»Faces of Jerusalem«

Zu viel Hoffnung?

Herlinde Koelbl Foto: dpa

Die Werke sollten eine schöne Seite Jerusalems zeigen: die Koexistenz zwischen Arabern und Juden. Begegnungen bei der Arbeit, im Krankenhaus, in der Freizeit, beim Klettern oder im Wohnzimmer. Aber reicht das, um die Gesichter Jerusalems, die Faces of Jerusalem, darzustellen? Oder ist Jerusalem, im Mittelpunkt des Konflikts, nicht viel mehr als das?

Es waren Fragen, über die sie am Ende der Ausstellungseröffnung heftig diskutierten: die preisgekrönte Fotografin Herlinde Koelbl, die für diese Schau zum 50. Jubiläum der Jerusalem Foundation fotografiert hatte, und Said Abu Shakra, Künstler und Gründer der Galerie Umm El-Fahem, der am Eröffnungsabend eigent- lich nur über das Thema »Kunst als Katalysator des sozialen Wandels« sprechen sollte. Es sei Schönfärberei, meinte er, Araber und Juden beim fröhlichen Beisammensein zu fotografieren, als sei alles heile Welt. Ja, es gebe diese Lichtblicke, doch es gebe auch viele Schattenseiten.

Gaza Herlinde Koelbl aber hatte sich bewusst für diese hellen Seiten entschieden – obwohl sie die dunklen nicht leugnet. Koelbl, eine der renommiertesten deutschen Fotografinnen, war zuvor schon einige Male in Israel unterwegs und kennt die Probleme. »Ich habe bereits während der ersten Intifada fotografiert, das war eine tiefgehende Erfahrung, ich war in Gaza, in Nablus und Jerusalem«, erzählte sie.

Seit den 70er-Jahren widmet sie sich vor allem Langzeitprojekten, oft interviewt sie die Porträtierten auch. Daraus entstanden mehr als 20 Fotobücher. Für die Jüdischen Portraits, erschienen 1989, war sie zum ersten Mal in Israel unterwegs. Damals, erzählt sie, seien Freundschaften entstanden, die sie auch aus privaten Gründen wieder in dieses Land gebracht hätten.

»Die Situation ist schwierig«, sagte Herlinde Koelbl am Abend der Ausstellungseröffnung. »Auf beiden Seiten gibt es Wunden, schlimme Erfahrungen und schlechte Erinnerungen.« Die Bilder, die nun noch bis Ende des Jahres im Internationalen Kulturinstitut Mishkenot Sha’ananim ausgestellt sind und demnächst auch in Deutschland gezeigt werden, wirken da eher wie ein Hoffnungsschimmer – wie einige der dargestellten Projekte selbst, das »Good Neighborhood Project« in Abu Tor zum Beispiel.

Hochzeiten Das dazugehörige Bild zeigt David Front im Wohnzimmer von Ahmad Muhamed Ghazawy und seiner Frau. Alle zwei Wochen kommen in Abu Tor jüdische und arabische Familien zusammen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Seit zwei Jahren gibt es das Projekt, inzwischen besucht man sogar die Hochzeiten der anderen. »Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Beitrag zur Veränderung.«

Wie Herlinde Koelbl an diesem Abend, so müssen sich auch manche der Porträtierten oft den Vorwurf der Schönfärberei anhören, Eliyahu McLean und Haj Ibrahim Ahmad Abu El-Hawa zum Beispiel. Die beiden kamen gemeinsam zur Eröffnung: McLean, ein Mann mit Kippa, langem Bart und Schläfenlocken, Abu El-Hawa mit traditionellem langem Gewand und rotem Palästinensertuch. Die beiden leiten gemeinsam interreligiöse Projekte und Treffen. »Wir sind alle Kinder von Abraham, Sarah und Hagar, und deshalb lieben wir einander«, heißt es im Zitat von Abu El-Hawa neben dem Foto.

Kritik wie die an den Bildern von Herlinde Koelbl kennen sie – von allen Seiten. Sowohl von ganz rechten Extremisten, so Eliyahu McLean – schließlich würden sie ignorieren, dass Steine geworfen werden und es Terror gibt. Aber auch von linken Menschenrechtsorganisationen, die beklagen, mit ihrer Arbeit hätten die beiden noch keinen Checkpoint bekämpft, geschweige denn »die Besatzung beendet«.

Und von arabischer Seite hören sie den Vorwurf der »Normalisierung«: Man könne keine normalen Beziehungen zu Juden eingehen, solange es die Besatzung gibt. »Aber das hier sind Bilder der Hoffnung, sie sind Inspiration«, betont McLean. Und genau das sollen sie auch sein.

Herlinde Koelbl: »Faces of Jerusalem«. Dwek Galerie im Mishkenot Sha’ananim, Jerusalem. Bis 17. Dezember

www.mishkenot.org.il

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