Doku

Zensur oder Wurstigkeit?

Für ihren Film haben Joachim Schroeder und Sophie Hafner in mehreren Ländern gedreht, um moderne antizionistische Ressentiments zu zeigen. Foto: PR

Das Urteil der Experten könnte klarer nicht sein. »Die Sache stinkt zum Himmel!«, findet der Berliner Historiker und Antisemitismusexperte Götz Aly. »Wer die Ausstrahlung der Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner über Antisemitismus verhindert, begeht Zensur – sei es aus Wurstigkeit, Feigheit oder ›antizionistischem‹ Ressentiment.«

Ganz ähnlich sieht es der Publizist Michael Wolffsohn – und appelliert in seinem Gutachten eindringlich an die TV-Sender Arte und den Westdeutschen Rundfunk (WDR), die den Film unter Verweis auf nicht eingehaltene Absprachen und inhaltliche Fehler abgelehnt hatten. »Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich hochaktuelle und wahre Dokumentation zu diesem Thema, die ich seit Langem gesehen habe«, sagt Wolffsohn.

Und die renommierte Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel schreibt: »Aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung spiegeln die in diesem Film präsentierten Fakten zur aktuellen Judenfeindschaft sehr genau die Lage wider.« Die Ausstrahlung der Dokumentation im Fernsehen könne helfen, dem ansteigenden Antisemitismus in Europa durch Aufklärung im besten Sinne entgegenzuwirken.

Gutachten Drei Experten und drei Gutachten, die an Deutlichkeit nichts vermissen lassen: Der Film deckt sich mit den Fakten, ist aktuell und sollte unbedingt gezeigt werden.

Doch die Dokumentation Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa wird bis auf Weiteres nicht auf Arte gezeigt werden. Die Geschichte, wie es zu der Entscheidung gekommen ist, liest sich wie ein Lehrstück darüber, wie schwierig es als Journalist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden kann, die wirklichen Ausmaße des Judenhasses klar zu benennen.

Gedreht wurde die Dokumentation 2015 im Auftrag von Arte von den beiden Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner. Zuständig für den Film war die Arte-Redaktion beim WDR. Vertragsgemäß lieferten die Autoren ihr Werk im Dezember 2016 bei der zuständigen WDR-Redakteurin Sabine Rollberg ab, die den Film bis heute energisch verteidigt. Nach Ansicht der vielfach ausgezeichneten Regisseurin und Ex-Arte-Chefredakteurin ist die Arbeit von Schroeder und Hafner hervorragend recherchiert, faktengesättigt und dramaturgisch mitreißend erzählt.

Arte indes kam zu einem ganz anderen Schluss. Anfang Juni gab der Sender bekannt, dass die Dokumentation sich anders als verabredet nicht auf den Antisemitismus in Europa beschränke, sondern hauptsächlich auf Entwicklungen in Israel eingehe – was erwiesenermaßen nicht zutrifft. So spielen etwa die ersten 30 Minuten des Films komplett in Deutschland.

Ein weiterer Vorwurf von Arte: Ebenfalls entgegen der Absprachen trat Ahmad Mansour nicht als Autor in Erscheinung, sondern als Berater. »Dabei haben wir den WDR nachweislich von der Änderung in Kenntnis gesetzt, was für den Sender völlig in Ordnung war«, erklärt Regisseur Schroeder.

Vorwürfe Nachdem dann in der vergangenen Woche die Kritik an der Absage von Arte seitens der Medien und Organisationen wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland (O-Ton Zentralratspräsident Josef Schuster: »Ich halte die Ausstrahlung der Dokumentation für außerordentlich wichtig«) immer größer wurde, erklärte Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder, dass die Autoren zudem inhaltliche Fehler gemacht hätten. Diesem Vorwurf schloss sich vergangene Woche auch der WDR an. Der Sender werde den Film vorerst nicht ausstrahlen. Der Film enthalte zahlreiche Ungenauigkeiten und Tatsachenbehauptungen, bei denen die Beleglage zunächst nachvollzogen werden müsse.

