Musik

Zen-Folkrock auf kosmischer Bühne

Der Vergangenheit verpflichtet: Leonard Cohen Foto: dpa

Die »Grand Tour« war vom 17. Jahrhundert bis zum Aufkommen der Eisenbahn ein Muss für betuchte junge Männer aus bestem Hause, die sich auf die Reise durch Europa machten auf der Suche nach Kunst und Geschichte. Nun ist Leonard Cohen kein junger Mann mehr und wurde in einen Mittelklassehaushalt hineingeboren, nicht in eine Aristokratenfamilie. Trotzdem hat er sein neues Livealbum Can’t Forget: A Souvenir of the Grand Tour genannt.

Gut betucht ist Leonard Cohen auch nicht mehr. Denn es sind Geldsorgen, die bewirken, dass der Sänger in den vergangenen Jahren wieder so präsent ist, umjubelte Konzerte spielt und neue Alben veröffentlicht. Seine Managerin Kelley Lynch veruntreute seit den 90er-Jahren Summen in Millionenhöhe, bis Cohen bankrott war. Weil Lynch inzwischen im Knast sitzt und schon vorher Zahlungen verweigerte, muss Cohen wohl oder übel wieder sein Bündel packen und durch die Welt ziehen.

Erweckung Die Konzerte, die er auf dieser »Grand Tour« spielt, sind aber keine Klingelbeutel-Klimperfeste auf Autopilot, sondern werden von allen Besuchern als musikalische Ereignisse an der Schwelle zur religiösen Erweckung beschrieben. Davon kann man sich auf dem Album Live in Dublin überzeugen, das im Dezember erschien. Darauf spielt Cohen alles, von »Suzanne« angefangen. Das jetzt nachgeschobene Album präsentiert indes kein karriereüberblickendes Best of, sondern Coverversionen und neue Songs, aufgenommen an verschiedenen Stationen seiner Tour.

Egal ob Hit oder B-Seite: Cohen ist einer der größten Singer-Songwriter. Jede weitere Einordnung ist schwer. Er ist nicht der kanadische Dylan. Wie jeden singenden Dichter – Cohen veröffentlichte vor seiner Musikkarriere Gedichte – verfolgt ihn der Vorwurf, die Musik zu vernachlässigen. Und Philister sagen ohnehin – da ist er wieder bei Dylan –, dass er nicht singen kann.

Seit den reduzierten »Suzanne«-Tagen ist viel Zeit vergangen. Cohen lässt sich von Hammondorgeln, Mandolinen, Slide-Gitarren und Background-Sängerinnen begleiten. Es ist die selbstbewusste Musik eines alten Mannes. Er ist der Vergangenheit verpflichtet, aber nicht überholt. Dabei zeigt er keine Alterssturheit, sondern lässt auch Humor zu. Auf dem Blues-Stampfer »Never Gave Nobody Trouble« samt klassischem Akkord verkündet er, niemals jemandem Ärger gemacht zu haben, aber dass es ist nicht zu spät sei, damit anzufangen: keine schlechte Ansage für einen 80-Jährigen.

frauen Schon von Anfang an war Cohen besonders gut darin, sich ätherische Frauenstimmen zur Unterstützung zu suchen. Seit ein paar Jahren lässt er sich von den Webb Sisters begleiten oder sogar ganze Songs singen, während er andächtig den Hut zieht. Das sind immer Konzert-Höhepunkte, und auch auf diesem Album ist »Joan of Arc«, ein Duett mit Hattie Webb, ein Highlight.

Cohen ist eben etwas für Kenner, auf einem Livedokument wie diesem sowieso. Aber er zeigt sich zugleich auch als ebenso souveräner wie großzügiger Künstler, der immer noch etwas geben will. Cohens Konzept geht auf: jüdischer Zen-Folkrock auf kosmischer Bühne.

Leonard Cohen: »Leonard Cohen: Can’t Forget: A Souvenir Of The Grand Tour«. Columbia 2015

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020