Meinung

Antisemitische Scheinheiligkeit im Kulturbetrieb

BDS-Anhängerin Sally Rooney Foto: imago/Matrix

Meinung

Antisemitische Scheinheiligkeit im Kulturbetrieb

Sally Rooney klagt in einem neuen Boykottaufruf Israel an, schweigt aber zu Unrechtsregimen wie dem in China

von Jacques Abramowicz  31.10.2024 15:39 Uhr

Es ist traurig, immer wieder beobachten zu müssen, dass sich die Kunstszene stets aufs Neue sowohl antisemitischer als auch anti-israelischer Anfeindungen bedient, ohne aber jemals auf irgendein anderes Leid oder eine andere Ungerechtigkeit weltweit hinzuweisen. Die Verfolgung der Uiguren in China? Fehlanzeige. Das Apartheidregime der Taliban gegen Frauen in Afghanistan? Ohrenbetäubendes Schweigen. Sudan, Syrien, Jemen? Auch dort ist anscheinend alles in Ordnung. Diese Liste ließe sich beliebig fortführen.

Der neueste Aufruf zum Boykott, unterschrieben von mehr als 1000 Schriftstellerinnen und Schriftstellern, wird von Sally Rooney, Rachel Kushner und Arundhati Roy angeführt. In diesem verpflichten sich die Unterzeichner, israelische Kulturinstitutionen zu boykottieren, mit der Begründung, diese machten »sich an der Unterdrückung der Palästinenser mitschuldig« oder seien »stille Beobachter geblieben«.

Anscheinend muss das auch für alle linken israelischen Einrichtungen gelten, die sich schon seit Langem gegen Netanjahu und für den Frieden einsetzen ebenso wie arabisch-israelische Institutionen. Dass es bei dem jüngsten Boykottaufruf nicht um Menschenrechte geht, müsste jedem spätestens dann bewusst werden, wenn er sich vor Augen führt, dass Sally Rooney ihr drittes Buch 2021 zwar nicht ins Hebräische übersetzen lassen wollte, jedoch kein Problem damit hatte, dass es in chinesischer Sprache erscheint.

Antisemitismus darf sich nicht hinter der Kunstfreiheit verstecken

Der Antisemitismus in der Kulturszene hat eine lange Tradition: sei es direkter Antisemitismus, wie auf der letzten documenta zu erleben, oder in Form von »Israelkritik«, wie auf der Berlinale oder in der Rede von Arundhati Roy, als sie mit dem Pinter-Preis des englischen PEN-Clubs ausgezeichnet wurde.

Sobald es jedoch einen Vorstoß gibt, Antisemitismus nicht mehr mit öffentlichen Geldern zu fördern, wird der Ruf nach der Kunstfreiheit laut. Hier hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die Kunstfreiheit weder anderen Grundrechten entgegenstehen noch mit dem Mittel der Kunst zu Körperverletzung aufrufen darf. Das heißt: Niemand soll sich hinter der Kunstfreiheit verstecken können, um seinem Antisemitismus oder der Diskriminierung von Minderheiten freien Lauf zu lassen.

Wie würde die Gesellschaft reagieren, wenn sich jemand künstlerisch über Schwarze, Muslime oder die LGBTQ+-Community hermachen würde? Es gäbe einen Riesenaufschrei, und das zu Recht. Nur wenn es um Juden und Israel geht, hat man es nicht nur mit Empathielosigkeit, sondern auch mit Doppelstandards zu tun.

Wir Juden haben ein Problem. Unsere Demokratie hat ein Problem. Und wir alle sind gefordert, wenn es darum geht, diese antisemitische Scheinheiligkeit nicht länger zu dulden.

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht« über ihre Sorgen um die Demokratie und den Aufstieg rechter Parteien. Zu sehen sind Ausschnitte der Interviews auch im Nachtprogramm der ARD

 19.01.2026

Smartphones

Leben statt Bildschirm

Nach seinem Burnout will der Autor Jacob Weizman über die Gefahren übermäßiger Handy-Nutzung aufklären

von Leon Stork  19.01.2026

Europäische Mini-Tour

Paul Simon gibt zwei Konzerte in Berlin

Der 84-jährige Künstler tritt auch in Prag, Paris und anderen Städten auf. Tickets werden bereits angeboten – zu dreistelligen Preisen

 19.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  19.01.2026

Vorwürfe

Kritik an Gil Ofarim: Jetzt äußert sich sein Bruder

Erstmals meldet sich nun Tal Ofarim zu Wort

 19.01.2026

Potsdam

Zentrum für Jüdischen Film geplant

Diese Einrichtung werde an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf aufgebaut, sagt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD)

von Yvonne Jennerjahn  19.01.2026

Frankreich

Undercover bei Israelfeinden

Für ihr Buch »Die neuen Antisemiten« recherchierte die französische Journalistin Nora Bussigny nach dem 7. Oktober in Aktivistengruppen und bei Demonstrationen

 19.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  19.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 18.01.2026