Konkret geht es zum Beispiel um Zweifel an der Quelle von Äußerungen Mahmud Abbas’, die der Palästinenserpräsident in seiner Rede vor dem EU-Parlament 2016 getätigt hat. Dabei ist die Rede unter anderem über das Videoportal des EU-Parlaments öffentlich in vielen Sprachen zugänglich. Die Autoren zitieren Abbas mit der Behauptung, israelische Rabbiner hätten ihre Regierung aufgefordert, das Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten.

Für die vermeintlich inhaltlichen Bedenken von Arte und dem WDR macht Regisseur Schroeder politische Motive verantwortlich. Die Kritikpunkte seien ein Vorwand, die Dokumentation nicht zeigen zu müssen. Bereits bei der Vorstellung des Projekts im April 2015 gab es nur eine knappe Mehrheit. »Die Franzosen und die WDRler wollten den Film in Wahrheit ohnehin nie«, so Schroeder.

Ist der Film also zu kritisch für Arte? Nach Auskunft des Senders mitnichten. Doch wie für den Autor des Films liegen auch für den Historiker Götz Aly die wirklichen Gründe für die Ablehnung auf der Hand: Für Arte sei der Film »antimuslimisch und proisraelisch« und »schütte Öl ins Feuer«, ist Aly überzeugt. Ähnlich äußert sich Ahmad Mansour. Es steht Aussage gegen Aussage.

Hass Doch was genau zeigt die Dokumentation? Unter anderem die seit einigen Jahren virulenteste und gefährlichste Erscheinungsform des Antisemitismus: den Judenhass seitens vieler arabisch- und türkischstämmiger Europäer. Ausführlich und schonungslos wie selten im deutschen Fernsehen weisen Schroeder und Hafner nach, inwieweit der Hass auf Israel in Teilen der muslimischen Gemeinschaft ganz offen auch zum Hass auf Juden geworden ist.

Eindrucksvoll schneiden sie Bilder von jenen Szenen aus dem Sommer 2014 zusammen, als während des Gaza-Krieges von Berlin über Paris bis Brüssel Gruppen von hauptsächlich muslimischen Migranten auf die Straße zogen und »Juden ins Gas!«, »Adolf Hitler! Adolf Hitler!« sowie »Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!« skandierten.

Aber auch der ungebremste Judenhass vieler migrantischer Rapper, die bei der BDS-Bewegung weit verbreitete Ansicht von der Staatsgründung Israels als »zweitem Holocaust« und die höchst zweifelhafte Rolle von deutschen Journalisten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer spielen eine zentrale Rolle.

Nicht weniger denkwürdig ist das Interview mit dem – sozialistischen – Bürgermeister der französischen Stadt Sarcelles. 2014 hatten militante Ausschreitungen in Sarcelles weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Ein aufgebrachter antisemitischer Mob von mehr als 500 jungen Migranten machte Jagd auf Juden, zündete die Apotheke eines jüdischen Inhabers an und wollte die örtliche Synagoge niederbrennen. »Wenn Juden hier nicht mehr sicher leben können, ist Frankreich gescheitert«, sagt Bürgermeister François Pupponi.

prüfung Ob die Dokumentation angesichts der öffentlich geführten Diskussion noch im WDR oder auf Arte gezeigt werden wird, ist mehr als fraglich. Am Donnerstag dieser Woche gab der WDR bekannt, ein halbes Dutzend Rechercheure mit der Prüfung der Dokumentation beauftragt zu haben. Das Prüfungsteam bestehe aus Journalisten, Juristen und anderen Experten. Ein endgültiges Ergebnis werde im Laufe der kommenden Woche erwartet.

Dass es auch schneller und vor allem unbürokratischer geht, zeigte am Dienstag BILD Online: Auf ihrer Website machte die Zeitung den Film für 24 Stunden lang jedem Leser zugänglich.

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  10.05.2026

Kino

Preise des 32. Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg vergeben

Noch bis Sonntag zeigt das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg Produktionen aus 22 Ländern. Die beiden Hauptpreise wurden schon zur Halbzeit verliehen

 09.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026