Vladimir Jurowski

Zurück nach Berlin

»Man tue, was getan werden muss, dann geschehe, was geschehen soll«: Vladimir Jurowski Foto: imago

Vladimir Jurowski

Zurück nach Berlin

Die Wahl zum neuen Chefdirigenten des Rundfunk-Sinfonieorchesters hat überrascht – und ist doch folgerichtig

von Axel Brüggemann  19.10.2015 23:10 Uhr

Er wollte partout nicht nach Berlin. Jedenfalls noch nicht damals. Nicht mit 17 Jahren – da waren ihm die russischen Freunde wichtiger, das Leben in den Straßen von Moskau. Aber Vladimir Jurowski musste umziehen. Sein Vater, der Dirigent Michail Jurowski, wollte die Sowjetunion verlassen: Semperoper statt Moskauer Fernsehorchester, Komische Oper in Berlin statt Bolschoi – und irgendwann wollte er weiter in den Westen.

Nun, 26 Jahre und ein Verhandlungs-Hickhack später, ist klar: Vladimir Jurowski kommt erneut nach Berlin. Dieses Mal ganz freiwillig. 2017 wird er Marek Janowski als Chefdirigenten des Rundfunk-Sinfonie Orchesters Berlin (RSB) ablösen. In der Klassikszene sorgte die Personalie für große Überraschung.

gefragt Immerhin konnte das in den Medien zu Unrecht vernachlässigte Orchester mit dem 43-jährigen Jurowski einen der gefragtesten jungen Dirigenten an sich binden. Und das, obwohl er seinen Job als Kapellmeister an der Komischen Oper bereits vor Jahren für die Leitung der Festspiele in Glyndebourne aufgegeben hatte und als Chefdirigent der London Philharmonics ein international gefragtes Ensemble leitet.

Doch Berlin ist zeitlebens Dreh- und Angelpunkt seiner Familie geblieben, was auch ein Grund dafür ist, dass er den Job angenommen hat. Vater Michail, der bei seiner Flucht aus dem Osten nur einen Koffer voller Partituren retten konnte, hat vor einigen Jahren einen ganzen Wohnkomplex in Spandau bezogen, in dem auch seine Kinder zu Hause sind. Bei den Jurowskis steht die Familie im Vordergrund. Vladimirs jüngerer Bruder, Dimitri, ist ebenfalls Dirigent, seine Schwester Maria Musiklehrerin.

An den Spandauer Holzregalen, in denen der Vater seine Partituren fein säuberlich aufbewahrt, hängt seit einiger Zeit auch ein Poster seines Sohnes, das Vladimir mit langen Haaren, aufgerissenen Augen und erhobenem Taktstock vor seinem Londoner Orchester zeigt: »In letzter Zeit war er mehr in der Welt unterwegs als hier bei uns«, sagt Vater Michail.

Publikum Das wird sich nun ändern. Natürlich reizt Vladimir Jurowski auch die musikalische Tradition der Hauptstadt. »Das RSB ist ein Klangkörper in glänzender Verfassung«, freut er sich. »Ich möchte die Errungenschaften wahren, neue Höhen anstreben, das Repertoire des RSB erweitern und mit neuen Formen der Kommunikation auf das Publikum zugehen.«

Wie all das konkret aussehen könnte, hat Jurowski schon bei seinem letzten Konzert mit dem RSB gezeigt: Damals dirigierte er mit bedrückender Klarheit die dritte Sinfonie von Alfred Schnittke, dessen Kompositionen in der Sowjetunion unter Generalverdacht standen. Für Jurowski ist Musik existenziell, eine lebenswichtige Frage. Diese Erkenntnis hat er sich bei seinem großen Vorbild Leonard Bernstein abgeschaut. Dessen Zugang zur Musik und seine Offenheit gegenüber jedem Publikum will Jurowski auch beim RSB pflegen.

»Außerdem war Bernstein für mich immer auch eine Erinnerung an die eigene jüdische Tradition unserer Familie«, sagt der Dirigent. »Auch wenn damals in Moskau Religion kaum eine Rolle spielte für uns, außer wenn wir mit dem allgegenwärtigen Antisemitismus konfrontiert wurden.« Ach ja, und dann, wenn seine Großmutter Dinge zu sagen hatte, die der Enkel nicht verstehen sollte: Dann sprach sie Jiddisch.

Jüdischsein Inzwischen sucht Jurowski bewusster nach seinen eigenen Wurzeln, ganz besonders bei Gustav Mahler. Seinem Londoner Publikum erklärte er jüngst: »Für Mahler war das Jüdischsein lebenslang eine Last, er wollte seine Religion immer hinter sich lassen. Aber seine Musik wäre nicht die gleiche gewesen, wenn er nicht Teil dieser damaligen Diasporakultur gewesen wäre.«

Jurowski selbst geht entspannt mit der Religion um. 2012 war er zum ersten Mal in Israel, da erregte er Aufsehen, als er während eines Luftalarms in Tel Aviv eine Aufführung von Tschaikowskis Oper Pique Dame einfach weiter dirigierte. Rein zufällig dirigierte er auch am 11. September in New York und am Tag des U-Bahn-Anschlags 2005 in London. Als die FAZ ihn dazu befragte, zitierte er lapidar Tolstoi: »Man tue, was getan werden muss, und dann geschehe, was geschehen soll.«

Vielleicht war die Zusage beim RSB auch etwas, das Jurowski einfach tun musste. Bei genauem Hinsehen passt er perfekt zu dem Orchester. Seine Begabung, die Musik als Notwendigkeit des Ausdruckes zu vermitteln, seine Fähigkeit, die eigene Begeisterung zu teilen, wird Berlin guttun. Bereits unter Janowski hatte sich das RSB zu einem dynamischen Orchester gewandelt. Mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren und einem Frauenanteil von 30 Prozent zählt es zu den jüngsten und inspirierendsten Klangkörpern der Hauptstadt.

Jurowski war wohlgemerkt der unangefochtene Wunschkandidat der Musiker. Mit ihm kann sich das Ensemble nun durch ein ausgefallenes Repertoire und eine neue Nähe zum Publikum als bodenständiges Orchester zum Anfassen zwischen Staatskapelle und Philharmonikern positionieren. Die Grundsteine sind gelegt – jetzt muss nur noch geschehen, was geschehen soll.

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