Porträt

Zwischen Konzert und Kino

Der Dokumentarfilmer Daniel Kutschinski verbindet in seinem Streifen »4« seine beiden großen Leidenschaften

von Katrin Diehl  17.05.2016 14:07 Uhr

Dokumentarfilmer Daniel Kutschinski Foto: Christian Rudnik

Der Dokumentarfilmer Daniel Kutschinski verbindet in seinem Streifen »4« seine beiden großen Leidenschaften

von Katrin Diehl  17.05.2016 14:07 Uhr

Daniel Kutschinski sagt von sich, er sei ein »glücklicher Mensch«. Und ergänzt sofort: »was Leid nicht ausschließt«. Daniel Kutschinski ist ein Filmemacher, der seit 15 Jahren keinen einzigen Film mehr gedreht hat. Er ist ein Cineast, der häufiger in Konzerte als in Kinos geht. Sein Leben folgt keinem Programm. Seine Sprache ist so klar wie seine Stimme und sein Blick. Er will verstanden werden. Deshalb macht er viele Denkpausen, er nimmt sich das Recht auf Zeit.

Kutschinski ist Jude und sagt, »das Judentum ist meine Identität, aber ich definiere mich nicht als Jude«. Und er behauptet von sich, kein sehr religiöser Mensch zu sein: »Ich glaube nicht an Religionen.« Dann präzisiert er: »Ich könnte mich in vielen Religionen zu Hause fühlen.« Kutschinski umwandert alle Fragen wie Dinge und beantwortet sie mehrfach, je nach neuer Blickrichtung. Widersprüche sind bei ihm Aussagen. Der Glückliche leidet an der Oberflächlichkeit, der man nicht entkommt. »Kleine bis mittelgroße Grausamkeit«, nennt er sie.

Filmhochschule Geboren wurde Daniel Kutschinski 1966 in München. Dort studierte er an der Filmhochschule, »der HFF«. Bis heute ist die Stadt sein Lebensmittelpunkt. Kleine Grausamkeiten gibt es auch hier, wie die »Zwangsbeschallung« in den U-Bahnhöfen. »Ich finde das menschen- und musikverachtend. Fast eine Beleidung«, sagt Kutschinski. Dieser Sturm der Entrüstung hat mit seiner Nähe zur Musik zu tun. Als Kind umgab ihn und seine Geschwister Salek und Margalit viel Musik. Die Mutter hatte in Santiago de Chile Klavier studiert, in den freien Minuten spielte Vater Samuel Fagott, »was für mich und für uns alle damals wie die jüdische Seele klang«. Man lernte, auf bestimmte Stellen in Musikpartituren wie auf bestimmte Sätze in der Tora zu achten. »Als Kind war für mich alles durchtränkt, war alles irgendwie eins, auch das Judentum und die Musik.«

Nach 15 Jahren hat Daniel Kutschinski endlich wieder einen Film gedreht. 4 lautet der knappe Titel. Es ist Kutschinskis erster längerer Streifen und porträtiert das französische Streichquartett »Quatuor Ébène«. Für die vier französischen Musiker hatte sich Kutschinski so begeistert, dass er ihren Auftritten nachgereist ist. Gemeinsam rauchend hatten sie vor den Konzerten Gespräche geführt. Gemeinsam reisten sie von Regensburg nach München. Man redete, man trank zusammen Bier, man freundete sich an.

Lebensbedingungen Und der Filmemacher versteht, dass es da etwas zu zeigen gibt, einen eigenen Kosmos, in dem vier Menschen über die Musik zu einer Art Familie zusammengeschweißt werden. »Immer eng beieinander, im Flugzeug, im Restaurant, im Konzert, bei den Proben, die echte Familie nur über Skype erreichbar.« Viele Quartette zerbrechen an diesen fordernden Lebensbedingungen. Die »Ébènes« stehen aber für ein Gesellschaftsmodell, das über Musik funktioniert. Und zwar nachhaltig.

Ende vergangenen Jahres zeigte er 4 als Weltpremiere in Los Angeles beim dortigen Dokumentarfilmfestival DOCLA. Als »Best Documentary« wurde dem Film prompt der Hauptpreis zuerkannt. Im Januar darauf folgte in Helsinki beim DocPoint seine Europapremiere. Beim DOK. fest in München wurde er insgesamt dreimal in verschiedenen Spielstätten gezeigt. Und dennoch führe sein Film im Moment ein »eher bitteres Leben«. Kein Sender wollte seinen Film »über das vielleicht berühmteste Streichquartett der Welt« mitproduzieren. Dann »hat sich bis heute leider noch kein Sender gefunden, der den Film zeigen will«.

Der Filmemacher klagt an: »Es ist traurig, erschütternd, skandalös, dass öffentlich-rechtliche Sender, die wir bezahlen und die einen Kulturauftrag haben mich wissen lassen – Originalton: ›Das ist ja Hochkultur! Ein Ausschlusskriterium!‹«

Widmung
Der Film über das französische Streichquartett ist Elli gewidmet. Hätte es Eleonora Osterbauer nicht gegeben, wäre vielleicht auch dieser Film nie entstanden. Elli ist 2010 gestorben und hat dem Filmemacher »eine bedeutende Summe« vererbt. »Damit wollte ich etwas machen, das einen Mehrwert erzeugt.«

Elli war schon hochbetagt, als Kutschinski sie kennenlernte. Sie erblindete nach und nach und starb. Kutschinski hat sie sieben Jahre im Leben und beim Sterben begleitet. »Zunächst sollte ich nur ihr Vorleser sein. Aber es ist ganz schnell mehr daraus geworden.« Irgendwann war er alles. »Ich war ihr Lebensmittelpunkt und sie meiner. Es war eine große Liebe.«

Er konnte das. Seit etwa 17 Jahren arbeitet Kutschinski in der Schwerbehinderten Assistenz. Er hilft einem »tollen jungen Menschen«, einem Historiker, in seinem Arbeitsalltag, leistet Nachtdienst in einer therapeutischen Wohneinrichtung der Katholischen Männerfürsorge. Daniel erzählt seiner Elli von den vier Streichern, spielt ihr Aufnahmen vor. Teilt mit ihr die Liebe zu ihnen.

streicher Den Streichern erzählt er von Elli. Und eines Tages fragt ihn Pierre, der Geiger: »Und wie geht es Elli?«, und Kutschinski antwortet: »Elli ist vor zwei Wochen gestorben, und mein Leben steht Kopf.« Pierre fragt: »Was willst du tun?« Kutschinski antwortet ihm: »Ich will einen Film mit euch machen.« Pierre sagt: »Davon träume ich schon seit Jahren, dass jemand unser Leben zeigt, wie es wirklich ist.«

So gleitet Daniel Kutschinski von einer zur nächsten Geschichte. Oft denkt er, »das ist einen Film wert«. Aber die Entscheidung, wirklich etwas zu machen, ist »eine Entscheidung für Jahre«. In Kutschinski ruht das Glück. Er ist voller Geheimnisse. Aber damit ist er nichts Besonderes. »Letztlich ist alles ein Geheimnis. Überall steckt etwas Göttliches. Das so zu betrachten, ist meine Religiosität.«

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