»Von Gal Gadot bis Golda Meir«

Zions Heldinnen

Gal Gadot (l.) verkörpert das Ideal der »schönen Israelin«; Golda Meir war von 1969 bis 1974 Israels Regierungschefin. Foto: imago images

Tausendundeine Zigarette rauchen sie während des inoffiziellen Interviews: die beiden Fernsehreporter und Golda Meir, die, zu ihrem Argwohn, von nicht wenigen als »einziger Mann in der Knesset« bewundert wurde. »Das Aufnahmegerät ist aus«, garantieren die Interviewer immer wieder, während Meir mit feinem Humor von sich und ihren Jahren als israelische Premierministerin erzählt. Sie konnte nie einen Traum zu Ende träumen, erinnert sie sich, weil das Telefon neben ihrem Bett sie nachts regelmäßig mit schlechten Nachrichten aus dem Schlaf riss.

Das Regietrio Shani Rozanes, Udi Nir und Sagi Bornstein haben das 1978 geführte, nie veröffentliche Interview mit der »Mutter der Nation«, wie Golda Meir auch genannt wurde, aus den israelischen Fernseharchiven hervorgeholt.

Golda Es ergänzt ihren Dokumentarfilm Golda, der ein differenziertes Bild der rüstigen Frau zeichnet, um eine persönliche Note. Vieles klingt an in dem Porträt: ihre jungen Jahre in der Ukraine, ihre Zeit in den USA, ihr Wirken bei der israelischen Staatsgründung und vor allem ihre Zeit als Regierungschefin von 1969 bis 1974, in die der Abnutzungskrieg zwischen Israel und Ägypten, das Olympia-Attentat von 1972 und der Jom-Kippur-Krieg von 1973 fielen.

Der Dokumentarfilm bildete nun den gelungenen Auftakt des vom Zentralrat der Juden ausgerichteten Filmseminars »Von Gal Gadot bis Golda Meir – Frauen im israelischen Kino«, das vom 8. bis 10. Juni in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt stattfand.

Meir sei bis heute eine kontroverse Persönlichkeit, so Julie Grimmeisen, akademische Leiterin im israelischen Generalkonsulat München, in ihrem Einführungsvortrag. Auch die Tatsache, dass sie als Frau ein damals männlich konnotiertes Amt bekleidete, eröffnet Diskursräume. »Wie kann es sein, dass es keine Gleichberechtigung in der Politik gibt, obwohl es mit Golda eine frühe Premierministerin gab?«, fragte die Wissenschaftlerin sogleich. Feministisch habe Meir nicht gedacht und sich auch nicht für Frauenrechte eingesetzt.

knesset Grimmeisens Vorrednerin, die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir, sprach die Probleme der mangelnden Gleichberechtigung ebenfalls an. Frauen verdienten weniger, kümmerten sich um die »Care-Arbeit« und seien nach wie vor in Management-Positionen und in der Politik unterrepräsentiert, in der Knesset säßen gerade einmal 35 Prozent Frauen. Für ihr eigenes Konsulat in München stellte sie stolz fest: »We are mostly women!«

An drei Tagen widmete sich das Seminar, eine Kooperation zwischen Zentralrat und dem Münchner Generalkonsulat, der Rolle der Frau im israelischen Kino. Ini­tia­tor Doron Kiesel fasste das Anliegen wie folgt zusammen: »Wir werden uns auf dieser Tagung mit filmwissenschaftlichem und soziologischem Blick unserem Sujet nähern und schauen uns über die Perspektive der Frauen an, wie die israelische Gesellschaft tickt.«

»Wie kann es sein, dass es keine Gleichberechtigung in der Politik gibt?«

Julie Grimmeisen

Gesagt, getan. Die insgesamt sechs gezeigten Filme und die begleitenden Vorträge und Diskussionen widmeten sich verschiedenen Facetten weiblicher Repräsentation im israelischen Kino und deren Wandel: von Zeiten, als eine erste weibliche Arbeiterbewegung um Gleichberechtigung bei der Arbeit kämpfte, bis ins Israel der Gegenwart.

Ersteres veranschaulichte Grimmeisen mit einem Ausschnitt aus dem Film Land of Promise von 1935, in dem Frauen mit Hemd und Hose in einem Kibbuz bei der Landarbeit zu sehen sind. Damals stellte sich, so die Wissenschaftlerin, ein »sozialistischer Zionismus gegen religiöse Kräfte«, wobei die im Film dargestellte Gleichberechtigung doch etwas idealisiert sei. Frauen durften nicht alle Arbeiten verrichten und waren für Erziehung und Haushalt zuständig.

kämpfe Passend dazu handelt Michal Aviads Film Working Woman von einer Frau, die nicht dem Idealbild der klassischen Mutter entsprechen will und bei ihren Karriereambitionen zwischen einem übergriffigen Chef und der Familie zerrieben wird. In Beetween von Maysaloun Hamoud erzählt die Geschichte dreier Palästinenserinnen in Tel Aviv und beschäftigt sich mit der Außenseiterstellung arabischer Frauen in Israel.

Der international wohl bekannteste Film des Seminars, Patty Jenkins’ Wonder Woman aus dem Jahr 2017, zugleich der einzige nicht-israelische Film im Programm, diente als Referenz für das Ideal der »schönen Israelin«, hier im Superheldinnengewand. Mit Gal Gadot wurde die kämpfende Amazone von einer ehemaligen Miss Israel gespielt.

Mit dem Film Zero Motivation wurde der Fokus auf Frauen im Militär gesetzt. In der schwarzen Komödie erzählt Talya Lavie vom langweiligen Alltag der Soldatinnen: Behördenkram zwischen Kaffeekochen, Computerspielen und patriarchalen Strukturen. Gleichberechtigung gab es beim Militär lange nicht. Frauen wurden zwar eingezogen, durften aber nicht in Kampfeinheiten dienen. Geändert habe sich das erst in den 90er-Jahren, nachdem eine Frau erfolgreich mit dem Argument geklagt hatte, dass dies der Gleichberechtigung widerspreche, so Grimmeisen. Seither wachse der Anteil kämpfender Soldatinnen.

Wandel Intensiv auch Get – Der Prozess der Viviane Amsalem der Geschwister Shlomi und Ronit Elkabetz: ein Kammerspiel um eine Frau, die um ihre Freiheit kämpft. Viviane, zurückhaltend intensiv von Ronit Elkabetz gespielt, will sich von ihrem Mann, von dem sie getrennt lebt, scheiden lassen. Dafür braucht sie aber sein Einverständnis, das er ihr nicht geben will.

Das Regieduo erzählt von einem wunden Punkt, denn in Israel gibt es keine zivile Ehe auf gesetzlichen Grundlagen, sondern nur die religiöse. Für Eheschließungen und Scheidungen ist immer die jeweilige religiöse Gemeinschaft zuständig, eine Scheidung kann ohne die Zustimmung des Mannes nicht vollzogen werden. Aus diesem Grund, so Grimmeisen, werden viele Ehen heutzutage im Ausland geschlossen.

Das Seminar veranschaulichte einen gesellschaftlichen Wandel, der sich in der kinematografischen Repräsentation niedergeschlagen hat. Viel hat sich getan, doch gibt es leider nach wie vor zu viele reaktionäre Köpfe, die diesen Satz aus Golda Meirs Biografie für voll nehmen: »Men don’t like smart Girls.«

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