abkommen begann, könnte sich zu einer weitreichenden Partnerschaft entwickeln.
Einschnitt von historischer Dimension
Strategisch würde der Sturz des iranischen Regimes einen Einschnitt von historischer Dimension darstellen. Doch selbst wenn dieser Schritt nicht unmittelbar erfolgt, wird die massive Schwächung des Regimes bereits tiefgreifende Folgen haben. Hamas, Hisbollah und die Huthi verdanken ihre militärische Schlagkraft in entscheidendem Maße der Finanzierung, Bewaffnung und logistischen Unterstützung aus Teheran. Je stärker das iranische Machtzentrum unter Druck gerät, desto stärker geraten auch diese Strukturen ins Wanken. Auch das wirtschaftliche Netzwerk der Revolutionsgarden – ein globales System aus Schattenfirmen, Schmuggelrouten und ideologischen Milizen – wird durch diese Entwicklung nachhaltig geschwächt.
International zeichnet sich bereits eine neue Realität ab. Russland hält demonstrativ Abstand und erklärt, dieser Krieg sei nicht der seine. China agiert auffallend vorsichtig. Der Iran steht zunehmend isoliert.
Gleichzeitig richtet sich der Blick stärker auf die Menschen im Iran selbst. Die Verbrechen der Führung gegen die eigene Bevölkerung sind seit Jahren dokumentiert: systematische Unterdrückung von Frauen, brutale Repression gegen Proteste sowie Massenverhaftungen, Folter und Hinrichtungen. Unter den Opfern befinden sich immer wieder auch Minderjährige. Berichte legen nahe, dass selbst Verwundete in Krankenhäusern exekutiert wurden.
Krieg gegen die eigene Bevölkerung
Diese Führung führt nicht nur Kriege nach außen – sie führt seit Jahrzehnten auch Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen dem Regime und dem iranischen Volk zu unterscheiden. Vor der islamischen Revolution von 1979 waren Israel und Iran enge Partner. Viele Iraner erinnern sich daran. Das Problem war nie das iranische Volk – sondern die Führung, die das Land seit Jahrzehnten beherrscht.
Der strategische Fehler Teherans hat eine Entwicklung ausgelöst, die weit über diesen Krieg hinausreicht. Staaten, die über Jahrzehnte getrennt waren, arbeiten plötzlich zusammen, und regionale Rivalitäten treten zunehmend hinter gemeinsamen Sicherheitsinteressen zurück. Was als Versuch gedacht war, einen regionalen Flächenbrand auszulösen, hat in Wirklichkeit eine internationale Allianz entstehen lassen, die genau diesen Brand eindämmt.
Die Ereignisse dieser Tage könnten damit den Beginn einer neuen sicherheitspolitischen Ordnung im Nahen Osten markieren. Selbst wenn das Regime in Teheran nicht unmittelbar zusammenbricht, hat dieser Konflikt seine militärischen Strukturen, seine regionalen Einflussmöglichkeiten und sein Netzwerk aus Stellvertreterorganisationen bereits erheblich geschwächt. Die Folgen werden weit über das Ende dieses Krieges hinaus spürbar bleiben.
Gleichzeitig richtet sich der Blick zunehmend auf die Menschen im Iran selbst. Seit Jahren kämpfen viele von ihnen unter großen persönlichen Risiken für Freiheit, Würde und politische Selbstbestimmung. Sollte das Regime durch diesen Krieg dauerhaft geschwächt werden, könnte genau dort der entscheidende Impuls für einen politischen Wandel entstehen.
Die Hoffnung bleibt, dass eines Tages nicht nur die militärische Macht des Regimes gebrochen wird, sondern auch seine Herrschaft über die iranische Gesellschaft endet. Ein freierer Iran hätte das Potenzial, die politische Landschaft der gesamten Region grundlegend zu verändern und neue Perspektiven für Kooperation, Stabilität und Frieden zu eröffnen.
So könnte dieser Konflikt rückblickend nicht nur als ein weiterer Krieg in einer konfliktreichen Region erscheinen, sondern als ein historischer Wendepunkt – der Moment, in dem eine Ordnung zu zerbrechen begann, die den Nahen Osten über Jahrzehnte in Terror, Stellvertreterkriegen und Instabilität gefangen gehalten hatte, und in dem gleichzeitig die Voraussetzungen für eine neue Epoche entstanden.
Der Autor ist Vorsitzender des Vereins »Honestly Concerned«.